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"Berlin Alexanderplatz" im Kino:Moralischer Ballast als einziges Gepäck

Franz Biberkopf heißt jetzt Francis B. (Welket Bungué). Wie im Buch verliebt er sich tragisch in die Prostituierte Mieze (Jella Haase).

(Foto: Verleih)

In Burhan Qurbanis Neuverfilmung von Döblins Romanklassiker ist die Hauptfigur schwarz und ein Flüchtling. Lässige Idee? Nur auf den ersten Blick.

Von David Steinitz

Deine Mutter tätowiert Schwänze hinterm Bahnhof." Als er diesen Satz hört, huscht Francis ein leichtes Lächeln übers Gesicht.

Nicht wegen des Inhalts, der ist natürlich Quatsch. Denn in seiner Heimat Bissau, sagt er, gibt es keinen Schienenverkehr - und also auch keinen Bahnhof, hinter dem seine Mutter ... Aber dass der Deutsche ihn in seiner Muttersprache anspricht, dem guinea-bissauischen Kreol, ist eine Geste des Respekts. Nicht wie die anderen Deutschen, für die er einfach noch ein Afrikaner ist. Woher? Egal.

Die Begegnung findet im Aufzug einer Berliner Flüchtlingsunterkunft statt, die den Charme eines urinbedünsteten Kreisverwaltungsreferats ausstrahlt. Graue Gänge, Neonröhren an der Decke. Hierher hat es Francis (Welket Bungué) nach seiner Flucht verschlagen. Und der komische Deutsche mit dem krummen Rücken und dem seltsamen Gang und den Grundkenntnissen in Kreol glaubt zu wissen, was Männer wie Francis sich von Berlin erwarten. Deutsches Auto. Deutsches Mädchen. Flachbildfernseher. Er heißt Reinhold und steckt Francis einen 100-Euro-Schein zu, auf dem seine Telefonnummer steht.

Reinhold rekrutiert Männer wie Francis, heimat- und hoffnungslos, für den Drogenverkauf in der Hasenheide. Was Reinhold aber nicht weiß: Dass dieser Mann nicht so einfach zu ködern sein wird. Denn Francis hat einen Schwur geleistet, als er nach einem Schiffbruch halb tot aus dem dunklen Meer an einen namenlosen europäischen Strand kroch: "Vater allmächtiger Gott, ich schwöre dir, von nun an will ich gut sein!" Aber weil der mephistophelische Pakt im Kern dieser Geschichte angelegt ist, wird er das Angebot natürlich trotzdem nach einiger Zeit annehmen.

Burhan Qurbanis Film "Berlin Alexanderplatz" ist eine Neuinterpretation von Alfred Döblins Klassiker aus dem Jahr 1929. "Frei nach dem Jahrhundertroman" steht im Vorspann, womit die Filmemacher sich die Messlatte selbst ziemlich hochlegen. Literaturverfilmungen sind ohnehin Fettnäpfchenfallen, und dann auch noch das Gewicht eines "Jahrhundertromans" ..

. Döblins legendärer Protagonist Franz Biberkopf heißt in dieser Version Francis B. und steht zu Beginn der Geschichte nicht wie im Buch vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses, wo der Original-Franz eine Haftstrafe für die Ermordung seiner Freundin absitzen musste. Die Idee, dass der unglückliche Held schon zu Beginn seiner Reise durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens Schuld auf sich geladen hat, behalten Burhan Qurbani und sein Co-Autor Martin Behnke aber bei.

Francis war nicht allein auf seiner Flucht, seine Geliebte saß mit ihm im Boot auf der illegalen Überfahrt. Aber als das Boot im Sturm kenterte, hat er ihre Hand losgelassen, um sich selbst zu retten. Mit diesem moralischen Ballast als einzigem Gepäck landet Francis in Berlin, und von diesem Zeitpunkt an bleiben die Filmemacher - neben einigen Auslassungen vor allem aus der ersten Romanhälfte - relativ nah am Handlungsgerüst der Vorlage.

Francis wird vom Dealer Reinhold dazu verführt, seinen Schwur, ein anständiges Leben zu führen, sagen wir mal: pausieren zu lassen. Wie im Buch entpuppt sich Reinhold als hypersexueller Soziopath, der seine zahlreichen Affären an Francis weiterreicht und ihm den Aufstieg innerhalb der Verbrecherorganisation ermöglicht, für die er arbeitet. Albrecht Schuch spielt ihn mit vollem Borderline-Einsatz, ein irrer Bösewicht wie man ihn lang nicht mehr im deutschen Kino gesehen hat. Und wie im Buch verliebt Francis sich in die Prostituierte Mieze (Jella Haase), die schließlich einer tragischen Intrige zum Opfer fällt.

Die Frauenfiguren sind Huren, die Männerrollen Verbrecher

Die Gewalt- und Partyexzesse zwischen Hasenheide, Klubs, Puffs und Raubüberfällen inszeniert Qurbani als eleganten Gangstertrip durch neonfarbene Großstadtnächte. Die Kamerafahrten sind perfekt choreografiert, wie wilde Videoclip-Orgien, ein Rausch aus Wahn und Wunschträumen. Was aber schon bei der Weltpremiere auf der Berlinale im Februar für Irritationen sorgte, ist die Tatsache, dass man auch nach stolzen drei Filmstunden nicht so recht weiß, worauf diese Neuverfilmung hinauslaufen soll.

Das liegt ein bisschen an der glatten Optik, die näher an einem guten Mercedes-Spot dran ist als an der stinkenden Welt aus Schweiß, die Döblin kreierte. Und es liegt auch ein bisschen an der fehlenden Darstellung der Milieus. Der Roman war ein Sittenporträt Berlins in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Der Held wurde einmal quer durch die Salons und Hinterhöfe, durch fast alle gesellschaftlichen und politischen Schichten hindurch geschickt.

Das war es auch, was Rainer Werner Fassbinder einst an dem Stoff faszinierte, aus dem er 1980 eine fünfzehnstündige Mammutserie machte. Er beließ Biberkopf bewusst in seiner Entstehungszeit, weil er Döblins Sezierarbeit an der deutschen Seele als so universal empfand, dass auch die alte Geschichte viel über das spätere Deutschland erzählte.

In Burhan Qurbanis Version spielt die Geschichte aber in einer Parallelunterwelt, in der fast alle Frauenfiguren Huren sind und fast alle Männerfiguren Verbrecher, und die vom echten Berlin fast schon hermetisch abgekapselt erscheint. Weshalb die Idee eines Updates, zumindest was das große Panorama angeht, welches das Buch entfaltet, nicht funktioniert.

Noch etwas merkwürdiger verhält es sich aber mit Franz Biberkopf in seiner neuen Reinkarnation. Diese urdeutsche Figur der Literaturgeschichte, Stoff von unzähligen Schuldeutschstunden, Proseminaren und Abschlussarbeiten, in einen gestrandeten Flüchtling aus Afrika zu verwandeln, ist auf den ersten Blick natürlich eine lässige Idee.

Abgesehen davon, dass die deutsche Filmförderung solche Projekte gerne finanziert, weil man sie mit schwammigen Begriffen wie "politisch" und "gewagt" belegen kann, fehlt es dem deutschen Kino ja tatsächlich oft genug an modernen Ansätzen. Allerdings wird eine Geschichte nicht automatisch modern oder moralisch wertvoller, weil der Protagonist schwarz ist.

Vielmehr könnte man umgekehrt die Frage stellen, ob man einer Figur, deren Schicksal wirklich gar nichts mit den Problemen eines Franz Biberkopf zu tun hat, zur Begrüßung in Berlin auch noch diese deutsche Moralerzählung überstülpen muss.

Als wäre man zu dem Schluss gekommen, dass die Geschichte eines Mannes, den das Meer gerade noch so ausgespuckt hat, und der ziemlich triste Gründe haben dürfte, sich überhaupt aufs Meer hinauszuwagen, für einen ganzen Spielfilm leider nicht ausreicht - und man ihn deshalb vorsichtshalber noch durch über 500 Seiten "Berlin Alexanderplatz" schubsen muss. Das wiederum ist eine deutsche Sehnsucht nach Masochismus, über die der gute alte Alfred Döblin in seinem Buch tatsächlich recht viel zu sagen hatte.

Berlin Alexanderplatz, Deutschland 2020 - Regie: Burhan Qurbani. Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani, nach dem Roman von Alfred Döblin. Kamera: Yoshi Heimrath. Mit: Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase, Joachim Król. Entertainment One, 183 Minuten.

© SZ vom 15.07.2020/coko
Burhan Qurbani

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