Historischer Roman:Der gute Deutsche

Christian Berkel

Jetzt auch Schriftsteller: der Schauspieler Christian Berkel.

(Foto: Tobias Hase/ picture alliance / dpa)
  • In seinem Debütroman "Der Apfelbaum" erzählt Christian Berkel seine Familiengeschichte von der Hyperinflation der Zwanzigerjahre bis ins Berlin der Fünfzigerjahre.
  • Der Nationalsozialismus ist in diesem Roman schicksalhaft, er bricht in das Leben der Protagonisten ein wie eine Naturkatastrophe.
  • Sein Personal besteht aus Juden, Kommunisten und sympathischen, integren Deutschen, die versuchen, aus ihrer misslichen Lage das Beste zu machen. Mit der historischen Wahrheit hat das indes wenig zu tun.

Von Felix Stephan

Wenn erfolgreiche Schauspieler Bücher schreiben, geht das meist auf relativ unerhebliche Weise schief. Im Falle von Christian Berkels Roman "Der Apfelbaum" aber liegt die Sache anders. Zum einen, weil Berkel tatsächlich eine bemerkenswerte Familiengeschichte vorzuweisen hat. Und zum anderen, weil die Erzählweise des Romans ein allgemeines Problem beleuchtet: Wie schreibt man heute in Deutschland über den Holocaust, ohne einerseits in sakraler Grausamkeitsehrfurcht zu erstarren und andererseits die historische Wahrheit zu überzuckern?

Die Handlung des Romans setzt ein während der Hyperinflation im Berlin der Zwanzigerjahre und mündet 400 Seiten später in ein Wiedersehen zweier Liebender am Kurfürstendamm der Fünfzigerjahre. Dazwischen liegen der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, den Berkels jüdische Mutter Sala teilweise in einem Lager, teilweise unter falscher Identität in Leipzig überlebt, während Otto, der Vater ihrer Tochter, in Russland der Wehrmacht als Sanitäter dient.

Sein Großvater lebte mit Erich Mühsam und therapierte Hermann Hesse

Berkels Familie, das muss man sagen, ist ein dankbarer Romanstoff. Sein Großvater gehörte zur ersten Generation der anarchistischen Nudisten auf dem Monte Veritá, lebte in einer Liebesbeziehung mit Erich Mühsam, therapierte Hermann Hesse. Seine Großmutter kämpfte mit den internationalen Brigaden in Spanien, seine Großtante lebte in Paris, lernte bei Hermès persönlich und kleidete in ihrer eigenen Boutique unter anderem die Duchess of Windsor ein.

Diesen Familienkosmos erzählt Berkel so souverän, dass man mitunter das Gefühl bekommt, es nicht mit einem Autor zu tun zuhaben, sondern mit einem writer's room. Die Art, wie die verschiedenen Schauplätze anhand weniger geläufiger Charakteristika aufgezogen werden, die Dynamik der Dialoge, die Handlungsführung, das ist alles sauber ausgeführt und vielleicht etwas überproduziert. Der Roman liest sich wie der deutsche Oscar-Kandidat: Es gibt einen großen historischen Stoff, eine tapfere Protagonistin, die sich gegen Widerstände durchsetzen und Grenzen überwinden muss, und am Ende siegt die Liebe. Validiert wird dieser Plot dadurch, dass es sich wirklich so ereignet hat, dass Otto und Sala nach zehn Jahren Trennung tatsächlich wieder zusammengefunden haben. Der Roman denkt sich als großes Kino, und das ist immerhin selten in der deutschsprachigen Literatur. Wenn Saoirse Ronan in der Verfilmung die Hauptrolle spielen wollte, müsste sie lediglich ihre Performance aus "Brooklyn" noch einmal abrufen.

Doch obwohl der Roman in der Vergangenheit spielt, ist er seltsam unhistorisch. Er erzählt seine Geschichte als Tragödie, aber weil tragisch nur das Unabwendbare ist, lenkt er den Blick ab vom Wirkungszusammenhang "Geschichte". Er befragt seine Epoche weder geschichtsphilosophisch noch mentalitätsgeschichtlich. Er will weder wissen, wie es zu der Katastrophe kam, noch welche Ideologien, Sehnsüchte, Selbstauffassungen ihr vorausgegangen sind. Dabei ist er sich seiner Aufgabenstellung durchaus bewusst: Als Otto und Sala sich kennenlernen, hält Otto gerade ein Exemplar von Mommsens "Römischer Geschichte" in der Hand.

Seit Falladas "Jeder stirbt für sich allein" ist der "gute Deutsche" wieder da

Der Nationalsozialismus ist in diesem Roman schicksalhaft, er bricht in das Leben der Protagonisten ein wie eine Naturkatastrophe. Es gibt nur ein einziges Paar in diesem Roman, das sich als Nationalsozialisten begreift. Es besteht aus zwei kontrastierenden Nebenfiguren: Ottos missratener Schwester und ihrem stumpfen, grell unsympathischen Ehemann Günther. Kurz vor Schluss taucht noch ein Arzt auf, der sich, um sich angesichts des nahenden Kriegsendes zu retten, hilfsbereit zeigt, sofern er diese Hilfe schriftlich bestätigt bekommt. Ansonsten besteht das Personal aus Juden, Exilanten, Kommunisten, Anarchisten und sympathischen, integren Deutschen, die versuchen, aus ihrer misslichen Lage das Beste zu machen. Mit der historischen Wahrheit hat das indes wenig zu tun. Und ja, das muss es auch nicht, schließlich handelt es sich um einen Roman und nicht um eine historische Studie. Aber seit dem späten Welterfolg von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" über ein deutsches Ehepaar, das im nationalsozialistischen Berlin Widerstand leistet, erlebt der gute Deutsche auch in der hiesigen Buchproduktion eine gewisse Renaissance, die immer auch das Risiko einer Täter-Opfer-Umkehr birgt. Schließlich waren es nicht die Deutschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden und eine Epoche der Barbarei durchlebten. Sie waren es, die diese Barbarei über alle anderen gebracht haben.

Am stärksten sind bei Berkel deshalb jene Passagen, in denen er selbst als Figur auftaucht, in denen er seine betagte, mittlerweile recht vergessliche Mutter interviewt und in denen aus der historischen Weichzeichnung eine konkrete Selbstbefragung wird. An einer Stelle bezeichnet sich seine Mutter als "Halbjüdin", woraufhin Berkel sie zurechtweist: "Halbjuden" gebe es nur in den Nürnberger Rassengesetzen. Ihre Mutter sei Jüdin und folglich sei sie es auch. Sie werde ja wohl besser wissen, als was sie einst verfolgt worden sei, antwortet Berkels Mutter. Da blitzt kurz eine Perspektive auf, eine Frage an die Geschichte, an die identifikatorische Macht, die die Rassentheorie bis heute ausübt. Es wird oft beklagt, dass die Kritische Theorie in Deutschland eine historische Erzählweise auf alle Zeit unmöglich gemacht habe, um die wir die anderen Länder bitterlich beneiden: die intelligente historische Unterhaltung, die opulente Apotheose unserer Ahnen. Bei Berkel sieht man nun beispielhaft, warum dieses Genre, wenn es in Deutschland entsteht, auch dann niemals völlig unschuldig sein kann, wenn es gut ausgeführt ist. Sobald es dem deutschen Publikum eine Opferidentifikation anbietet, gerät ein historisches Narrativ ins Rutschen. "Das hättest du sein können", steht dort im Subtext, obwohl es auf die große Mehrheit des deutschen Lesepublikums schlicht nicht zutrifft. Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit wäre es der Nazi-Schwager Günther gewesen.

Christian Berkel: Der Apfelbaum. Roman. Ullstein, Berlin 2018. 416 Seiten, 22 Euro.

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