Berlinale-Film: "Julia" Endlich ein Tier sein

Der Film "Julia" wird auf der Berlinale mit größter Spannung erwartet: Tilda Swinton ist darin keine kühle britische Leinwandgöttin mehr - sondern eine brutale Alkoholikerin, vor der man sich ekelt. Sie selbst gefällt sich in der Rolle.

Von Tobias Kniebe

Wenn im Festivalpalast ein Film läuft, verfällt das riesige Foyer am Potsdamer Platz in eine merkwürdige Stille. Man braucht schon einen sehr guten Grund, um jetzt nicht drinnen vor der Leinwand zu sitzen, sondern weiter in der verwaisten Lobby auszuharren. Einen Grund wie Tilda Swinton, 47, den großen weiblichen Star des ersten Berlinale-Wochenendes. Enger schwarzer Pullover, schwarzer Rock, hohe schwarze Stiefel, darüber ein flammendroter Haarschopf, jungenhaft kurz geschoren und in alle Richtungen leuchtend.

Tilda Swinton: Auf der Suche nach menschlichen Abgründen.

(Foto: Foto: dpa)

Ihr Gesicht ist genauso makellos weiß, wie man es von der Leinwand kennt, und sie strahlt die innere Ruhe eines Menschen aus, der gerade etwas Großes geleistet hat. Das hat sie auch: Ihr Film "Julia", eine schmerzhaft intime und schrankenlos vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem französischen Regisseur Erick Zonca, wird im Wettbewerb mit größter Spannung erwartet. "Für mich war das fast eine zoologische Studie", sagt sie. "Die Studie eines wunderschönen Tieres, das ganz auf seine Überlebensinstinkte zurückgeworfen wird."

Teilen ist nicht ihr Ding

Diese Julia, die in eine brutale Kindesentführung im Grenzland zwischen Kalifornien und Mexiko verwickelt wird, ist zunächst nur eine Alkoholikerin, die dringend Hilfe braucht. Es gibt sogar Menschen, die ihr helfen würden: Der freundliche Mitch (Saul Rubinek) zum Beispiel, der von seiner Vergangenheit als alkoholkranker Familientyrann verfolgt wird; oder die netten Menschen bei den Anonymen Alkoholikern, die gern sehen würden, wie sie zusammenbricht und ihre Qual mit der Gruppe teilt.

Teilen ist aber nicht Julias Ding, ebensowenig wie Zusammenbrechen. Sie hält fest an der Idee, dass eine Frau sich für ihre Egomanie und für ihre Exzesse genausowenig entschuldigen muss wie ein Mann, ist sich sicher, dass sie immer irgendwie durchkommen wird. Es hat ja auch bisher funktioniert - diese Erscheinung mit der flammendroten Mähne und den leuchtend grünen Augen hat fast immer ihren Willen durchsetzen können. "Unser Ziel war es", sagt Tilda Swinton, "etwas ziemlich Radikales zeigen: Eine Frau, die sich vollkommen vom gesellschaftlichen Bild der Weiblichkeit entfernt hat."

Radikal ist auch die Art, wie Tilda Swinton sich dabei vor der Kamera entblößt. Der Morgen des Horrors nach einer komatösen Nacht ohne Erinnerung, die gnadenlose Sonne auf ihrem bleichen gequälten Fleisch: Fast meint man, den Gestank ihres ausgedörrten Mundes zu riechen, so wenig scheut sich Swinton vor der physischen Realität der Sucht, die sie besessen studiert hat.

Dieses Beharren auf der greifbar menschlichen, jämmerlich-realistischen Präsenz ihrer Figuren ist inzwischen ein durchgehendes Thema bei ihr. Auch ihre Rolle in "Michael Clayton", die gewissenlose Star-Anwältin eines multinationalen Chemiekonzerns, hat sie so angelegt: Man spürt auch immer die Angst dieser Frau, den mörderischen Druck, unter dem sie steht, man sieht die hässlichen Schweißflecken unter ihrem makellosen Business-Kostüm - und gerade dass macht sie so brandgefährlich: Diese Gehetzte, die auf ihre Weise ganz ähnlich ums Überleben kämpft wie "Julia", ist zu mehr fähig als alle normale Antagonisten im Mainstream-Kino Hollywoods.

Die kühle britische Leinwandgöttin

"Die Rolle der Julia hat ein neues Tor für mich geöffnet, nach dem ich schon sehr lange gesucht habe", sagt Tilda Swinton und senkt ihren ernsten Blick noch tiefer in die Augen des Gesprächspartners. Was auch bedeutet, dass sie, trotz ihres großen künstlerischen Erfolgs in den Filmen von Derek Jarman und Sally Potter, trotz ihrer Hollywood-Karriere als "White Witch", der bösen Herrscherin des Phantasiereichs Narnia, sich auch in ihrem bisher Image gefangen fühlte: Fast immer hat sie diese überirdischen Wesen gespielt, von makellosem Teint und androgyner Sinnlichkeit, gleichermaßen geprägt von Tradition der großen Maler der Vergangenheit wie vom expressiven Ausdruckswillen des britischen Kunstkinos. Bis heute bezeichnet sie den 1994 an AIDS gestorbenen Jarman als ihren Mentor.

Er hat sie nicht nur entdeckt und von der Royal Shakespeare Company weggeholt, sondern gewissermaßen überhaupt erst erschaffen - nicht unähnlich dem legendären Sternberg, der Marlene Dietrich nach seinem Willen formte. Seine Werk sei zu schnell in Vergessenheit geraten, sagt Tilda Swinton und bereitet deshalb den Dokumentarfilm "Derek" vor, in dem sie aus ihrer Sicht an den Filmemacher erinnert.

Der Weg, den sie als Schauspielerin geht, führt sie jetzt allerdings immer weiter von diesen Ursprüngen fort. Die kühlen britischen Leinwandgöttinnen, die sie früher verkörpert hat, passten noch irgendwie zu ihrer aristokratischen Herkunft aus einer alten schottischen Adelsfamilie, die ihre Ursprünge bis ins neunte Jahrhundert zurückverfolgen kann. Nur die feinsten Internate des Empire schienen gut genug für ihre Erziehung, eine ihrer Klassenkameradinnen war niemand anders als Diana Spencer, ihr Vater war ein hoher General.

Wunderbar animalisches Wesen

Ist "Julia" nun also das Ende eines langen Weges, vom Geschöpf der britischen Upperclass zum Tier zu werden - einem Tier, das völlig von seinen Instinkten getrieben wird, das lügt wie gedruckt, das tötet, wenn es in die Enge getrieben wird, dass seinen eigenen Wahnsinn noch gegen die wahnsinnigsten mexikanischen Gangster behaupten kann? Da lacht Tilda Swinton herzlich und nickt: "Das kann man wirklich so sagen, und es würde mich glücklich machen. Ich würde mich freuen, endlich Tier zu sein."

Die neue Phase ihres Schaffens, in die sie jetzt eingetreten ist, nennt sie im Scherz auch schon die "zoologische", und auch ihren Regisseur Zonca ein "wunderbares animalisches Wesen." Ohne das Sicherheitsnetz aus Liebe und Ermutigung, das er um sie herum gesponnen habe, hätte sie es nie gewagt, sich so tief in den Abgründen dieser Figur zu verlieren. "Nach dem Tod von Derek Jarman dachte ich lange Zeit, dass es für mich nicht mehr weiter geht. Was sollte nach neun Jahren mit ihm noch kommen?" Das Leben selbst, nicht zuletzt die qualvolle Geburt ihrer Zwillinge, hat sie jedoch eines Besseren belehrt: "Alles ist Veränderung, das ist das einzige, worauf wir zählen können. Und inzwischen verstehe ich gar nicht mehr, wie man davor Angst haben kann."

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