Rückgabe der Benin-Bronzen:Ein mutiger Schritt

Geraubte Kulturgüter aus der Kolonialzeit

Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Bevor die ersten Benin-Bronzen zurückgehen, will Deutschland das Eigentum an den 1100 Stücken an Nigeria übertragen. Auch anderswo in Europa finden Restitutionen statt.

Von Jörg Häntzschel

Deutschland wird ab dem zweiten Quartal 2022 damit beginnen, das Eigentum an den in deutschen Museen lagernden Benin-Bronzen an Nigeria zu übertragen. Das erklärte Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt nach seiner Rückkehr von Verhandlungen mit nigerianischen Vertretern in Abuja am Donnerstag. Sobald der geplante Museumspavillon fertiggestellt ist, der in Benin-City mit deutscher Hilfe entstehen soll, will man im zweiten Schritt einen "substanziellen" Teil der Bronzen an Nigeria übergeben.

Beide Seiten sind sich aber auch einig darin, dass zumindest einige der derzeit in deutschen Museen gezeigten Bronzen als Leihgaben Nigerias in Deutschland bleiben sollen. Diese Konstruktion könnte ein Modell auch für die Restitution von Objekten aus anderen Ländern werden, so Görgen. Sie soll außerdem Teil einer tiefergehenden Kooperation zwischen Museen in Deutschland und Nigeria werden, die neben dem Bau des Museums in Benin-City auch Austauschprogramme, die Ausbildung von Kuratoren und Restauratoren und archäologische Projekte umfasst.

Deutschland besitzt etwa 1100 Benin-Objekte, von denen die allermeisten aus einer gewaltsamen Plünderungsaktion der Briten im Jahr 1897 stammen. Knapp die Hälfte davon liegen im Ethnologischen Museum in Berlin. Die meisten der übrigen 600 Stücke befinden sich in Museen in Stuttgart, Hamburg, Köln und Dresden. Für die Übereignung ist noch die Zustimmung der jeweiligen Museumsträger nötig. Der Bund hat sich für das Berliner Museum bereits dazu bekannt, ebenso die Stadt Köln und die Länderregierungen von Hamburg und Baden-Württemberg. Nur in Sachsen wird noch Überzeugungsarbeit nötig sein.

Das British Museum spricht sich bislang strikt gegen Rückgaben aus

"Die deutsche Regierung und das deutsche Volk haben einen mutigen Schritt gemacht, indem sie sich bereit erklärt haben, die Artefakte freiwillig und ohne großen Zwang von Seiten Nigerias zurückzugeben", erklärte der nigerianische Informations- und Kulturminister Alhaji Lai Mohammed bereits am Donnerstag. "Im Dezember wird eine Delegation aus Nigeria nach Deutschland kommen und direkte Gespräche mit den einzelnen Häusern über die Einzelheiten der Rückgabe führen", sagte Barbara Plankensteiner von der Berlin Dialogue Group, die seit Jahren Gespräche über den Umgang mit den Bronzen führt.

Auch in anderen europäischen Ländern mündet die seit Jahren geführte Restitutionsdebatte in konkrete Schritte. Ende Oktober wird das Jesus College in Cambridge eine Benin-Bronze zurückgeben. Auch die Universität von Aberdeen hat angekündigt, eine Bronze an Nigeria zu restituieren. Damit steigt der Druck auf das British Museum, das mit 900 Benin-Bronzen das weltweit größte Konvolut besitzt und sich bislang strikt gegen Rückgaben ausgesprochen hat. Im Sommer hat Belgien angekündigt, es wolle 2000 Objekte aus seiner früheren Kolonie Kongo aus dem Afrika-Museum in Tervuren restituieren. Frankreich wiederum, dessen Präsident Emmanuel Macron die Debatte lange vorangetrieben hatte, wird nun eine erste Gruppe von Werken zurückgeben. Am kommenden Mittwoch wird Macron bei einer Zeremonie in Paris die Restitution von 26 Objekten aus dem früheren Königreich Dahomey an das Land Benin offiziell besiegeln.

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