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Berlin Song Contest:Schmöckwitz, aber sexy

Berlin Song Contest

Die Gewinner beim zweiten BSC-Halbfinale: glücklich und gut.

(Foto: Gerd Schlemermeyer)

Was die beim Eurovision Song Contest können, können wir schon lange. Das dachten sich die Berliner und stellten einen eigenen Song Contest auf die Beine. Erstaunlicherweise gibt es beim schrillen Sangeswettbewerb der Stadtteile kaum Peinlichkeiten. Im Gegenteil.

"Ich habe mir Gropiusstadt ausgesucht, weil ich da noch nie war", erklärt Rotschopf und Sängerin Carmen Underwater im Videoclip zu ihrem Beitrag für den Berlin Song Contest - und das Publikum des Halbfinals im O-TonArt-Theater bricht in Lachen aus. Was schon mal zwei Aspekte des lokalen Sangeswettbewerbs, der sich am legendären Eurovision Song Contest orientiert, ganz gut beleuchtet:

Erstens treten hier Sänger und Bands für verschiedene Berliner Stadtteile gegeneinander an - nicht etwa aus verschiedenen Stadtteilen, wie man annehmen könnte. Initiator Kriss Rudolph erklärt, dass ansonsten von den 20 Finalisten die meisten aus Neukölln, Kreuzberg und Prenzlberg kämen, das mache ja keinen Sinn. Deshalb durften alle Bewerber im Vorfeld drei Stadtteile nennen, die für sie infrage kämen, die Veranstalter haben sie dann zugeteilt.

Schräg und queer

Zweitens: Die Stimmung bei den beiden Halbfinalen war bisher bombig - sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Denn ein eigener Song-Contest, nur für Berliner, das taugt den Hauptstädtern. Eine Lena Meyer-Landrut oder ein bisschen Frieden, das haben ja viele. Aber so schräg und queer wie der Berliner Durchschnittskünstler, der hier auftritt - das sind die wenigsten. Und siehe da, die Idee funktioniert. Fast besser als das große Vorbild, der ESC.

Da saßen sie nun also beim ersten Halbfinale vergangene Woche im BKA-Theater in Kreuzberg und beim zweiten im O-TonArt-Theater in Schöneberg - und waren begeistert. Vom Kabarett-Gefühl, das die Locations vorgeben und das schon mal den Rahmen absteckte für einen Wettbewerb, der durchaus auch lustig gemeint ist.

Traditionell sind bei solchen und ähnlichen Veranstaltungen viele ESC-Fans, oft aus der homosexuellen Szene, mit Prosecco unterwegs und wollen schräge Kostüme und herzzerreißende Auftritte erleben. All das wurde auch geboten, inklusive der Moderation durch die mal in Weltraum-, mal in grünen Leopardenleggins und Glitzer-Hasenohren aufgepeppte Transsexuelle mit dem Künstlernamen Gisela Sommer und Veranstalter Kriss Rudolph.

"I Wish I Was A Lesbian"

Auch einige der Sangeskünstler ließen sich nicht lumpen: Die israelische Sängerin der Band Madlick etwa, die für Wedding ihren experimentellen Techno-Pop-Song "Hey Yoko Ono" mit selbstgebastelter Riesensonnenbrille und Kapuze zum Besten gab. Beim nächsten Auftritt mit dem Song "I Wish I Was A Lesbian" trug sie viel Ausschnitt und Schotten-Minirock. Für den Stadtteil Schmöckwitz trat das Lady-Duo Scheeselong an, in verführerischem 20er-Jahre-Glitzer-Diven-Outfit - und spielte eher Theater als zu singen. Doch die Optik war perfekt.

Berlin Song Contest

Launige Moderatoren: Gisela Sommer (links) und Kriss Rudolph

(Foto: Gerd Schlemermeyer)

Bezaubernd komisch - oder einfach gut

Nicht ganz in ihr strammes Outfit passte Sängerin Lili Sommerfeld. Aber das machte überhaupt nichts, im Gegenteil: Mit ihrem mitreißenden Auftritt, dem kurz zuvor geschriebenen Dance-Song "The War Is Over When We Dance" und ihrer vollen Stimme avancierte sie binnen Sekunden nicht nur zur "Beyoncé von Kreuzberg", sondern glatt zum Publikumsliebling des ersten Halbfinales. Ähnlich wie der libanesische Künstler YaSeeDee, der mit einem Lied über Schnee im zweiten Halbfinale für Lichtenrade antrat - und zwar so bezaubernd irre und komisch, dass das Publikum kaum anders konnte, als begeistert zu sein.

Berlin Song Contest

Mitreißend: Lili Sommerfeld

(Foto: Jörn Hartmann)

Doch bei allem Spaß an der Freud: Die überraschendsten Auftritte waren nicht die schrägen, denn die waren ja nicht anders erwartet worden. Sondern die anderen Auftritte, mal leiser, mal lauter, bei denen es vorrangig um die Musik ging.

Was im Untergrund schlummert

Wieviel Talent, Leidenschaft und unentdeckte Musikkünstler diese Hauptstadt im Untergrund zu bieten hat, ist schon erstaunlich. Das ist schon alleine daran zu erkennen, wie stark die Nachwuchskünstler waren, die bereits im Halbfinale ausgeschieden sind. Bekanntermaßen kann immer nur einer gewinnen. Aber die Qualität eines Wettbewerbs erkennt man manchmal auch an denen, die vorher gehen müssen. An Christina Fielder für Steglitz etwa, die mit ihrem jazzigem Funk-Pop-Soul-Gesang unbedingt mehr verdient hätte. Oder an Dirk Weidner für Moabit, der herzzerreißend den so liebestollen wie beziehungsuntauglichen Cowboy mit Gitarre gab.

Nicht mal Luci van Org schaffte es weiter als bis zum Halbfinale, eine alte Bekannte des Showgeschäfts, die vor 20 Jahren mit "Weil ich ein Mädchen bin" die Charts stürmte und nun mit ihrem Mann als das Duo Meystersinger auf der Bühne begeisterte.

Von der Straßensängerin bis zum Design-Outfit

Immerhin: Ein paar der wirklich Guten sind auch weitergekommen (entschieden haben das Publikum und eine Jury) und treten nun an diesem Samstag, 19. April, im BSC-Finale im SchwuZ (Berliner Schwulenzentrum) gegeneinander an.

Naëma zum Beispiel für den Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl, die mit zarter Stimme zu kühlen Elektroklängen punktete, oder Annika Silja Sesterhenn für Britz (Neukölln), mit energiegeladenem jazzigem Gesang vom Allerfeinsten. Hinter der Band Mädchen aus Berlin (für den Stadtteil Buch) steckt eine Straßensängerin, die sich normalerweise am Alexanderplatz verdingt und beim BSC sehr authentisches Liedmaterial zum Besten gab. Oder auch Lulu Schmidt (sang für Mitte): Die Künstlerin überzeugte mit ihrer Bühnen-Choreographie inklusive zweier Transen in selbstbemalten T-Shirts, im schwarzen Lack-Matrosen-Strampler und dem Titel "I am not me" derart, dass der Gesang fast zweitrangig schien. Mehr Berlin-Mitte als dieser Auftritt geht kaum.

50 Künstler haben sich beworben, sie alle leben in Berlin - und ihr Bewerbungssong wurde zuvor nicht veröffentlicht. Das war die Bedingung. Die zehn Finalisten bieten nun einen repräsentativen Querschnitt der meisten aktuellen Musikrichtungen, gepaart mit exzentrischen bis puristischen Auftritten.

Insofern können sich die Berliner beim BSC-Finale auf einen lauten und bunten Abend freuen. Bei dem es womöglich am Ende heißen könnte: Kreuzberg - Douze Points!

Weitere Infos zum Berlin Song Contest gibt es hier.