Süddeutsche Zeitung

Ausstellung über den Dreißigjährigen Krieg:Gold und Grauen

Die Schau "Bellum et Artes" im Grünen Gewölbe in Dresden zeigt den Dreißigjährigen Krieg im Spiegel der Kunst.

Von Till Briegleb

Es war das "Hiroshima" des Dreißigjährigen Kriegs. Die von den Siegern zynisch "Magdeburger Hochzeit" genannte Vernichtung der Stadt durch die Truppen der katholischen Liga unter Tilly und Pappenheim im Mai 1631 war selbst für diesen grausamen Krieg ein grausames Massaker. Zwischen 20 000 und 30 000 Menschen wurden von den katholischen Soldaten in vier Tagen gelyncht, die Stadt komplett ausgeplündert und niedergebrannt. Der Begriff "magdeburgisieren" ging anschließend in den europäischen Sprachgebrauch ein für "vollkommen auslöschen". Und genützt hat das blutrünstige Meucheln auch nichts. Der Machtkampf gieriger Fürsten und skrupelloser Führer von Berufsheeren tobte noch 17 Jahre weiter und kostete ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas das Leben durch Spieße, Hunger und die Pest.

Der reale Krieg definiert den Rahmen, in dem über das Schöne der Kunst gesprochen werden muss

Deswegen steht ein Stich dieses scheußlichen Ereignisses am Beginn der Ausstellung "Bellum et Artes" im Grünen Gewölbe in Dresden. Die aus einem Forschungsvorhaben von elf europäischen Institutionen entwickelte Ausstellung mit neun Stationen hat dort ihre Uraufführung, weil in Sachsen ein Zentrum des hemmungslosen Tötens zwischen 1618 und 1648 lag. Und obwohl die Luftansicht von der Belagerung Magdeburgs ein distanziertes Dokument inszenierten Kriegsglücks ist, wie es siegreiche Fürsten von ihren Schlachten anfertigen ließen, definiert der reale Krieg dennoch den Rahmen, in dem über das versammelte Schöne der Kunst gesprochen werden muss.

Soll die ganze Pracht von fein gravierten Stichwaffen, ziselierten Globen für Trinkspiele oder vergoldeten Sonnenuhren nicht zynisch wirken, muss die Geschichte der Leidtragenden dieses endlosen Konfessionskriegs zuerst erzählt werden. Und das Kuratorenteam dieser skeptischen Schau macht sich der Verharmlosung wirklich nicht schuldig. Gleich nach der Sammlung von Schlachtordnungen und brennenden Stadtansichten, auf denen noch keine aufgeschlitzten Leiber, gebratene Bauern und vergewaltigte Frauen zu sehen sind, versammelt ein Kabinett all das Konkrete, was "Dreißigjähriger Krieg" für das Volk im Gegensatz zu den Fürsten bedeutete.

Die Darstellung der Kriegsgräuel galten "nur partiell als bildwürdig"

Rund um eine geschnitzte "Menschenfresserin" von Leonhard Kern von 1640, die völlig ausgezehrt in ein abgeschlagenes Menschenbein beißt, versammelt der Raum realistische Stiche und Zeichnungen von den Kriegsgräueln der Söldnerheere gegen die Zivilbevölkerung sowie Hörbeispiele von Augenzeugenberichten der verrohten Grausamkeiten aller an dem Krieg beteiligten Armeen, ob bayerisch oder schwedisch. Wobei in dem umfangreichen Essayband, der das Forschungsprojekt begleitet, von Christoph Orth darauf hingewiesen wird, dass die Darstellung der Kriegsgräuel auch in diesem besonders schrecklichen Krieg "nur partiell als bildwürdig betrachtet" wurde. Die "Verbindung von militärischer Macht und Kunst führte zu einer einseitigen Konzentration auf Bildzeugnisse, die entweder der Verherrlichung des Auftraggebers dienten oder den Krieg in genrehafter Manier zeigen".

Wie die Realität dieses Krieges für die Staatsoberhäupter aussah, das beschreibt vielleicht am besten ein reich mit Gravuren bebildertes Schwert, das der sächsische Kurfürst Johann Georg I. von einem Adeligen mitten im Krieg geschenkt bekam. Auf der Klinge sind die "Helden" beider Seiten in frommer Eintracht auf stolzen Pferden und mit wehenden Federn am Hut dargestellt, als wären sie alle im selben Team. Und irgendwie entsprach das auch der Realität dieser Fürstenklasse, die nicht nur über vielfache Zweckehen zwischen den Mächtigen des Kontinents verwandtschaftlich eng verbunden war, sondern auch ständig nach den aktuellen politischen und materiellen Interessen die Fronten und Koalitionspartner in der Machthatz wechselte.

Der sächsische Kurfürst, den Historiker gerne als "nützlichen Idioten des Kaisers" und den "Bierjörge" verspotten, weil er immer besoffen war oder auf der Jagd konfrontative Machtpolitik mied, ist ein klassisches Beispiel dieser sich schadlos haltenden Adeligkeit. Obwohl er Vorsteher eines protestantischen Reichs war, hielt er sehr lang dem katholischen Kaiser Ferdinand II. die Treue, und auch nach seinem Frontwechsel zur Schwedenseite Gustav Adolfs konnte er nicht verhindern, dass sein Land zehn Jahre zum Hauptschauplatz der menschgemachten Apokalypse wurde. Nur in der Fürsorge für seinen Kunstschatz zeigte er sich grausameren Fürsten weit überlegen.

In seiner 45-jährigen Regierungszeit mehrte Johann Georg emsig die Kostbarkeiten, von denen man einige in dieser Sonderausstellung oder als Satelliten in der prunkvollen Dauerausstellung der Staatlichen Kunstsammlung sehen kann, etwa reich verzierte Rüstungen und Pferdegeschirre, eine Fregatte aus Elfenbein von Jacob Zeller, die den Kriegseintritt Sachsens thematisiert, oder Prachtmode in Georgs Lieblingsfarbe Grün. Der Promille-Ästhet kaufte im Ausland ein, bekam Aufwendiges zu Weihnachten von seiner Frau geschenkt und ließ Auftragsarbeiten aus der Staatskasse finanzieren. Tatsächlich brachte er dieses Fundament des grandiosen Staatsschatzes, der heute zum maßgeblichen touristischen Anziehungspunkt Dresdens geworden ist, durch alle Kriegswirren - was ansonsten nicht vielen gelang.

Die Ausstellung erzählt auch vom Rauben der Kunst und dem Weg der Kriegsbeute

Selbst der Anführer der katholischen Liga, der bayerische Kurfürst Maximilian I., wurde 1632 vom schwedischen König Gustav Adolf seiner Schätze in München beraubt, wofür er sich 1634 dann an der Stuttgarter Sammlung schadlos hielt. Und auch im Jahr des Westfälischen Friedensschlusses 1648 plünderten die Truppen von Gustav Adolfs Nachfolgerin, der schwedischen Königin Christina, noch die Stadt, wo mit dem Prager Fenstersturz der europäische Weltkrieg begonnen hatte - in der Tasche ein Wunschzettel der Königin, was unbedingt nach Stockholm zu bringen sei.

Entsprechend handelt diese Ausstellung auch von der Migration der Beute. Eine digitale Spurensuche, die auf den folgenden Stationen von "Bellum et Artes" in Prag, Innsbruck, Mantua, Danzig, Breslau, Görlitz, Stockholm, Madrid und zum Finale 2024 in Brüssel fortgesetzt wird, soll eine interaktive Landkarte erzeugen, auf der man die Wege der geraubten Kunst bis zu ihrem heutigen Aufenthaltsort verfolgen kann. Dort werden dann viele der Schätze, die Besucher als selbstverständlich dem Museum gehörig wahrnahmen, erstmals im historischen Zusammenhang als Beutekunst gekennzeichnet.

Das Kuratorenteam um den scheidenden Leiter des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, namentlich Claudia Brink, Theda Jürjens und Susanne Jaeger, schwelgt bei dieser informativen Schau erfreulicherweise nicht in sächsischem Prunk, wie er auf derselben Etage im neuen Grünen Gewölbe bis zu Golderblindung genossen werden kann. Mit prägnanten Exponaten und Texten illustrieren sie straff ihre Kapitel, von einem Arsenal an Tötungswaffen über Ölgemälde von Reiterschlachten (die allerdings teilweise nicht den Dreißigjährigen Krieg darstellen) zu opulenten Gefäßen, Herrscherporträts und Dokumenten, etwa das schwedische Ratifizierungsexemplar des Westfälischen Friedens.

Ein Kunstwerk verweist auf den Afghanistan-Konflikt und damit auf die Gegenwart

Bevor der Besucher das Grüne Gewölbe verlässt, stolpert er noch über ein Kunstwerk am Boden aus drei patronenförmigen Urnen mit schemenhaften Gesichtern. Mit diesen Kenotaphen erinnert der Künstler Till Ansgar Baumhauer daran, dass es bis heute kriegerische Auseinandersetzungen gibt, die mehrere Jahrzehnte dauern: in diesem Fall der Afghanistan-Konflikt, der mit dem Einmarsch der russischen Armee 1979 begann. Und das verweist darauf, dass viele Aspekte des Dreißigjährigen Kriegs in rund 400 Jahren zu keiner Einsicht geführt haben: von den Massakern der syrischen Machthaber an ihrem Volk über die entfesselte Grausamkeit mexikanischer Kartelle zu dem konfessionellen Zwangsregime, das China gegen Uiguren und Tibeter führt, gibt es zahlreiche Parallelen des Schreckens. Die zynische Verherrlichung von Gewalt und gerechten Kriegen hat gegenüber der "Magdeburger Hochzeit" eher noch zugenommen. Und deswegen ist "Bellum et Artes" eigentlich eine Lehrstunde über die Gegenwart.

Bellum et Artes, im Residenzschloss Dresden. Bis 4. Oktober 2021. Katalog: Sandstein Verlag, 150 Seiten, 15 Euro; Essayband: Sandstein Verlag, 544 Seiten, 48 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5348515
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/knb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.