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Berlinale 2021:Sogar lustig

Berlinale 2021 Ich bin dein Mensch

Links eine Frau, rechts ein Dating-Roboter: Maren Eggert und Dan Stevens in "Ich bin dein Mensch" von Maria Schrader.

(Foto: Christine Fenzl)

Daniel Brühl, Dominik Graf, Maria Schrader: Der deutsche Film hat ein starkes Jahr auf der Berlinale. Schockierenderweise ist auch nicht alles deprimierend.

Von Kathleen Hildebrand

Sitzt eine schöne Frau einem schönen Mann in einem Tanzlokal gegenüber. Der Bordeaux ist bestellt, er sieht ihr intensiv in die Augen, die er gleich mit zwei Bergseen vergleichen wird. Was tut sie? Sie fragt ihn: "Was ist 3587 mal 982 geteilt durch 731?" Und er antwortet, ohne sichtbares Nachdenken: "4818,65116."

Die Szene stammt aus "Ich bin dein Mensch", dem Wettbewerbsbeitrag von Maria Schrader, der am Montag im Online-Programm der Berlinale zu sehen war. Die Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Schrader ist eine von vier Filmemachern aus Deutschland, die 2021 einen Film im Wettbewerb haben: bei insgesamt 15 Filmen ein ungewöhnlich hoher Anteil. Mit "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth ist auch ein Dokumentarfilm darunter und auch in den anderen Sektionen des Festivalprogramms ist der deutsche Film gut vertreten: Mit dem ambitionierten Sci-Fi-Film "Tides" von Tim Fehlbaum ("Hell"), Christian Schwochows "Je suis Karl" über eine fiktive rechtspopulistische Jugendbewegung, der absurden Kapitalismuskritik "Blutsauger" von Julian Radlmaier und "Die Welt wird eine andere sein", dem neuen Film von Anne Zohra Berrached ("24 Wochen").

Was nach Jahren der Krebs- und Abtreibungsdramen geradezu schockiert: Gerade die drei Wettbewerbsfilme, die bisher zu sehen waren, haben, obwohl deutsch, überraschend viele heitere, komische Momente.

Daniel Kehlmann hat das Drehbuch zu Daniel Brühls Regiedebüt geschrieben

Die Frau in der Eingangsszene von "Ich bin dein Mensch" zum Beispiel ist Alma, Altertumsforscherin im Berliner Pergamonmuseum der nicht ganz fernen Zukunft. Dass sie ihrem Gegenüber so eine wenig romantische Frage stellt, liegt daran, dass er ein Roboter ist, programmiert, um sich ganz und gar auf die Person einzustellen, der er zugewiesen ist. Er soll der perfekte Partner für Alma (Maren Eggert) werden. Gespielt wird er von Dan Stevens, dem britischen Schauspieler, der lustigerweise mit einer Traummann-Rolle in der Adelsserie "Downton Abbey" bekannt geworden ist. Seinen britischen Akzent durfte er behalten. Alma steht nämlich auf Männer, die etwas "leicht Fremdes haben. Nicht einheimisch, aber auch nicht exotisch. Briten eben". Alma macht es ihm nicht leicht. Sie will sich nämlich gar nicht verlieben, sondern nur eine Studie schreiben für die Ethikkommission, die wiederum entscheiden muss, ob diesen Robotern Menschenrechte zugestanden werden können.

Berlinale 2021 Fabian

Tom Schilling und Saskia Rosendahl in der Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde".

(Foto: Hanno Lentz/Lupa Film)

Maria Schrader folgt diesem klassischen "Odd couple" durch ein paar Berliner Sommertage. Der Film ist wie ein gelungener Flirt, keine Szene, keine Geste ist ohne Bedeutung, und ständig gibt es etwas zu lachen, auch wenn die beiden lange Zeit gar nicht miteinander harmonieren wollen - oder natürlich genau deshalb. Am Ende steht eine melancholische Erkenntnis über die Liebe, die Alma intellektuell mit allen Mitteln abzuwehren versucht.

Auch in "Nebenan", Daniel Brühls Regiedebüt, das ebenfalls um einen Bären konkurriert, ist Sommer in Berlin. Doch die Stadt ist bei ihm ganz gegenwärtig. Mitten im Gentrifizierungswahnsinn des alten Ostens wohnt der berühmte Schauspieler Daniel in einem architekturmagazinwürdigen Maisonette-Penthouse. Außen Glas, innen Sichtbeton. Mit ihm wohnen Frau, zwei süße Söhne und ein Kindermädchen. Auf dem Weg zum Vorsprechen für einen Hollywood-Superheldenfilm kehrt er morgens noch in der Altberliner Eckkneipe "Zur Brust" ein, wo er oft hingeht. Offenbar, um sich erdig und unschnöselig zu fühlen, vielleicht aber auch ein bisschen überlegen. Und zur Brust wird er dort dann auch genommen: Bruno, Ostberliner im beigefarbenen Frührentner-Outfit und das, was man einen "Wendeverlierer" nennt, spricht ihn an. Bruno weiß beängstigend viel über Daniel und seine Familie. Ihre Begegnung schwankt zwischen Grusel, Wut und Entblößung, während Bruno (Peter Kurth) Daniels Leben auseinandernimmt.

Das schwarzhumorige Drehbuch zu "Nebenan" stammt von Daniel Kehlmann, und auch wenn für ein reines Bar-Kammerspiel vielleicht der letzte Tick Dynamik fehlt, ist es ein Vergnügen, Kurth und Brühl beim gegenseitigen Wundenschlagen zuzusehen. Der Film ist vor allem eines: wahnsinnig clever. Denn natürlich spielt Daniel Brühl hier eine Version seiner selbst: den erfolgreichen, reichen, arroganten aber geliebt werden wollenden Wessi, der ständig jemandem 20 Euro in die Hand drückt. Er greift alles auf, was man Negatives über ihn denken kann und nimmt einer möglichen herablassenden Kritik am Regiedebüt eines Schauspielers damit allen Wind aus den Segeln: "Ich seh immer nur dich!", sagt Bruno über Daniels Schauspielfähigkeiten. Brühl schont sich nicht, und das macht "Nebenan" zu einer wirklich famosen Komödie.

Obwohl der Film 1931 spielt, scheint immer die Gegenwart durch

Der dritte Berliner Filmsommer im Berlinale-Wettbewerb spielt im Jahr 1931: Mit "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" steuert Dominik Graf den vielleicht bärenwürdigsten der deutschen Wettbewerbsbeiträge bei. Er hat den moralistischen Erich-Kästner-Klassiker gründlich entsäuert und ein Gesellschaftsporträt der frühen Dreißigerjahre daraus gemacht, das so durchscheinend ist, dass man oft vergisst, nicht im Berlin der Gegenwart zu sein. Kein Kostüm ist überhistorisiert, zu Füßen der Figuren sieht man in einer Szene bronzene Stolpersteine zum Gedenken an ermordete Juden, und im Untergrund-Kabarett lassen sich ein paar Verrückte vom Publikum beleidigen wie heute in Castingshows. Auch in die Zeit direkt nach 1931 blickt Graf unaufdringlich voraus: Ein junger Universitätsangestellter, der gerade bloß sehr rigoros geschnittene Haare hat, ist kurz in Naziuniform zu sehen. Ein paar SA-Typen durchschneiden mit Pfiffen autoritär die ruhige Nacht.

Das Herrlichste aber sind die Schauspieler: Tom Schilling als Fabian, Saskia Rosendahl als Cornelia und Albrecht Schuch als Stefan Labude lieben, lachen und leiden so unverstellt an ihrer Zeit und dem Leben, dass es eine gewaltige filmische Freude ist. "Fabian" ist ein Film, dessen sommerlich-melancholische Bilder man genießt, der aber trotzdem auf sympathische Art so sperrig ist, dass man ihn so schnell nicht mehr vergisst.

Berlin ist Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in den drei bemerkenswerten deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Eine Stadt, die von und mit ihrer Geschichte lebt und die trotzdem sommerlich und heiter sein kann. Keine schlechte Diagnose für die Heimatstadt dieses Festivals.

© SZ/dbs
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