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Berlin:So ein Theater

Die Besetzung der Volksbühne wird zum Höhepunkt im Kulturkampf um das Haus, das nun unter der Intendanz von Chris Dercon steht.

Die aktuelle Spielzeit hatte noch gar nicht richtig begonnen, da gab es schon einen Höhepunkt, der als Theaterevent der Saison kaum zu übertreffen ist: die Besetzung der Berliner Volksbühne durch ein Kollektiv, das sich "Staub zu Glitzer" nennt oder auch "VB 61-12", angelehnt an den Namen einer Atombombe. Sieben Tage lang okkupierten die Aktivisten Ende September das berühmte Haus am Rosa-Luxemburg-Platz, das nach dem Ende der Ära von Frank Castorf noch nicht wieder eröffnet war. Der neue, heftig umstrittene Intendant Chris Dercon hatte bis dahin nur den Flughafen Tempelhof bespielt, wo er vor allem Tanztheater zeigte. Seinen Start im Volksbühnenbau hatte er ungewöhnlich spät erst für November angesetzt.

An der Fassade des schlummernden Hauses brachten die Besetzer ein keckes Transparent mit der Aufschrift "DOCH KUNST" an, auf einer Banderole im Treppenhaus stand: "Make Berlin Geil Again". Sich selbst bezeichnete die bunte Gruppe als "feministisch, antirassistisch und queer", ihre Aktion als "transmediale Theaterinszenierung". Inhaltlich ging es dabei weniger um Kritik an dem Museumsmann Dercon, von dem viele eine Umwandlung der Volksbühne in ein internationales Gastspielhaus befürchten, als um stadtpolitische Ziele: urbane Lebensqualität, Teilhabe, "Wiedergewinnung von öffentlichem Raum in einem Jahrzehnt der Privatisierung und Kommerzialisierung".

Volksbuehne Berlin besetzt Volksbuehne Berlin besetzt

Die rote Flora lässt grüßen: Sieben Tage lang hielten junge Aktivisten das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt.

(Foto: Roland Owsnitzki/imago)

So gentrifizierungskritisch gut gemeint und friedlich umgesetzt das alles war, so großkotzig anmaßend und planlos war es auch. Die traditionsreiche Berliner Volksbühne ist schließlich nicht nur ein aufmerksamkeitsträchtiger Symbolort für die Stadtentwicklung in der touristisch attraktiven Metropole Berlin, sondern in erster Linie: ein Stadttheater - also ein Ort der Kunstproduktion und damit auch der staatlich geschützten Kunstfreiheit. Ein Ort, der mit Steuergeldern öffentlich finanziert wird. Diesen Ort in künstlerischer Eigenermächtigung zu besetzen und die dort Arbeitenden in ihrer Kunst zu behindern (Susanne Kennedy und Tino Sehgal hatten gerade angefangen zu proben), ist ein zutiefst kontraproduktiver, kunstfeindlicher Akt.

Die Aktivisten wollten das Theater nicht nur besetzen, sondern es in einer "kollektiven Intendanz" längerfristig übernehmen, um dort ihr eigenes Ding zu machen, etwas mit "laufender Performance", "sozialer Plastik" und so. Dercon boten sie großzügig an, bei ihnen mitzumachen - als "Gleicher unter Gleichen" in einem "partizipativen Open Space". Das Programm, das sie in den Putsch-Tagen veranstalteten, erschöpfte sich dann allerdings erst mal in Vollversammlungen und Partys. Daneben gab es Schreibwerkstätten und Kinderschminken.

Zettel mit Informationen im Eingangsbereich in der von Aktivisten besetzten Berliner Volksbuehne au

Die als „transmediale Inszenierung“ deklarierte Aktion war auch eine Zettelwirtschaft.

(Foto: Tom Maelsa/imago)

Als die Senatsverwaltung und der lange sich zurückhaltende Hausherr Dercon den Besetzern anboten, ihnen künftig am Haus zwei Räume zu überlassen - den Grünen Salon und den Volksbühnen-Pavillon -, gingen diese nicht darauf ein, beziehungsweise konnten sich nicht zeitnah einigen. Blöd gelaufen, Chance vertan. Tags darauf, am 28. September, erstattete Dercon Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, und die Volksbühne wurde geräumt. Es gab weder Ausschreitungen noch Widerstand, auch die Polizei soll nett gewesen sein.

So war der große Aufreger der Saison auch gleich ein großer Absacker. Mit Verlierern auf allen Seiten. Die "Staub zu Glitzer"-Protestler haben sich etwaige Sympathien bei vielen verspielt - auch bei Leuten, die ähnlich wie sie den Global Player Dercon für den falschen Mann mit den falschen Signalen an der Volksbühne halten. Dieser wiederum gilt jetzt als Theaterräumer mit Schupo-Gewalt, unfähig zur Kommunikation mit Leuten, die eigentlich sein Publikum sein müssten.

Der umstrittene Intendant Chris Dercon mit seinem Markenzeichen: einem Knitterschal.

(Foto: Regina Schmeken)

Und die Berliner Kulturpolitik hat sich in Sachen Dercon von Anfang an nicht mit Ruhm bekleckert. Die umstrittene Entscheidung des vormaligen Kulturstaatssekretärs Tim Renner, den Kultregisseur Frank Castorf nach 25-jähriger Volksbühnen-Intendanz durch den Museumsmann Dercon abzulösen, wurde bereits im September 2016 vom inzwischen abgewählten SPD/CDU-Senat abgesegnet. Schon damals war der regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Amt. Wer noch nicht im Amt war, die leidige Entscheidung nun jedoch politisch ertragen und mittragen muss, ist Kultursenator Klaus Lederer von der Linkspartei. Den bringt seine unverhohlene Ablehnung Dercons immer wieder in die Versuchung, sich unangebracht zu verhalten. Es ist nicht nur eine verfahrene Situation, es ist ein regelrechter Kulturkampf, der da in Berlin um die Volksbühne tobt. Aus Sorge um den Fortbestand des Hauses als Ensemble- und Repertoiretheater haben bisher rund 40 000 Dercon- Gegner eine Petition unterschrieben. Lederer ist gefordert. Dercon auch.