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Belletristik:Falsch untergehen

Jana Hensel: Keinland. Ein Liebesroman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 196 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

(Foto: Verlag)

Jana Hensel erzählt in ihrem Debütroman von der Liebe einer Ostdeutschen zu einem Israeli.

Erstaunliche Dinge geschehen in diesem Debütroman, dessen Erzählerin den Namen eines berühmten Buches trägt. Sie heißt Nadja, wie die Heldin von André Bretons Roman aus dem Jahr 1928, aber das mag Zufall sein. Eine Verführerin ist sie nicht, eher eine Frau, die mit der Tür ins Haus fällt. Nadja ist Mitte dreißig, Journalistin und bekommt von ihrem Chefredakteur den Auftrag, eine Reportage über Länder zu schreiben, in denen es eine Mauer gibt. Da kommt sie gleich auf Israel. Irgendjemand hat ihr einmal die Mail-Adresse eines gewissen Martin Stern gegeben, der als Berater in einer deutsch-israelischen Wirtschaftsagentur arbeitet. Er reagiert sofort, per Telefon, allerdings ablehnend, er gebe keine Interviews, ihrer Zeitung schon gar nicht, die im Ruf steht, anti-israelisch zu sein. Abwechselnd lacht er sie aus und schreit sie an. Einige Wochen später fliegt sie nach Tel Aviv.

Der Duktus dieses Liebesromans gleicht einer Beschwörung

Dabei will sie ihn gar nicht mehr interviewen. Nein, sie will den Mann retten. George Clooney muss Modell für ihn gestanden haben. Er ist Mitte fünfzig und sie beschreibt ihn so: "Er lehnte an einer Säule und schaute auf sein Telefon. War viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte, groß und schön. In seinem blauen Anzug und dem weißen Hemd sah er aus wie ein italienischer Architekt oder ein englischer Trader oder wie ein Anwalt aus New York."

Was also gibt es an diesem Mann zu retten? Er wirkt, als käme er ganz gut alleine klar. Doch Nadja meint, in seiner Stimme Verzweiflung vernommen zu haben. Und sie imaginiert einen Satz, von dem sie glaubt, er sei die unterschwellige Botschaft des Telefongesprächs gewesen: "Ich liebe dieses Land, wenn es untergeht, gehe auch ich unter."

Das Rettungs-Projekt ist zu einem beträchtlichen Teil ein Münchhausen-Projekt. Denn Nadja erkennt in diesem Satz eine Beschreibung ihrer eigenen Lage. Sie ist in der DDR aufgewachsen, die in diesem "Liebesroman", wie "Keinland" im Untertitel heißt, nicht beim Namen genannt wird, sondern nur das "falsche Land" heißt. So wie auch Israel nur "heiliges Land" heißt und gelegentlich sogar "heilendes Land" (wobei die Autorin die ungewollte Implikation offenbar übergehen kann).

Nicht ganz ein Jahr dauert die Liebesgeschichte zwischen Nadja und Martin, der als Sohn zweier Holocaust-Überlebender in Frankfurt am Main aufgewachsen ist. "Deine Eltern hatten Auschwitz überlebt, irgendwie, du nicht", sagt die Erzählerin einmal über den Geliebten, den sie in ihren inneren Monologen mal in der zweiten, mal in der dritten Person anspricht.

Jana Hensel erzählt ihre Liebesgeschichte vom Ende her. Nachdem Martin zum ersten Mal in Nadjas Berliner Wohnung übernachtet hat, verlässt er sie morgens, während sie noch schläft. Dass er längst auf dem Flughafen ist, als sie erwacht, erfährt sie über Twitter und Facebook.

Der Duktus des Romans gleicht einer Beschwörung. Immer wieder setzt die Erzählerin an und evoziert in Wiederholungsschleifen eine Liebe, deren Scheitern sie sich nur mit der Traumatisierung des Mannes erklären kann. Dabei geht es offenbar nicht nur um das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn als Kind mit ihren unkalkulierbaren Schreien verängstigte. Die Erzählerin greift auch zu epigenetischen Erklärungsmustern, also zu der These, dass Erfahrungen vererbt werden können, auch wenn sie das nicht so nennt.

Während sich Martin der Geliebten meistens entzieht und nicht nur anfangs einmal sagt, dass er sich sehnlichst ein Kind wünsche, sondern ständig Double-bind-Botschaften aussendet, versucht sie seinen Wünschen zu entsprechen: "Ich werde da sein, und ich werde weg sein, wann immer du willst."

"Wahrscheinlich ist es auch nicht zu verstehen, ich verstehe es selbst nicht immer."

So muss sie zwar eine Menge Dinge ohne ihn unternehmen. Aber alles, was sie tut, steht im Zeichen einer gefühlten Nähe. Wenn sie mit einem Freund nach Polen fährt und Auschwitz besucht, aber auch, wenn sie in Israel ist und morgens alleine von Tel Aviv mit dem Bus nach Jerusalem fährt, um Yad Vashem zu sehen. Dort fühlt sie sich erstaunlich wohl: "man war so bei sich, ich mochte es eigentlich sofort." Nicht nur in ihrer Funktion als Ich-Erzählerin scheint sich bei Nadja alles um sie selbst zu drehen. "Es geht nicht immer nur um dich", sagt Martin einmal zu ihr.

Nadjas Vater ist mit dem Mauerfall verschwunden, der Vater ihres Jugendfreundes Robert brachte sich um. "Keinland" handelt auch von abwesenden Vätern und übertragener Liebe. Aber vor allem ist "Keinland" ein Projektionskabinett, bei dem ausgerechnet Israel dafür herhalten muss, den Phantomschmerz über die verschwundene DDR zu kultivieren. Nadja steigert sich in das (vermutete) Trauma Martins hinein, um ihr eigenes aufzuwerten: "Aber du hast das nicht verstanden, du hast mich damals nicht verstanden, sehr geehrter Herr Stern! Wahrscheinlich ist es auch nicht zu verstehen, ich verstehe es selbst nicht immer. Aber weißt du, mein Land ist wirklich untergegangen, und ich glaube manchmal, ich mit ihm. Vielleicht weil ich damals so jung war, habe ich nicht verstanden, was passierte. Martin, verstehst du, vielleicht bin ich ja mit diesem Land untergegangen. Man kann auch mit falschen Ländern untergehen."

Auch wenn das Nadja sagt und nicht die Autorin selbst, affiziert ihr falsches Pathos den Roman. Weil er in der Ich-Form geschrieben ist, hat er keine andere Stimme als die larmoyante Stimme der Erzählerin. Die Autorin Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, hat bisher als Journalistin, unter anderem für den Freitag, gearbeitet. Mit "Zonenkinder", ihrem Buch über Kindheit und Jugend in der DDR, wurde sie im Jahr 2002 bekannt. Mit dem Sound eines kollektivierenden "Wir" unterlegt, reklamierte es die eigene Erfahrung als Generationserfahrung. Dass Jana Hensel in Interviews kokett betonte, das Ich ihres Buches sei gar nicht autobiografisch, sondern eine Rolle, wie in der Literatur, machte die Sache nicht besser. Wie "Zonenkinder" steckt nun auch "Keinland" voller falscher Töne.