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Berlinale-Eröffnungsfilm:Verglühen vor der Kamera

Ein furioser Auftakt: Martin Scorseses Rolling-Stones-Dokumentarfilm "Shine a Light" eröffnet die Berlinale. Das Fehlen einer Geschichte wird vom Drive der Altrocker kompensiert.

Das Kino flirtet gerne mit der Musik, aber eine beständige Beziehung ist nie daraus geworden. Ging es, von Bowie bis Justin Timberlake, nicht meist darum, den Ruhm der Popstars fürs Kino nutzbar zu machen, die Fans der Musik als Publikum für die Filme zu gewinnen?

"Shine a Light" auf der Berlinale: Martin Scorsese und Mick Jagger weilen zur Weltpremiere nach Berlin.

(Foto: Foto: dpa)

So etwas Ähnliches hatte zweifellos auch Dieter Kosslick im Sinn, als er diese Berlinale mit Scorsese und den Stones eröffnete. Eine explosive Verbindung zweier Unterhaltungsgenres: Honi soit qui mal y pense! Und der Songtitel der Stones, mit dem Scorsese seine Hommage an die Bandüberschrieb, macht sich auch als Motto eines Filmfestivals allemal gut.

Schon vor dreißig Jahren hat Martin Scorsese mit seinem Film "The Last Waltz" Musikfilmgeschichte geschrieben, und so wie er sich damals auf die Abschiedsgala von The Band konzentrierte, tut er es heute mit zwei Konzerten der Rolling Stones im New Yorker Beacon Theatre.

Alles, was ein Film braucht

Statt noch einen weiteren Film über die "meistdokumentierte Rockband der Welt" zu machen, wollte er die flüchtige Essenz des Konzerterlebnisses auf Film bannen, jene irrsinnige Energie, die live auch 100000 Zuschauer in ihren Bann schlagen kann. Und sich doch so schlecht ins Kino übertragen lässt: Rockstars verglühen vor der Kamera, wie Mick Jagger bei seinem Auftritt in Nicholas Roegs "Performance", und das, obwohl er eigentlich nur sich selbst spielt.

Natürlich geht es in "Shine a Light" auch um die Funken von Scorseses eigener Liebesgeschichte mit den Stones, deren Songs den Schnittrhythmus vieler seiner Filme inspiriert haben. Und wie Wim Wenders oder Jonathan Demme nutzt auch er ganz nebenbei das Privileg, den Stars seiner Jugend für ein Paar Wochen gemeinsamer Arbeit näher zu kommen, als sich jeder durchschnittliche Fan erträumen kann. Im Wesentlichen hat "Shine A Light", der als erster Dokumentarfilm den Wettbewerb der Berlinale eröffnet, alles was ein Spielfilm braucht - einen Schauplatz, drei Stars und sogar ein wenig Humor in den Interviewschnipseln.

Wie süchtig die Liebe macht

Das Fehlen einer Geschichte kompensiert Scorsese mit Energie, mit dem ungeheuren Drive, mit dem Mick Jagger auch mit sechzig noch zwischen seinen Gitarristen über die Bühne tobt, auch wenn dieser spirrelige und zerknitterte Derwisch zugegebenermaßen bisweilen ein wenig merkwürdig anmutet. Scorsese ließ das mit siebzehn fliegenden und gleitenden Kameraaugen aufnehmen, um sie anschließend in einer virtuosen Schnittfolge zu choreographieren. Dass die Zusammenarbeit bisweilen auch eine Kraftprobe war, lässt Scorsese am Anfang des Films durchblicken. Da wirkt Jagger bei den Absprachen über Ablaufplan, Bühnenarchitektur und Lichtdesign nicht unbedingt entgegenkommend.

Am schönsten ist der Film immer dann, wenn Scorsese den Konzertszenen mit dem Blick des Regisseurs doch ein wenig von einer schlummernden Geschichte entlockt - wenn er die Musiker mit demselben Gespür für die Charaktere, für die Dynamik, die eine Gruppe entwickelt, beobachtet, mit dem er sich seinen Gangstern und Cops nähert in "Goodfellas" und "Departed", wenn man also ganz nah dabei ist, wenn sich Ron, Keith und Mick necken und herausfordern, sich hofieren und zurückweisen und wenn man spürt, wie sich die Kräfteverhältnisse verändern, sobald ein Neuer dazu kommt.

Oder wie Keith Richards das erotisch aufgeladene Duett zwischen Christina Aguilera und Mick mit einem schmunzelnd vieldeutigen Blick kommentiert. Die ganz große Liebesgeschichte aber findet zwischen den Musikern und ihrem Publikum statt. Das ist es, was Keith Richards meint, wenn er sagt "Auf der Bühne denke ich nicht, da fühle ich nur."

Die Zuschauermasse ist ein Monster, das es zu bändigen, die Geliebte, die es zu verführen gilt. Wie süchtig diese Liebe macht, das ahnte Mick Jagger schon vor 35 Jahren als ihn der Talkshowmoderator Dick Cavett fragte, ob er sich vorstellen könne, auch mit 60 Jahren noch solche Liveshows zu absolvieren: "Yeah, absolutely!" Die Berlinale hatte ihren furiosen Auftakt. Jetzt kann es ernst werden.