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"Die Topeka-Schule" von Ben Lerner:Nicht einer dieser Männer werden

Aerial view of a suburban subdivision near Houston Texas PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright

Dieser sehr symmetrisch-amerikanische Vorort ist in der Nähe von Houston. Er könnte aber auch gut Topenga, Kansas, sein.

(Foto: imago/Danita Delimont)

Mit seinem Roman über die großen Symptome der amerikanischen Gegenwart weckt Ben Lerner Hoffnungen auf die nächste "Great American Novel". Das geht nicht ohne Selbstwidersprüche.

Von Felix Stephan

Wenn die Zeiten unübersichtlich sind, wird oft die Sehnsucht nach einer great american novel spürbar, dem definitiven Roman, der die vergangenen Jahrzehnte erzählerisch sortiert und wenigstens im Rückblick folgerichtig und plausibel erscheinen lässt. Andererseits tauchen solche Romane gern dann auf, wenn gerade keiner hinsieht. Auf die Bücher, mit denen etwa die spätjugendlichen Freunde Jonathan Franzen und David Foster Wallace um 2000 eine neue Literatursprache aus dem Geist des Vorabendfernsehens erfanden, hat damals niemand gewartet. Und nicht selten kommt es vor, dass die Zeitgenossen ihre Meisterwerke auch ganz verpassen.

Als Herman Melville im Oktober 1891 starb, veröffentlichte die New York Times ein paar Tage später einen Nachruf, der so begann: "In dieser Stadt ist in dieser Woche und in hohem Alter ein Mann gestorben und zu Grabe getragen worden, der der Generation, die heute im Saft des Lebens steht, selbst namentlich so unbekannt ist, dass nur eine Zeitung einen Nachruf auf ihn veröffentlichte, und der war nur drei oder vier Zeilen lang." In diesem Jahr wies vieles darauf hin, dass Ben Lerners Roman "Die Topeka Schule" dieser Roman sein könnte, der die Antwort auf die Frage parat hat, wie es zu all dem hier kommen konnte. In den USA war er ein Bestseller und wurde in sämtlichen maßgeblichen Medien ausführlich gedeutet.

Auf der Ebene des inneren Erlebens hängt in diesem Roman alles mit allem zusammen

Der Roman erzählt von der Jugend von Adam Gordon, einem weißen Amerikaner aus dem Mittleren Westen, der 1997 die Highschool abgeschlossen hat, nach einem Ivy-League-Studium heute mit Frau und zwei Töchtern in Brooklyn lebt und hauptberuflich Bücher schreibt. Der größte Teil des Buches spielt während seines letzten Schuljahres, und als er zwanzig Jahre später für eine Lesung in seine Heimatstadt zurückkehrt, trägt sein ehemaliger Mitschüler Darren Eberheart plötzlich ein rotes Basecap, das Erkennungszeichen der Trump-Gemeinde. Von der Frage, wie diese rote Kappe dort hingelangt ist, handelt der ganze Roman.

Dass Ben Lerner seinen Protagonisten als Prototyp entworfen hat, offenbart gleich die Auftaktszene. Nach einem kleinen Ausflug mit dem Ruderboot, auf dem ihm seine Freundin abhanden gekommen ist, kehrt der 17-jährige Adam mitten in der Nacht in das Haus ihrer Eltern zurück. Ohne Licht zu machen, betritt er vorsichtig das Haus, schleicht in die erste Etage, steht schließlich im Türrahmen ihres Zimmers, schaut ihr beruhigt beim Schlafen zu, betrachtet ihren gleichmäßigen Atem unter der Bettdecke und stellt erst dann albtraumartig fest, dass er sich im falschen Haus befindet. Die Grundrisse der Einfamilienhäuser in diesem Vorort sind allesamt identisch, und die Grundrisse des Bewusstseins ihrer Bewohner sind es auch.

In der Highschool geht es um Härte, Dominanz und Unantastbarkeit

Bis zum Ende der Highschool waren Adam Gordon und Darren Eberheart denselben kulturellen Kräften ausgesetzt, weshalb der Grund für ihre Entfremdung womöglich hier verborgen liegt: in einer männlichen Adoleszenz in Topeka, Kansas. Adam wächst als Sohn zweier Psychotherapeuten auf, die bei der "Foundation" arbeiten, einer psychotherapeutischen Forschungseinrichtung von Weltrang, die aus unerklärlichen Gründen nicht in New York oder Los Angeles angesiedelt ist, sondern im Mittleren Westen. Sein Vater hat sich auf die Behandlung weißer Jungs aus bürgerlichen Verhältnissen spezialisiert, die in schwere Krisen geraten, obwohl sie augenscheinlich alles haben. Und die Mutter forscht über den Zusammenhang von Psychotherapie und Feminismus.

Portrait of Ben Lerner septembre 2016

Ben Lerner, 1977 in Topeka, Kansas, geboren, veröffentlichte 2011 seinen Debütroman "Leaving the Atocha Station".

(Foto: Francesco Gattoni/Leemage/imago)

Adam wächst also in einer Konstellation auf, in der Familienangelegenheiten nicht diskutiert werden, sondern "bearbeitet". Er ist ein frühreifer Debattier-Champion und Lyriker, was in Kansas nicht unbedingt ideal ist: "In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte - auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte."

Adam versucht, zum Mann zu werden, weiß aber gleichzeitig nicht, was das genau beinhaltet und navigiert durch eine uneindeutige Indizienlage: In der Highschool geht es um Härte, Dominanz und Unantastbarkeit. Zu Hause aber hat er es mit einer Mutter zu tun, die Theweleit-artige Bücher über die Gewalt schreibt, die einem konservativen Männlichkeitsbild stets inhärent sei. Eines dieser Bücher ist Jahre zuvor zum Bestseller avanciert, was zur Folge hatte, dass seine Mutter monatelang anonyme Anrufe von Männern erhielt, in denen ihr Mord und Vergewaltigung angedroht wurden. Obwohl Adam da noch ein kleiner Junge war, hat er es natürlich trotzdem mitbekommen. Mehr als einmal war er derjenige, der am Festnetztelefon der Familie den Hörer abhob.

Auf der Ebene des inneren Erlebens hängt in diesem Roman alles mit allem zusammen

Wenig später sitzen die Eltern auf dem Sofa und lassen den Tag ausklingen, als der kleine Adam auftaucht und erklärt, ihm sei "ein Kaugummi aus dem Mund gefallen". Tatsächlich aber hatte er mit dem Kaugummi seinen Penis eingewickelt. "Ich meine", so erzählt es die Mutter im Buch, "du musst ihn gekaut, flachgedrückt und dich dann gezielt damit eingepackt haben. Es war nichts mehr entblößt." Die Episode wird umgehend als Kastration gedeutet, als "ein Versuch, kein Junge mehr zu sein, kein Mann, keiner von den Männern".

Ben Lerner: Die Topeka-Schule. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp, Berlin 2020. 395 Seiten, 24 Euro.

Wie Lerner diese Bedrohungslage gegen die Mutterfigur mit einem kleinen, psychoanalytisch aber bedeutsamen Zwischenfall verschränkt, ist exemplarisch für seine Erzählweise. Später ist Adam der einzige Junge in seiner Abschlussklasse, der sich in die Kunst des Cunnilingus einliest, weil er sich seiner Freundin "als Dichter, Protofeminist und demnächst an einer Elite-Uni studierende Alternative zu den Typen" der Schule präsentieren will.

Auf diese Weise hängt in diesem Roman auf der Ebene des inneren Erlebens alles mit allem zusammen. Als seine Mutter auf der Straße einmal von Vertretern einer christlichen Sekte beleidigt wird, stellt sich Adam vor sie und beleidigt mit heftigen, misogynen Worten zurück, was seine Mutter mit Scham erfüllt, weil sie zum ersten Mal ihren Sohn als einen der "Männer" erlebt, die sie einst bedroht haben. Und als Adam einmal Angst hat, ins Ferienlager zu gehen, werden die Eltern von einem befreundeten deutschen Analytiker und Holocaust-Überlebenden aufgefordert, über sämtliche Resonanzen des Wortes "Lager" nachzudenken.

Diese freudianische Erzählweise, in der alles Erleben in erster Linie ein Symptom ist, ein Widerhall eines weitergegebenen Traumas, hat einen interessanten Effekt. Einerseits ist Ben Lerners Literatur autofiktional. Die Biografien von Adam Gordon und Ben Lerner gleichen sich aufs Haar. Auch Lerner ist in Topeka aufgewachsen, auch seine Eltern sind bekannte Psychotherapeuten, auch er war US-Meister im Debattieren, und selbst die Bestseller seiner Mutter Harriet Lerner sind nach wie vor lieferbar. Weil aber die Figuren in dieser Autofiktion streng freudianisch motiviert sind, löst sich das erzählende Selbst weitgehend auf. Alle Figuren sind in erster Linie Koordinaten in einer Art neuronalem Netzwerk, das aus Echos, Konstellationen und intergenerationellen Bezüge besteht. "Welche Stimmen in einen gelangten, eingepflanzt wurden, lag nicht auf der Hand", heißt es an einer Stelle, "es folgte keiner Hierarchie oder Nähe; man hatte es nicht unter Kontrolle."

Um die Gesellschaft zu ändern, muss man folglich zuallererst die Sprache ändern, damit folgende Generationen nicht mehr unter dem Sprachregime der Dominanz und Überwältigung aufwachsen, in dem noch Adams Generation aufgewachsen ist. Dass "Die Topeka Schule" so explizit auf diese These hinausläuft, nimmt ihm einiges von seinem Zauber. Wenn der Roman en détail von der fundamentalen Orientierungslosigkeit erzählt, die weiße, privilegierte Jungs in den Neunzigern in abgrundtiefe Krisen stößt, ist er nichts Geringeres als ein literarisches Phänomen. Wenn er aber ins Dozieren gerät, wird sein Selbstwiderspruch offenbar: In seiner raumgreifenden Eloquenz ähnelt er fatal der Sprechweise, die er überwinden will.

© SZ vom 19.08.2020
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