Seit Januar hat der Hamburger Bahnhof in Berlin - Eigenbezeichnung: "Museum für Gegenwart" - neue Leiter. Diese Woche haben Sam Bardaouil und Till Fellrath den Berlinern nun zum ersten Mal ihre Pläne und bei der Gelegenheit sich selbst vorgestellt. Das war auch gut so.
Auf die Freunde der Nationalgalerie werden auch die neuen Chefs am Hamburger Bahnhof angewiesen bleiben
Das war erstens gut in dem Sinne, dass in ihrer Präsentation der eben noch als durch und durch krisengeplagt geltende Hamburger Bahnhof plötzlich wie eine einzige Verheißung für die Zukunft vor die Augen gestellt wurde. Dass das Haus in den nächsten Jahren erst einmal grundlegend saniert werden muss, wirkte wie eine Nebensächlichkeit gegen die Ankündigung, den "Bahnhof als Metapher" zu aktivieren. Und in dem Haus zukünftig seine eigene Geschichte, seine Architektur und seine Lage zu thematisieren. Und die "Diversity", die sich aus dieser "Locality" ergebe. Denn mit all dem Englisch verhält sich das ja nicht anders: "Mirroring Berlin" steht für die Spiegelung eines Standorts, an dem Deutsch nur eine Sprache unter vielen ist, "Addressing Nowness" meint Aufnahme aktueller Debatten. Und "Portraying Artistic Evolution" ist das, was mal Kunstgeschichte genannt wurde, nur jetziger. Auch keine Rede mehr davon, dass die Rieck-Hallen als Ausstellungsfläche bis eben noch abrissbedroht waren. Noch ist der Grundstückstausch, der das verhindern soll, nicht rechtsgültig, da freuen sich Fellrath und Bardaouil schon, diese Hallen im Sommer als Standort der Berlin-Biennale zur Verfügung zu stellen. Auch der Öffentlichkeit wollen sie jederzeit offenen Ohres "im Dialog" begegnen und "nicht von der Kanzel herab". Nicht zuletzt: Sie haben den Hamburger Bahnhof bei Instagram angemeldet. So viel Freundlichkeit und Optimismus wirkt ungewohnt, beinahe irritierend in der Hauptstadt - aber erst einmal auch nicht direkt unerfrischend.
Gut war das nämlich auch in dem Sinne, dass hinter vorgehaltenen Händen seit der Ernennung der beiden schon bemerkenswert häufig gemurmelt wurde, mit ihren Namen noch nicht so richtig viel anfangen zu können, und zwar auch von Insidern des Berliner Kunstbetriebs. Dies könne allerdings eher am Berliner Kunstbetrieb liegen als an Bardaouil und Fellrath, war prompt aus München zu hören, wo die beiden zuvor ihre Basis hatten, von der aus sie kuratorisch oft den arabischen Raum in den Blick nahmen.
Dass nach der Bekanntgabe dieser Personalie in Berlin erst einmal demonstrativ "Wer?" gefragt wurde, sollten sie aber schon deshalb nicht persönlich nehmen, weil es vielmehr der damaligen Kulturstaatsministerin Monika Grütters galt. Die hatte kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt vorigen Herbst etwas unvermittelt bekannt gegeben, dass Bardaouil und Fellrath Direktoren am Hamburger Bahnhof würden, Klaus Biesenbach hingegen an der Neuen Nationalgalerie sowie dem direkt daneben gerade aus einer Baugrube wachsenden Museum des 20. Jahrhunderts. Biesenbach war in Berlin alles andere als ein Unbekannter, er hatte hier in den mythischen Neunzigern die Kunst-Werke und die Berlin-Biennale mitbegründet, bevor er ans Museum of Modern Art in New York wechselte. Mit seinem Namen verband sich vielmehr die Erwartung, von all dem etwas in das Berlin von heute zurückzubringen. Das anfänglich verbreitete Stirnrunzeln betraf vor allem das von vielen als handstreichartig empfundene Zustandekommen dieser Personalien: das Aushebeln des Bewerbungsverfahrens durch den Einsatz einer Findungskommission zur Erfüllung ministerialer Vorstellungen. Vor allem die Reaktion des Vereins der Freunde der Nationalgalerie wurde damals genauso gern als "verschnupft" beschrieben, wie diesem Verein gemeinhin das Eigenschaftswort "einflussreich" vorangestellt wird.
Wenn man danach mit maßgeblichen Leuten aus dem Verein sprach, mit der Vorsitzenden Gabriele Quandt, der Geschäftsführerin Katharina von Chlebowski und vor allem mit Peter Raue, der die "Freunde", wie sie sich kurz nennen, mitgegründet und die längste Zeit geleitet hat: Dann war auch bei denen stets davon die Rede, dass sie Biesenbach mit Vorfreude, Bardaouil und Fellrath mit Neugier entgegensähen, nur gern ein wenig mehr eingebunden - oder wenigstens einmal um ihre Meinung gefragt worden wären. Denn die "Freunde" sind für Ankäufe und Ausstellungsbetrieb der verschiedenen Nationalgalerie-Häuser seit Jahrzehnten schon unverzichtbar. Das hat mit der Geschichte der Nationalgalerie zu tun, und mit der wiederum muss sich auch jeder neue Direktor dort arrangieren: Nachdem der ursprüngliche Förderverein durch Nationalsozialismus und Krieg sein Ende gefunden hatte, Gebäude und wesentliche Sammlungsbestände im Ostteil der Stadt waren, während im Westteil eine "Neue Nationalgalerie" errichtet wurde, hatte deren Direktor Dieter Honisch 1977 eine Neugründung der "Freunde" angeregt, um dem Museum Mittel und Möglichkeiten zu verschaffen, die ihm sein staatliches Budget nicht ließ.
Hauptwerke der Sammlung kamen so ins Haus. Zur Finanzierung von Barnett Newmans "Who's afraid of Red, Yellow, and Blue IV" warben die "Freunde" Kunst für eine Auktion ein; für Dix' "Skatspieler" wurde ein Skatturnier mit entsprechend saftigen Einsätzen veranstaltet. Der sogenannten Gesellschaft West-Berlins war auf diese Weise mit Absicht ein Club entstanden, der einerseits Exklusivität versprach, die andererseits schon für 1000 DM im Jahr zu haben war. Viel teurer ist der Beitrag seitdem nicht geworden, dafür geht die Mitgliederzahl in die Tausende, und aus den so generierten Mitteln würden tatsächlich fast alle größeren Ausstellungen nicht nur unterstützt, sondern überhaupt erst ermöglicht. Dies auch deshalb, weil der Verein in vielen organisatorischen Fragen viel schneller agieren kann als die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der auch alle Häuser der Nationalgalerie gehören. Die sei der schwere Tanker, der Verein der Freunde hingegen das wendige Beiboot: Diese Definition von Peter Raue bestätigt wortgleich auch Udo Kittelmann, wenn man ihn auf seine Jahre als Nationalgalerie-Direktor anspricht.
"Our Space to Help": Die Neue Nationalgalerie wird ab Samstag einer Spendenaktion für ukrainische Kriegsflüchtlinge offenstehen
Abgesehen davon waren Übereinstimmungen zwischen beiden nämlich bekanntermaßen seltener. Dass Kittelmanns vorzeitiges Ausscheiden aus dem Job unter anderem auch mit Vorbehalten seitens der "Freunde" zu tun gehabt haben könnte, wird von Kittelmann zwar gar nicht, und von Raue nur mit der Formulierung bestätigt, Harmonie sei nun einmal auch durch einen Ehevertrag nicht einklagbar. Schließlich ist er im Hauptberuf Rechtsanwalt. Eine andere Metapher, die er in diesem Zusammenhang gern verwendet, ist die von der Tankstelle, wo man mehr oder weniger grußlos abzapfe, was man gerade so braucht: So nämlich wollten die "Freunde" sich nicht vorkommen. Auch dies offensichtlich vor allem ein Gruß an geschiedene Verantwortungsträger, gewiss aber auch ein Wink an die neuen. Denn auch wenn der Förderverein natürlich nicht über die Ernennung neuer Museumsdirektoren bestimmen kann, hat er doch einen gewissen Einfluss auf deren Fortüne im Job.
Grütters Personalentscheidung hatte den Vorstand überrumpelt, als er sich gerade darauf freute, dass die kommissarischen Leiter von Neuer Nationalgalerie und Hamburger Bahnhof mit dem Direktor der Alten Nationalgalerie ein Team zu bilden versprachen, das kohärent genug wäre, um diese Aufsplitterung in verschiedene Direktorate wieder zu kitten. Denn die Ära, in der Peter-Klaus Schuster noch die Oberhoheit über alle diese Häuser hatte, bekommt in der Erinnerung vieler in Berlin immer mehr Züge eines Goldenen Zeitalters.
Ineinandergreifende Zusammenarbeit geloben nun allerdings auch die neu berufenen Direktoren. Bardaouil und Fellrath versprechen, den Hamburger Bahnhof, dessen Abwicklung manche schon befürchteten, vielmehr noch stärker als "sammelndes Museum" profilieren zu wollen. Angesichts der bescheidenen Etats werden sich die "Freunde" hier sicher noch sehr gebraucht und wertgeschätzt fühlen dürfen. Und anders als von manchen erwartet, öffnet Biesenbach die Halle der Neuen Nationalgalerie keineswegs für Pop oder Glamour, sondern für ein Solidaritätswochenende Berliner Kunstinstitutionen mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine, von Samstagfrüh durchgängig bis Sonntagabend.

