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Opernpremiere:Düstere Kinderträume

The Turn of the Screw

Alles ist Düsternis und Rätsel: Benjamin Brittens Meisteroper "The Turn of the Screw" in Hannover.

(Foto: Sandra Then)

Benjamin Brittens Horror-Oper "The Turn of the Screw" wurde an der Staatsoper Hannover neu inszeniert. Und überzeugt sogar im Streaming.

Von Helmut Mauró

Der Stoff hat Generationen begeistert und viele Formen gefunden, vom Zeitungsroman zum Broadway-Drama, vom Film der 1850er-Jahre bis zur Netflix-Serie. Dabei verspricht die Horrornovelle von Henry James aus dem Jahr 1898 weit mehr, als sie an Handlung und Geschehen bieten kann. Das meiste, ja das Entscheidende bleibt allemal im Dunkeln. Hat die suizidale Gouvernante post mortem die kleine Flora entführt? Ist der ebenfalls verstorbene Mr. Quint als Geist unterwegs und holt sich Floras Bruder Miles? Für viele Leute kaum vorstellbar: Damals fand man es gerade spannend, wenn nicht alles ausgesprochen wurde, wenn die eigene Fantasie angeregt, zur freien Entfaltung ermutigt und nicht auf konkrete Inhalte festgezurrt wurde. Was auch bedeutet, dass man sich nicht hinter vorgefertigten Deutungen verstecken kann und sich der eigenen Fantasie stellen muss, die das Unausgesprochene mit Inhalten füllt. Wie könnte man diese Kunsterfahrung noch intensivieren, ohne diesen kreativen Schwebezustand zu gefährden, ohne durch Anreicherung der Erzählform, durch Konkretisieren die Wirkung zu reduzieren? Also nicht wie in der Verfilmung schier unendlich viele Details zu ergänzen oder im Schauspiel die Erzählpoesie aufs Spiel zu setzen?

Man müsste den spärlichen Inhalt in ein Drama der Gefühle übersetzen, müsste Spannungsbögen und Stimmungen aufbauen und fortentwickeln, ohne mit konkreten Inhalten zu arbeiten. Es ist ein Fall für einen Musikdramatiker, und der britische Komponist Benjamin Britten sah das wohl genauso, als er sich den Plot zu eigen machte. Es ist am Ende nicht nur eine seiner erfolgreichsten Opern geworden, sondern auch eines der viel gespielten Musikdramen seit der Uraufführung 1954 in Venedig. Was sicherlich auch daran liegt, dass Britten nicht nur die passende Form bedient, sondern gleichsam auch das richtige Format gefunden hat. Es ist nicht das Drama der Grand Opéra, der Überwältigungszauber des Verismo, der hier Platz greift, sondern die brutale Sachlichkeit emotionaler Mechanismen, die diese Oper heute noch so unmittelbar wirken lässt. Wehe, wenn sich das Orchester in Plüschwelten verirrt oder die Regie einer Erklärungspsychologie das Wort redet. Dann ist auf einmal Schluss mit dem eigentümlichen Zauber, den Britten hier entfacht.

Die spielerische Gruselei verdichtet sich zunehmend zu einer horrenden Geschichte aus Heimsuchungen und Albträumen

Die Neuproduktion der Staatsoper Hannover in der Regie von Immo Karaman entgeht weitgehend diesen Gefahren, eigentlich gibt es nur eine Szene, in der im Nebenbett des Knaben die Gouvernante sexuell konnotierte Gymnastik absolviert - ein natürlich peinlicher Ausrutscher. Die durchgehende Bildidee aber ist stimmig, konzentriert sich auf schlicht-zeichenhafte Schwarz-Weiß-Projektionen und scharf konturierte Schattenspiele.

Die grelle Abwesenheit von Farbe, das zunehmend penetrante Schwarz-Weiß entfaltet eine ganz eigene Wirkung, die sowohl der ursprünglichen Horrorgeschichte der von Untoten verfolgten Waisenkinder als auch der von Benjamin Britten erdachten Umsetzung in eine ebenso vielfältige wie hermetische Klangwelt kongenial entspricht. Es überrascht immer wieder, wie Britten hier mit wenigen Mitteln, einem sehr reduzierten Orchester operiert und doch die Illusion eines vollständigen Klangkörpers entwirft. Auch hierin läuft der Kompositionsprozess parallel zur dramatisierten Erzählung, die mit einem grob skizzierten Plot eine komplette Parallelwelt entwirft. Der Londoner Vormund zweier Waisenkinder schickt eine neue Gouvernante (stimmgewaltig: Sarah Brady) für die beiden nach Bly Manor, einem vergessenen Anwesen in der Provinz, das sich bald als Geisterhaus entpuppt - und die Kinder entpuppen sich als Mini-Monster.

Die spielerische Gruselei verdichtet sich zunehmend zu einer horrenden Geschichte aus Heimsuchungen und Albträumen, die alle Realität verdrängen zugunsten einer dunklen Traumwelt. Nur der ferne Vormund bleibt als Fluchtpunkt, aber er ist längst nicht mehr erreichbar. Als die Gouvernante in höchster Seelennot einen Brief nach London schickt, muss sie bald darauf feststellen, dass er nie abgeschickt wurde. Der kleine Miles hatte ihn auf Anweisung seines Stalkers entwendet, des verstorbenen Mr. Quint. Der Gesang, der typischerweise auch diese moderne Opernform trägt, hat inzwischen an Hysterie verloren, stattdessen übernimmt das Orchester mit charakteristisch wechselnden Farbakzenten zunehmend die Rolle eines gefühlten Erzählers.

Am Ende rettet der Knabe Miles Zuschauer und Regie vor zu viel Fantasie und Bauchgrimmen - indem er stirbt

Dirigent Stephan Zilias führt das Niedersächsische Staatsorchester anfangs zurückhaltend, dann zunehmend forscher durch die Geschichte und stellt sich schließlich der Herausforderung, den Sängern nicht nur Halt, sondern auch Paroli zu bieten. Was auch diese - bis auf den schwächelnden Sunnyboy Dladla als Mr. Quint - in den durchweg sehr anspruchsvollen Partien zu stimmlichen Großtaten ermutigt. Insbesondere Jakob Geppert von der Chorakademie Dortmund als Miles steigert sich im Verlauf des Abends zu stimmlicher, auch darstellerischer Selbstbehauptung. Zuvor wird er oft von der erkennbar viel älteren, gestandenen Opernsängerin Weronika Rabek als Flora nahezu übertönt. Da hätte man wenigstens in der Regie überzeugendere Lösungen im spielerischen Detail finden müssen, um diese dramaturgische Unwucht nicht ganz so plastisch hervortreten zu lassen.

Die Oper lebt nicht von Drastik, sondern von einer sehr britischen Unterkühltheit, der Tradition des schwarzen Humors und Horrors, der bis zur symbolistischen Abstraktion zurückgenommenen Gefühle. Das ist ein ganz eigenes Schreckenskabinett, in dem Emotionen auf ihren gestischen Grundwert zurückgeführt erscheinen. Besonders die Kinder, die gleichermaßen nach Mitleid und Schrecken heischen, verwandeln sich dabei in kaum mehr greifbare Untote. Die handverlesene Bläserabteilung des Orchesters spielt in Lagen und Farben, die die einzelnen Instrumente aus ihren typischen Klangfarbenbereichen herausführen und gleichsam die passend fremde Beleuchtung für die Szenerien schaffen. Es könnte ruhig noch ein bisschen furchterregender agieren.

Was bleibt nun von der Geschichte, was hat man gesehen, was dabei gedacht? Quint, der Verführer, der aus dem Dunkeln kommt, der die vorhergegangene Gouvernante auf dem Gewissen hat und sich nun Miles holen will? Am Ende rettet der Knabe Miles die Situation. Indem er stirbt. Er rettet Zuschauer und Regie vor zu viel Fantasie und Bauchgrimmen. Es bleibt der ungeordnete Rückzug. Was hat man gesehen, was hat man sich dabei gedacht? Alles war möglich, der fiebrig blühende Kindertraum, das düstere Verbrechen.

© SZ/RJB
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