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Belletristik:Knalleffekt, Klamauk und Kitsch

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek. Roman. A. d. Engl. v. D. Merkel. Tropen Verlag, Stuttgart 2015. 315 Seiten. 19,95 Euro.

Der junge englische Schriftsteller David Whitehouse erzählt von einer Flucht im Bücherbus - eine Räuberpistole mit Moral, aber ohne Mehrwert, die wohl bald schon auf dem Schrottplatz verrosten wird.

Von Ulrich Rüdenauer

Je fragwürdiger ein Produkt, desto ausgefallener die Marketingstrategie. Auch bedeutungsärmere Bücher sollen ja in ein hübsches Licht gesetzt werden. Kürzlich tourte also der junge englische Autor David Whitehouse auf Geheiß seines deutschen Verlags mit einem Londoner Doppeldeckerbus durch die Großstädte des Landes, um seinen gerade erschienenen Roman "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" zu promoten. Warum er das tat? Zum einen hat es inhaltliche Gründe, auf die wir gleich kommen werden. Zum anderen aber übersieht man so einen feuerroten Bus kaum, was dem beworbenen Buch wiederum leicht passieren könnte.

Ein Verlust wäre das allerdings nicht. Gelinde gesagt handelt es sich bei der "Reise mit der gestohlenen Bibliothek" um eine arge Räuberpistole, die so ziemlich jedes Ziel verfehlt, das anfängliche Wohlwollen des Lesers aber gnadenlos ins Visier nimmt.

David Whitehouse erzählt von einem entwendeten Bücherbus, in dem der in prekären Familienverhältnissen aufwachsende Bobby Nusku, seine Spielkameradin Rosa, deren Mutter Val und der Deserteur Joe, verfolgt von einer Sondereinheit der Polizei, kreuz und quer durch England kutschieren. Die vier haben ihr Herz natürlich am rechten Fleck, obwohl das Leben sie allesamt mächtig gebeutelt hat. Zusammen jedenfalls sind sie stark, das ist die magere Moral von der erbaulichen Geschicht'.

Der Bus ist für die Ausreißer aber nicht nur ein Vehikel, das aus dem zermürbenden, deprimierenden Alltag entführt; sondern auch eine Art Phantasiemaschine, die dank der reichlich mitgeführten Bibliotheksbücher - von "Harry Potter" bis "Moby Dick" - alle möglichen Welträume eröffnet. Oder besser eröffnen könnte. Was Whitehouse aus dieser eigentlich hübsch skurrilen Road Novel nicht macht, würde Bände füllen.

Wie Literatur aus Literatur geboren wird, hat bereits vor 500 Jahren Cervantes vorgeführt; und wundersame literarische Reisen finden sich auch in der Gegenwart, etwa wenn Rawi Hage im Roman "Spinnen füttern" seinen Helden Fly als modernen Don Quijote auf einem fliegenden Teppich durch die Weltliteratur und die Straßen eines urbanen Molochs schweben lässt. Whitehouse hingegen verschenkt das Potenzial seines Stoffes, schwankt unstet zwischen Realismus und übersprudelnder Phantasie, hat einen Hang zu Überzeichnungen, wo Dezenz gefragt wäre, und folgt penibel und sprachlich eher bescheiden seiner hanebüchenen Reißbrettkonstruktion. Die literarischen Anspielungen kratzen dabei nur an der Oberfläche und haben lediglich illustrativen Charakter.

Ob "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" nun ein Jugendbuch oder eines für Erwachsene sein soll, spielt letztlich keine große Rolle - misslungen ist es so oder so, weil es weder den Figuren noch den Lesern rechtes Vertrauen schenkt. Die einen werden in einem kitschigen Rührstück vorgeführt, die anderen mit einem filmreifen Plot versorgt.

Unweigerlich muss man bei der Lektüre von Whitehouse an Wolfgang Herrndorfs Meisterwerk "Tschick" denken, ein Jugend- und Erwachsenenbuch über zwei Jungs, die mit ihrem gestohlenen Lada quer durch den bundesrepublikanischen Osten in ein anderes Leben trudeln. Wo in Herrndorfs romantischer Irrfahrt Existenzielles und Komik miteinander verwoben werden, sind es bei Whitehouse Knalleffekte und Klamauk. Man ahnt, dass Herrndorfs Lada noch munter durch die Köpfe der Leser cruisen wird, wenn Whitehouses Bus längst auf dem Schrottplatz der Gegenwartsliteratur dahinrostet.

© SZ vom 23.04.2015
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