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"Berlin, Berlin" auf Netflix:Flucht durch den östlichen Westharz

Lolle - Berlin, Berlin, Film Credit: Constantin/Netflix Onlinerechte: ja

Versuch einer Hochzeit: Lolle (Felicitas Woll).

(Foto: Constantin/Netflix)

Die Filmkomödie "Berlin, Berlin" startet aufgrund der Corona-Krise als erste große deutsche Produktion nicht im Kino, sondern auf Netflix.

Von Kathrin Hollmer

Wer in den Nullerjahren Fan der ARD-Vorabendserie "Berlin, Berlin" war, erinnert sich vielleicht an einen Monolog aus der ersten Staffel. "In Extremsituationen reagieren Menschen anders, als sie normalerweise reagieren würden", sagt die Serienheldin Carlotta "Lolle" Holzmann, nachdem sie mit ihrem Cousin Sven im Aufzug stecken geblieben ist und sie sich zum ersten Mal küssen. "Sie reagieren in Extremsituationen extrem. Also ist alles, was in einer Extremsituation passiert, als nicht geschehen zu werten." Wenn Lolle Chaos anrichtet, entschuldigt sie das fortan mit "Extremsituationen".

"Berlin, Berlin - Der Film", sollte eigentlich am 19. März in die Kinos kommen. In der Corona-Extremsituation wurde der Start erst auf unbestimmte Zeit verschoben. Nun läuft er als erste große deutsche Kino-Produktion gleich beim Streamingdienst Netflix, zusammen mit allen vier Staffeln der Serie.

Die drehte sich um Lolle (Felicitas Woll), die nach dem Abitur nach Berlin geht, um Comic-Zeichnerin zu werden und in die WG ihres Cousins zweiten Grades Sven (Jan Sosniok) zieht. Vier Staffeln lang, von 2002 bis 2005, stand Lotte immer mindestens zwischen zwei Männern, von denen einer meistens Sven war. Zum Schluss wurden sie ein Paar und wanderten nach Australien aus. Wie ihr unübersehbares Kinovorbild Lola, rennt Lolle sehr viel durch Berlin, und wie bei Tom Tykwer untermalten Zeichentricksequenzen die Handlung. Die Figuren, besonders die weiblichen, waren ehrlich, peinlich, sind gescheitert und verlassen worden und haben weitergemacht, sie hatten Fehler und waren stolz darauf. Fürs deutsche Fernsehen war das ungewöhnlich - und ist es bisweilen heute noch.

"Berlin, Berlin" wurde mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und - als erste deutsche Serie - mit dem Internationalen Emmy ausgezeichnet. 15 Jahre nach ihrem Ende nun also eine Filmversion der Serie. Lolle ist 38 und leitet ein Animationsstudio in Berlin, von Sven hat sie sich getrennt. Nun will sie ausgerechnet dessen besten Freund Hart (Matthias Klimsa) heiraten. Bei der Hochzeit platzt natürlich Sven dazwischen. Die Filmversion ist wie eine stark komprimierte Serienstaffel: Lolle kann sich nicht entscheiden, läuft davon und zettelt ein Verkehrschaos an. Vor Gericht blitzt sie mit ihrer Entschuldigung - Extremsituation Hochzeit - ab. Bei den Sozialstunden lernt sie Dana (Janina Uhse) kennen, die einen Jungen in die Kloschüssel tunkt, weil er Nacktfotos einer Mitschülerin verbreitet hat, und Lolles Tablet mit einer wichtigen Präsentation klaut. Lolles Freundschaften haben immer kompliziert begonnen.

Kino und Streaming müssen sich nicht feindlich gegenüberstehen, findet der Produzent

In der Serie lief Lolle auf der Flucht vor Neonazis und Satanisten durch Berlin, im Kino rennt sie durch den Harz, genauer den östlichen Westharz, wo Lolle und Dana nach einer Partynacht aufwachen. Ein Drogenboss ist hinter ihnen her, Handgranaten fliegen, Lolle und Dana landen in einem Tantra-Tipi. Ein Bär tritt auf, und Armin Rohde und Christian Tramitz. Fürs Nostalgiebedürfnis gibt es viele Rückblenden aus der Serie, doch statt der gewohnten Tricksequenzen moderne, wenig charmante 3-D-Animationen. Die Film-Lolle sieht nach 2020 aus, fühlt sich aber immer noch an wie die Alte. Das liegt am Drehbuch von Serienschöpfer David Safier und seinem Sohn Ben. Safier hat seine Figuren vier Staffeln lang liebevoll entwickelt. In Spielfilmlänge bleibt allerdings nicht viel Zeit für eine Weiterentwicklung, vor allem der Nebenfiguren.

Regie führt, wie auch oft in der Serie, Franziska Meyer Price. Die Serie war nah an den Figuren, lakonisch, roh, beinahe dokumentarisch inszeniert und experimentell. In einer Folge erfährt Lolle, dass sie Teil einer Fernsehsendung ist wie Truman in der "Truman Show", und beeinflusst das Drehbuch. Von solchen Ideen ist im Film leider nichts übrig. Die Stärken von damals, absurde Situationen und Dialoge, insbesondere Lolles Gedanken als Voiceover, hat man aber bewahrt. Das Unbeschwerte, besonders in Felicitas Wolls Spiel, auch. Nur sagt jetzt ständig jemand zu Lolle, dass ihre biologische Uhr tickt. Manche Zwänge haben sie eingeholt. Lolle läuft ihnen zwar weiter davon, trotzdem ist der Film glatter und angepasster als die Serie.

Viele Kinostarts sind wegen des Virus' auf unbestimmte Zeit verschoben, US-Studios wie Universal experimentieren bereits mit Auswertungen direkt fürs Heimkino. Starten in Zukunft auch mehr deutsche Kinofilme gleich bei Streamingdiensten? Für Michael Lehmann von Studio Hamburg, der "Berlin, Berlin" produziert hat, hat Kino trotzdem weiterhin Priorität. "Kino- und Streaming-Auswertung stehen sich nicht feindlich gegenüber, bei den Erfolgen und Misserfolgen der letzten Jahre kann man aber vielleicht darüber diskutieren, dass nicht jeder Film unbedingt für ein großes Publikum geeignet ist." Filmförderungsanstalt, Kinobetreiber und Verleiher würden derzeit über staatliche Förderungen diskutieren, die immer an den Kinostart gebunden sind. "Wenn die Kinos wieder öffnen, werden die Abstandsregeln dazu führen, dass in Sälen für 400 Zuschauer vielleicht noch hundert Gäste Platz nehmen dürfen", sagt Lehmann. Außerdem ist zu erwarten, dass nach Corona noch mehr Filme auf einmal starten als vorher. Kinobetreiber, die zuletzt den zeitlichen Abstand zwischen Kino- und Heimauswertung immer stärker verteidigen mussten, sorgen sich, dass Streamingdienste die große Leinwand nun endgültig verdrängen. Aber Lolle würde sagen: Alles, was in einer Extremsituation passiert, ist als nicht geschehen zu werten.

Berlin, Berlin - Der Film, Deutschland 2020, Regie: Franziska Meyer Price. Buch: David und Ben Safier. Mit: Felicitas Woll, Janina Uhse, Jan Sosniok, Sandra Borgmann. Constantin/Netflix, 80 Minuten.

© SZ vom 11.05.2020

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