Humboldt-Forum:Engagiert spielen

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"Berlin Global", das Anti-Schloss-Programm für ein sehr junges Publikum.

Von Jörg Häntzschel

Blüten und Kriegsmaschinen, Benin-Masken und Tintenfässer, aus denen blutrote Spritzer schwappen: Das Mural, das die New Yorker Künstler How and Nosm in den ersten Saal der Berlin-Ausstellung gemalt haben, ist Deko und Programm gleichermaßen. Es zeigt statt Geschichte eine Art Bewusstseinsstrom. "Welt/Stadt/Berlin" lautete mal der Arbeitstitel dieser Schau. Das ließ befürchten, Berlin würde hier ein weiteres Mal vorrechnen, dass es Weltstadt sei. Nun heißt die Ausstellung "Berlin Global", und ihr Thema ist nicht Berlin, sondern dessen Verflechtung mit der Welt.

In den langen Planungsjahren des Humboldt-Forums war Berlin unter den "Akteuren" der Außenseiter. Der Niederländer Paul Spies, der als Chef des Berliner Stadtmuseums verantwortlich ist, kam erst 2016 und ist der einzige Nicht-Deutsche unter den Schlossherren. Weder war er verstrickt in die Berliner Netzwerke, noch verschlissen durch die endlosen Kämpfe. Spies blieb aber auch deshalb so still, weil er nur so eine Ausstellung realisieren konnte, die sich als Gegenprogramm zum Rest des Hauses versteht.

Statt Berlins Geschichte zu erzählen, organisiert er die Schau entlang von Themen wie "Krieg", "Vergnügen" oder "Revolution". Bekanntes lässt er einfach aus. Hier ist mehr über den Kolonialismus zu sehen als über den Zweiten Weltkrieg, mehr über die Zeit nach dem Mauerfall als über die Mauer selbst.

Statt nach dem Spezifischen zu suchen, zeigt er Berlin als Knotenpunkt, Sender und Empfänger. Er befasst sich nicht nur mit Berliner Grenzen, sondern auch mit den Grenzen, die bei der Berliner Afrika-Konferenz von 1884 und 1885 gezogen wurden. Erst lässt er die Echos des New Yorker Hip-Hop in Ost- und West-Berlin nachhallen, dann verfolgt er den weltweiten Einfluss von Berlins Technokultur.

Fast alles im Humboldt-Forum ist alt und für Alte gemacht. Spies, der mit dem Märkischen Museum ja schon ein altes Haus hat, peilt hingegen Besucher an, die idealerweise um die 17 Jahre alt sein dürften. Musik, Rassismus, Wohnen, überhaupt die Gegenwart nehmen viel Raum ein, Geschichte dient vor allem dazu, heutige Fragen zu beantworten.

Dieses Anti-Konzept wirkte offensichtlich beflügelnd. Die Lust am Spielen pulst auch durch die Gestaltung. Jeder Raum steckt voller Ideen: eine begehbare Discokugel; ein Grab, in dem der Mietpreis von 6,20 Euro beerdigt wurde; und Fotos von wilden Clubnächten der Neunziger, projiziert auf Wände, die dem Betrachter immer näher kommen - Verdichtung im Zeitraffer. Anderes ist eher Gimmick. Wie das "Rad der Geschichte", das nur gemeinsam mit anderen drehbar ist, oder die tragbaren Sender, die die Wege der Besucher registrieren.

Doch die Gestalter wollten mehr, als nur Schüler von ihren Handys wegzulocken. Das zeigt sich an den Noppen am Boden, die man sonst vom Bahnsteig kennt, an den Klammern, die sich als Halter für Blindenstöcke erweisen. Die Gestalter übererfüllen die Auflagen für Barrierefreiheit und machen sie zum Statement. Sogar an eine "Geruchsstation" haben sie gedacht, als sinnliches Angebot für die, die nicht sehen können. Das alles hilft nicht nur Behinderten, es führt Nichtbehinderten vor, wie ein Museum, eine Stadt aussehen müsste.

Die Inklusions- und Partizipations-Idee wird bis hin zum Versuch durchgespielt, das Prinzip Museum auf den Kopf zu stellen. Statt Gläubige oder Migranten aus Ethnologensicht zu zeigen, ließ Spies sie mitreden. Ein Modul zu zwei Jugendzentren gestalteten deren ehemalige Mitglieder selbst (eine der Gruppen hat ihre Zusammenarbeit aus Protest gegen das Humboldt-Forum am Freitag aufgekündigt). Drei "Freiflächen" in der Ausstellung können wechselnde Initiativen selbst bespielen. Ergibt ja Sinn in diesem Haus, in dem so viele Profis versagt haben.

Doch vor lauter Einfällen gerät der Inhalt streckenweise aus dem Blick. Vielen wird alles zu wirr, zu bunt, zu woke erscheinen. Der Versuch, alles zu kompensieren, was im Rest des Hauses schiefgelaufen ist, führt unweigerlich zu einer neuen Schieflage, nur eben mit umgekehrter Neigung.

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