Ben Affleck im Interview "Hollywood ist voller Idioten und Irrer"

Ben Affleck und Matt Damon mit ihrem Drehbuch-Oscar 1998.

(Foto: Foto: ap)

SZ: Sie und Damon hatten mit dem Script für "Good Will Hunting" einen Riesenerfolg. Warum haben Sie danach kein neues geschrieben?

Affleck: Weil wir damit beschäftigt waren, in anderen Filmen mitzuspielen. Und ein Drehbuch zu schreiben, erfordert sehr viel Zeit. Wir haben jetzt für "Gone Baby Gone" zwei Jahre gebraucht. Dabei hatten wir sogar eine Buchvorlage.

SZ: Sie haben in großen Hollywoodproduktionen gespielt und in Independent-Produktionen. Was können die kleinen von den großen Filmen lernen?

Affleck: Was Blockbuster immer haben, sind hervorragende Schauspieler. Und vor einiger Zeit hätte ich noch gesagt, dass die kleinen vom Tempo der großen Filme lernen können. Aber heute habe ich den Eindruck, dass die Blockbuster viel eher Tempo vom Independent-Kino lernen können. Auch was den Punkt Disziplin angeht. Blockbuster sind heute drei, vier Stunden lang. Entscheidend ist die Kreativität, die in einem Film steckt, und die Aufrichtigkeit, auf der er beruht. Das ist das, was ich wirklich an "Gone Baby Gone" mag.

SZ: Da kann ich nur zustimmen.

Affleck: Das, was einen Film wirklich gut macht, auch wenn er ein Blockbuster ist, ist die Frage, ob er eine Seele hat - und ob er auf einer guten Idee beruht.

SZ: Gewalt spielt in amerikanischen Filmen eine sehr große Rolle, auch bei Regisseuren wie Tarantino, Scorsese, Stone...

Affleck: Nehmen Sie allein Peckinpah oder die ganze Westerntradition. Natürlich.

SZ: Ist Amerika ein gewalttätiges Land? Gewalttätiger als andere?

Affleck: Amerika war sicher in bestimmten Phasen seiner Geschichte gewalttätiger als Europa. Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Gewalt, die in uns steckt, abbauen, wenn wir diese Filme anschauen, oder ob wir uns dadurch noch mehr stimulieren.

SZ: Hat es nicht von beidem etwas?

Affleck: Wer weiß. Wenn man Werke von wirklich großen Regisseuren sieht, wie denen, die Sie gerade erwähnt haben, dann denke ich immer, es ist immer gut, weil die Gewalt inhaltlich konsequent dargestellt wird. Natürlich langweile ich mich bei Filmen, die eine Gewalttätigkeit an die andere reihen, ohne dass das einen Sinn ergäbe oder ohne dass man das Gefühl hat, das könnte in der Wirklichkeit passieren. Wenn Kinder das sehen, sind sie zu Tode erschreckt. Allerdings sind sie das auch bei guten Filmen, die Gewalt zeigen.

SZ: "Gone Baby Gone" ist ebenfalls auf dem Index gelandet.

Affleck: Natürlich. Diesen Film dürften Kinder nie sehen.

SZ: Warum spielt Gewalt auch in Ihrem Film eine so wichtige Rolle?

Affleck: Weil sie notwendig ist, um zu verstehen, worum es geht. Es geht um eine moralische Entscheidung, die dieser Bursche treffen muss, und sie beruht zum Teil auf der Gewalt, die wirklich geschieht. Er ist isoliert, umgeben von dieser Gewalt. Wenn man das nicht zeigt, versteht man den Wandel seines Charakters nicht. Es ist, wie es ist.

SZ: Vordergründig geht es um Kindesentführung und Kindesmissbrauch. Aber die Darstellung der verwahrlosten Welt der Mutter ist extrem. Warum?

Affleck: Dieser Film ist mehr als eine normale Homekidnapping-Geschichte. Im Kern dieses Films geht es um die Bedingungen, unter denen viele Kinder in unserer Nachbarschaft aufwachsen, Kinder, denen es bei ihren Eltern nicht gutgeht, und um die sich niemand kümmert. Deshalb sehen die Leute so aus, wie sie aussehen. Man hat mir vorgeworfen, eine Freakshow gedreht zu haben. Aber so sieht es in bestimmten Gegenden in jeder Stadt der USA aus, wenn sie dort hinfahren und die Menschen fotografieren. Das ist nicht Film, das ist Realität.

SZ: Sie haben in Boston gedreht, Ihrer Heimat. Und wieder war es - wie in "Good Will Hunting" - eine arme Gegend, in der Sie gedreht haben. Damals Southend. Diesmal Dorchester.

Affleck: Ich mag es, auf mein eigenes Erleben zurückzugreifen. Das ist mein Material. Es war, wie noch einmal ganz von vorne anzufangen.

SZ: Es sind arme Menschen, die dort leben. Was verbindet Sie mit ihnen?

Affleck: Viele sind arm und viele müssen hart kämpfen. Es ist der Kampf einer Gemeinschaft, der mich schon immer sehr berührt hat. Ich glaube an die Idee, dass es Menschen gibt, die, weil sie gegen wirklich schwierige Umstände ankämpfen müssen, gebrochen sind, oder an Leib und Seele beschädigt, dass diese Menschen es trotzdem hinkriegen, ihre Würde zu bewahren!

SZ: Fühlen Sie sich als einer von ihnen?

Affleck: Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich mich mit ihnen auf eine Stufe des Lebenskampfes stellen will. Das nicht. Aber ich will ihnen helfen, weil mich das alles definitv an zu Hause erinnert und ich eine Verbundheit mit diesen Menschen fühle. Darum wusste ich, als ich beschloss, diesen Film zu machen, wohin ich zu gehen habe. Und dass diese Menschen es sein werden, die ich fotografieren will.

SZ: Meine letzte Frage, Mr. Affleck, gilt Ihren Fähigkeiten als gefürchteter Imitator Ihrer Schauspielkollegen. ..

Affleck: Ja, ich kann das ganz gut. Aber ich weiß nicht, ob es auf Deutsch funktioniert.

SZ: Auf jedem Set suchen Sie sich einen Ihrer Co-Stars aus, den Sie nach Drehschluss imitieren. Wen hatten Sie diesmal ausgewählt? Wieder Morgan Freeman?

Affleck: Morgan kann ich ganz gut. Aber nach einem so langen Interview würde ich auch Sie ganz gut hinkriegen.

Ben Affleck, amerikanischer Schauspieler und Regisseur, 35, wuchs in Cambridge, Massachusetts, auf. Schon als Schüler wollte er Schauspieler werden. Der Sohn einer Lehrerin und eines Sozialarbeiters ging nach der Highschool mit seinem Schulfreund Matt Damon nach Hollywood, wo er sich zunächst im Independent-Kino durchschlug. Nach dem Erfolg von "Good Will Hunting", in dem Damon die Hauptrolle übernahm und Affleck die Rolle des besten Freundes, spielte er in zahlreichen Großproduktionen Hauptrollen, so in "Armageddon", "Pearl Harbor", "Der Anschlag" und "Daredevil" sowie in romantischen Publikumsfilmen wie "Bounce" und "Auf die stürmische Art". Den Darsteller-Preis der Filmfestspiele Venedig erhielt er 2006 für seine Rolle als Superman-Darsteller George Reeves in "Hollywoodland". Aufsehen erregten seine Beziehungen mit Gwyneth Paltrow, Jennifer Lopez und seiner heutigen Ehefrau Jennifer Garner, mit der er eine kleine Tochter hat. Sein erster als Regisseur verantworteter Film "Gone Baby Gone"kommt am 29. November in die deutschen Kinos.