"Berlin Bouncer" im Kino Wächter der Nacht

Sven Marquardt ist inzwischen so berühmt-berüchtigt ist wie der Techno-Tempel Berghain, dessen Tore er bewacht.

(Foto: Verleih)

In seiner Doku "Berlin Bouncer" porträtiert David Dietl drei legendäre Berliner Türsteher, darunter Sven Marquardt, das Orakel des Clubs Berghain. Sie erweisen sich als gute Alltagsphilosophen.

Von Annett Scheffel

Zu Beginn sehen wir die Türsteher bei der Arbeit. Da stehen sie in ihrem Habitat, an der Schwelle zur Verheißung einer Nacht, während die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Gesichtern an ihnen vorbeizieht. Manche lassen sie passieren, manche weisen sie ab. Nicht grimmig, aber mit einem feierlichen Ernst. Schließlich ist ein Club nie nur ein Club, sondern ein utopischer Ort der Freiheit und Gleichheit, fern von Effizienzdenken und dem schwerfälligen Alltag mit seinen Imperativen. Und sie sind seine Bewacher. Jeden Abend stellen sie die Gemeinschaft aus tanzenden, feiernden Menschen neu zusammen: Kuratoren der Nacht.

Wer reinkommt und wer nicht, dafür gebe es keine geheimen Regeln - das sagen sie alle

Man könne sich das vorstellen, als male man jeden Abend ein Bild aus Stimmungen, Menschen, Körpersprache, erklärt Smiley Baldwin seinen Job. Er ist einer von drei Berliner Türstehern, die David Dietl über Jahre hinweg mit der Kamera begleitet hat. Und gerade in diesen ersten Minuten erfüllt sein Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" sein Versprechen, uns ihre Welt und ihre Arbeit näherzubringen. "Die Utopie ist der einzige reale Ausweg aus der Inhumanität", steht auf einem Poster in Frank Künsters Wohnung. Er war jahrelang Türsteher und später Eigentümer des King Size, einer winzigen, stets illustren Bar in der Friedrichstraße, und beschreibt sich als "Exzessbetreuer". "Ich begleite Menschen bei ihrem Rausch." Und Sven Marquardt, der so berühmt-berüchtigt ist wie der Techno-Tempel Berghain, dessen Tore er bewacht, spricht in seinem ruhigen Berliner Dialekt von der Verantwortung für "die Leute, die da drin so sein können, wie sie sind". Wen sie reinlassen in diese Welt, und wen nicht, dafür gebe es keine geheimen Regeln. Das sagen sie alle, und auch, dass es ihnen manchmal leid tue, wenn sie Leute abweisen. Und Marquardt erzählt von der Vorstellung, irgendwann bestimmt "in so 'ner Hieronymus-Bosch-Zwischenhölle" zu landen, "wo ick in einer Dauerzeitschleife immer irgendwo klopfe und die sagen: 'Nee, du nich!'"

Schnell wird aber klar, dass es über das Türstehen an sich gar nicht so viel mehr zu sagen gibt - die wirklich interessanten Dinge passieren schließlich im Club - oder aber, dass die drei Protagonisten das nicht wollen (Marquardt lässt sich außerdem, den strengen Berghain-Regeln folgend, prinzipiell nicht bei der Arbeit filmen). Und so ist Dietls Film vor allem ein Porträt dieser drei widersprüchlichen Männer geworden, die die Berliner Clubkultur seit der wilden Nachwendezeit mitgeprägt haben. Künster, Marquardt und Baldwin erzählen von sich und ihren Biografien, die sie in den Neunzigern auf verschiedenen Umwegen hinein in die Berliner Nächte führten, denen sie trotz fortgeschrittenem Alter nie wieder ganz entkommen sind.

Der bullig-knuffige Künster etwa kam 1989 eigentlich aus dem westdeutschen Hanau nach Berlin, um BWL zu studieren, verlor sich nach dem Mauerfall aber schnell in den neuen, aufregenden Clubs der Stadt, in denen die Jugend aus Ost und West ihre eigene Wiedervereinigung feierte. Der von den amerikanischen Virgin Islands stammende Smiley Baldwin bewachte als Militärpolizist der US-Army die Grenze und fing nach der Wende als Türsteher an. Sven Marquardt, der Ostberlin in den Achtzigern als Punk und Fotograf durchstreifte, hat inzwischen wieder angefangen zu fotografieren. Mit seinen Gesichts-Tattoos, Piercings und Ledersachen sieht er selbst aus wie eines der Kunstwerke in seinen Ausstellungen.

David Dietl hat sich für eine nostalgische Erzählung von der Berliner Nacht entschieden

David Dietl, der Sohn des Regisseurs Helmut Dietl, der mittlerweile mit Gesellschaftssatiren wie "König von Deutschland" und zuletzt der Dating-Komödie "Rate Your Date" zum Filmemacher mit eigener Handschrift geworden ist, manövriert sich mit viel Geduld und Empathie durch die Gespräche mit den drei Männern. Er zeigt sie in Momenten fernab des nächtlichen Trubels, begleitet sie zum Klassentreffen nach Hanau oder zum Erholungsurlaub an der Ostsee. Manchmal kommt er seinen Protagonisten recht nah, so wie Künster, der sich allzu bereitwillig als knuffiger Gönnertyp präsentiert. Manchmal bleiben sie auf sicherer Distanz, wie Marquardt, der einigen Fragen nur mit einem sanften, wissenden Lächeln begegnet. Bisweilen wird man aber auch das Gefühl nicht los, dass Dietl manche der wirklich spannenden Fragen gar nicht stellt: Etwa, was Künsters Schulkameraden in der alten Heimat über seinen Beruf denken - und wie Baldwins Onkel auf seiner karibischen Veranda sich das Leben im fernen Berlin vorstellt. Beides Gesprächssituationen, aus denen der Film wieder auftaucht, ohne große Erkenntnisse zu liefern.

Das mag auch daran liegen, dass Dietl sich für eine nostalgische Erzählung entschieden hat. Die Clubkultur, die er dem Zuschauer vergegenwärtigen will, ist jene, die in der Aufbruchsstimmung nach 1990 in Lagerhallen, Bunkern und allen möglichen improvisierten Räumen erfunden und perfektioniert wurde. In der Mitte Bar, dem Delicious Doughnuts oder dem Cookies. Allesamt längst zwischen Gentrifizierung und Investorenboom versunkene Orte, die Dietl mit seinen Protagonisten noch einmal besucht und in blass-flimmernden Videoaufnahmen aufleben lässt. Der alte Berliner Mythos also.

Für eine ganze Zeit ist diese Erzählung ziemlich unterhaltsam - besonders wegen Marquardt, Baldwin und Künster, die sich alle als gute Alltagsphilosophen entpuppen - und auch vom Älterwerden in einer Kultur erzählen, in der das Älterwerden eigentlich nicht vorgesehen war. Dass man am Ende aber wenig darüber erfährt, wie im veränderten Berlin des 21. Jahrhunderts gefeiert wird, hinterlässt eine kleine Leerstelle im Film - vielleicht eine bewusste. Sven Marquardt sagt am Ende wunderbar ungerührt, Clubs würden zumachen, andere Clubs auf, so sei das nun mal. Aber: "Ick fahr' immer noch gern in die Nacht."

Berlin Bouncer, D 2019 - Regie und Buch: David Dietl. Kamera: Eric Ferranti, Raphael Beinder. Schnitt: Stefan Oliveira Pita, Laura Heine, Thomas Krause. Mit: Sven Marquardt, Frank Künster, Smiley Baldwin. Farbfilm, 87 Minuten.