"Belleville" im Kino:Das Leben, ein Chanson

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"Belleville" im Kino: Filmstills "Belleville" (Kinostart am 13.10.22); Real Fiction

Filmstills "Belleville" (Kinostart am 13.10.22); Real Fiction

(Foto: Real Fiction)

Der Dokumentarfilm "Belleville" porträtiert melancholisch schön das alte Pariser Viertel und dessen Bewohner.

Von Philipp Stadelmaier

Dass man sich vor Nostalgie hüten sollte, ist einer dieser Glaubenssätze, von denen niemand genau weiß, woher sie eigentlich kommen. Vermutlich aus der Vergangenheit, ebenso wie dieser andere Glaubenssatz, der verkündet, früher sei alles besser gewesen. An der Befürchtung, das Glück liege längst hinter uns, hat sich bis heute wenig geändert. Vor allem nicht in Anbetracht des beginnenden Winters und einer Weltlage, die mehr als genug Gründe für Wirklichkeitsflucht bietet.

Wer für neunzig Minuten entkommen und trotzdem kein schlechtes Gewissen haben will, dem sei der Film "Belleville. Belle et rebelle" von Daniela Abke ans Herz gelegt. Eine Dokumentation, die in elegantem Schwarz-Weiß den Pariser Stadtteil und dessen Bewohnerinnen und Bewohner porträtiert. Vor allem die Vergangenheit des alten Arbeiterviertels, in dem 1871 die Kommunarden auf die Barrikaden gingen und 1915 Édith Piaf geboren wurde.

Alles beginnt mit dem morgendlichen Öffnen eines Bistrots. Läden werden aufgeklappt, Licht dringt herein, auf den Fensterscheiben erscheint ein Name: "Le Vieux Belleville". Es ist der zentrale Ort, an dem sich die drei Hauptthemen des Films verbinden: das Viertel von früher, das es so längst nicht mehr gibt, das französische Chanson und das Erbe des Sozialismus. Ein amerikanischer Maler bemalt eine Wand mit einer alten Straßenszene. Abends werden dann in dem knallvollen Laden gemeinsam mit allen Gästen alte Chansons gesungen, begleitet von Drehorgeln und Akkordeons. Ein Mann mit drolligem Schnurrbart gibt Vorlesungen über die Geschichte der Revolutionen im 19. Jahrhundert, während Teller mit Entenconfit serviert werden.

Sogar ein Assistent von François Truffaut ist noch da und erzählt von "Jules et Jim"

Ein anderer wichtiger Ort ist der Friedhof, voller Erinnerungen an die Pariser Kommune. Ein baskischer Separatistenkämpfer, der lange im Gefängnis saß, spaziert mit einem Friedhofsführer zwischen den Gräbern. Gemeinsam rekapitulieren sie alte Figuren und Geschichten. Die Kämpfer von einst lebten teilweise vom Verkauf ihrer Lieder, vor dem Aufkommen des Radios hieß das: Sie verkauften Liedblätter. So entstehen die Umrisse einer wahrhaft populären (und vergangenen) Liedkultur, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung verwurzelt ist.

Die Regisseurin besucht auch die Archive des berühmten Fotografen Robert Doisneau (1912 - 1994), der den Alltag der Menschen in vielen Facetten festhielt. Auch die Wände des in Belleville lebenden Schriftstellers und Dokumentarfilmers Robert Bober sind von alten Aufnahmen übersät. Hier wird das kollektive Gedächtnis des Stadtteils um die französische Filmgeschichte ergänzt, denn Bober begann seine Karriere Ende der Fünfzigerjahre als Assistent für François Truffaut. Für dessen "Jules et Jim", der zur Zeit des Ersten Weltkrieges spielt, suchte er nach Drehorten - und fand sie natürlich in Belleville, das schon damals der Vergangenheit näher stand als der Gegenwart.

Das neue Stadtbild von Belleville störe ihn nicht, sagt Bober, da er trotzdem durch es hindurch ins Früher sehe. Ebenso verhält es sich mit den Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Abke: Sie blenden die Gegenwart nicht aus, sondern machen sie zum durchsichtigen Schleier, durch den man in die Vergangenheit schauen kann. Gleichzeitig wird die Gegenwart selbst unmittelbar musealisiert. Wenn sich der alte Baske mit einer Frau am Fenster unterhält, sehen wir zuerst ein Wandbild, das eine ähnliche, typische Straßenszene darstellt. Was im Jetzt gefilmt wird, wird sofort zur Erinnerung - oder ist immer schon eine gewesen.

Der Film ist niemals kitschig, aber auch nicht unproblematisch. Die schwarze, arabische und asiatische Bevölkerung im einstigen und heutigen Einwandererviertel taucht nur am Rande auf. Und dass hier eine Welt beschworen wird, in der sich gute Arme und böse Reiche einen Klassenkampf liefern, birgt auch ein naives Bedürfnis nach Klarheit inmitten einer überkomplexen Wirklichkeit. Was Abke und ihren Figuren aber durchaus bewusst ist.

Und dennoch. Immer hat jemand ein Chanson zum Singen parat, und immer ist da wer, der darin einstimmt. Wie eines Abends im "Vieux Belleville", wenn der ganze Laden Serge Gainsbourgs "La Javanaise" intoniert. Gibt es nicht Wichtigeres und Schöneres, als Menschen beim gemeinsamen Singen zuzuhören? Ja, sicher - aber nicht für die Dauer dieses Films.

Belleville. Belle et rebelle, Frankreich/Deutschland 2022. Regie, Buch: Daniela Abke. Kamera: Isabelle Casez. Montage: Abke, Sebastian Winkels. Real Fiction Filmverleih, 98 Minuten. Kinostart: 13.10.2022.

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