Berlinale-Entdeckung aus Deutschland:Bye, bye, Betroffenheit

"Futur Drei" von Faraz Shariat erzählt Migrationsgeschichte neu und anders.

Von Sofia Glasl

Auf Filmfestivals kommt manchmal das Raum-Zeit-Kontinuum ins Stocken - und in diesen Augenblicken des Stillstands passiert Magisches. Ein solcher Moment war die Weltpremiere des Films "Futur Drei" von Faraz Shariat. Der Film läuft in der Sektion Panorama und ist der erste Langfilm des um Shariat gegründeten Kollektivs "Jünglinge" aus Hildesheim. Basierend auf eigenen Erlebnissen, erzählt er vom Jugendlichen Parvis, einem assimilierten und offen schwul lebenden Deutsch-Iraner, der in einer Flüchtlingseinrichtung Sozialstunden ableisten muss. Hier verliebt er sich in den aus Iran geflüchteten Amon und freundet sich mit dessen Schwester Banafshe an. Die drei feiern zusammen, spielen Fußball, reden. Viel mehr passiert nicht: In "Futur Drei" geht es um ein Lebensgefühl, und das erfasst Shariat in einem Flow aus Homevideos, Spielszenen, überhöhter Musikvideoästhetik und popkultureller Verweise.

Filmstills

Theater-Jungstar Benjamin Radjaipour spielt Parvis in „Futur Drei“.

(Foto: Berlinale)

Dieses Lebensgefühl ist das einer post-migrantischen Generation, die sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegt und diese auch aktiv repräsentiert, indem sie diverse, queere und feministische Geschichten lebt und erzählt. Shariat schickt sein Alter Ego Parvis auf eine Erkenntnisreise, auf der er sich nicht nur seiner Wurzeln bewusst wird, sondern diese zu einer Rückeroberung seiner Identität nutzt. Am Anfang des Films ist er ein weltfremder und verzogener Twen, der sich mehr Gedanken darüber macht, wie er sich für das nächste Grindr-Sexdate inszeniert, als darüber, wie viel seine Eltern für seine selbstverständlichen Freiheiten geopfert haben. Die Begegnung mit Amon und Banafshe lässt ihn seine privilegierte Situation begreifen und wertschätzen.

Ein weltfremder und verzogener Twen begegnet seinen Wurzeln wieder

Shariat lädt damit die klassische Story des Coming-of-Age-Films mit einer Selbstermächtigung auf. Das ist eine wichtige Kehrtwende im deutschen Film - weg von Betroffenheitserzählungen und Feelgood-Komödien, die Geschichten von Flüchtlingen oder Migranten entweder emotional ausschlachten oder als Gagmaschine benutzen. Der Film fragt weniger danach, warum Parvis' Eltern oder Amon nach Deutschland gekommen sind, sondern wohin sie wollen.

Migrationserfahrungen dreier Generationen kommunizieren in "Futur Drei" in vibrierenden Bildern miteinander: Homevideos aus Shariats Kindheit, Parvis' offen gelebte Sexualität, das Einfamilienhaus in der Provinz, die Transitwelt im Flüchtlingszentrum und wilde Partynächte mit Amin und Banafshe. Diese Elemente fügt Shariat zu einem rauschhaften Sog aus Emotionen, Erfahrungen und Ästhetiken zusammen, alles darf und soll Brüche und mehrere Ebenen haben. Die Durchlässigkeit von Autobiografie und popkultureller Überhöhung erzeugt eine enorme Nähe zum Zuschauer.

Wie notwendig Filme wie "Futur Drei" sind, wurde auf der Premiere deutlich. Sichtlich berauscht und ergriffen feierte das Publikum den Film, eine Zuschauerin bedankte sich bei den Machern unter Tränen dafür, eine Tür aufgestoßen zu haben. Denn plötzlich scheint Kino jenseits von mitleidsdurchtränkten Flüchtlingsdramen und starren Förder- und Produktionsrichtlinien möglich zu sein.

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