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Belletristik:Die Kamera und ihre Opfer

Sabine Gruber hat einen Roman über das Dilemma des Fotoreporters in Kriegsgebieten geschrieben. Doch die literarische Aufbereitung der Weltlage missglückt.

Von Burkhard Müller

Jeder kennt sie, und jedem ist bei ihnen leicht mulmig zumute: die Fotos von Kriegen, Krisen und Katastrophen, welche die jedesmal von Neuem überraschende Tatsache ins Bild setzen, dass es stets die Unschuldigen trifft, die Alten, Frauen und Kinder. Diese Bilder brachen vor einem halben Jahrhundert ins westdeutsche Bewusstsein ein, mit den großen Augen und Hungerbäuchen der Waisen von Biafra. Sie strömen in breiter Front in unsere Gegenwart herein, von den Opfern der afrikanischen und nahöstlichen Konflikte zu den Flüchtlingsmiseren vor der europäischen Haustür, und sie werden das, wie es den Anschein hat, noch lange tun.

Denn weder die Erfindung des Schießpulvers noch die der Kamera lässt sich rückgängig machen. Beide Arten, zu zielen und abzudrücken, einander in Technik und Vokabular so ähnlich, gehören unauflöslich zusammen. Was da im Sekundenbruchteil geschieht, hat Bestand für die Ewigkeit; ein eben noch lebender Mensch ist dauerhaft tot, und der tote lebt fort im visuellen Gedächtnis der Öffentlichkeit, potenziell für immer. Zu beiden auch gehört der ethische Diskurs, der sie grundsätzlich infrage stellt, ohne ihre Praxis je im mindesten zu erschüttern.

Kann man über Leute, die berufsmäßig solche Bilder schießen, einen Roman schreiben? Sabine Gruber hat es versucht. "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" hat sie ihr Buch genannt. Es ist ein Titel, dem man sofort misstraut: Individuum und Problem sollen allein schon durch ein schwaches Bindewort zur Deckung gebracht werden. Und man ahnt, noch ehe man von ihm mehr kennt als den Namen, schon gleich, was dieser Daldossi für ein Kerl ist. Ein Mann im Vollsinn des Wortes ganz bestimmt, nicht mehr jung (denn für Jungspunde langt ein Nachname nicht aus), verwittert in Sand und Stürmen gefährlicher Himmelsstriche, tollkühn, wenngleich nicht immer tapfer, wenn der Granatenhagel niedergeht, ausgelaugt von all dem Elend und ihm doch zäh und süchtig auf der Spur - einer muss es ja machen! -, kein Verächter von Frauen und harten Getränken, doch unter einer abgebrühten Pelle im tiefsten ein Romantiker.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Sein Vorname tut nichts zur Sache und wird selbst von der jeweiligen, gern deutlich jüngeren Geliebten kaum zum Vorschein gebracht. Zurück aus Tschetschenien, Bosnien oder Ruanda, fehlt ihm daheim (doch was heißt für ihn noch "daheim"?) die Geduld mit den joghurtbecherspülenden mitteleuropäischen Normalzivilisten, er eckt an durch Ticks und zynische Sprüche. Das, wie gesagt, ahnt man, ehe es losgeht. Und genauso kommt es.

Die Autorin hat größte Mühe, aus diesem charakterlichen Zustand eine Handlung zu entwickeln, wie sie es bei einem Roman doch muss. Daldossi also kehrt wieder einmal aus dem Einsatz zurück (wie seine Erfinderin stammt er aus Südtirol und hat seinen Hauptstützpunkt in Wien). Diesmal aber muss er feststellen, dass ihn seine langjährige Lebensgefährtin Marlis, überdrüssig der Angst, der langen Trennungen und der ewigen Streitereien, verlassen hat.

Der Streit dreht sich vor allem um den jeweiligen Beruf, den die beiden gewählt haben: Ist es nicht menschenverachtend, Sterbende abzuknipsen? Ist es nicht sentimental, eine Auffangstation für traumatisierte Bären in Zwettelsdorf zu betreiben, wenn überall auf der Welt so viele Menschen getötet werden? (Dass Daldossi mit Vornamen ausgerechnet Bruno heißt, muss man wohl als einen Zug von stillem Humor buchen.) Marlis ist mit einem friedlich-bescheidenen italienischen Lehrer durchgebrannt, Daldossi setzt ihr nach per Telefon, SMS und Flugzeug, treibt sich nächtlich stundenlang vor der Haustür des Paars in Venedig herum, trinkt, was er kriegen kann und ist im Verlauf des Buchs kaum je nüchtern. Von Venedig treibt es ihn nach der trostlosen Insel Lampedusa, wo Johanna, Journalistin und alte Bekannte, eine Reportage über Flüchtlinge in Schlauchbooten und Lagern machen will (nicht gerade die erste, wie sie weiß), und man kommt einander näher. Ach ja, und ganz zum Schluss (wirklich auf der allerletzten Seite) organisiert er die Einreise eines nigerianischen Kindes nach Südtirol; es ist die verschämte Coda eines schlechten Gewissens.

Es ist eine arbeitsteilige Weltgesellschaft, sein Part besteht in der Lieferung grausiger Bilder

Dieses Minimum an Geschehnis wird durchlässig für Flashbacks und Reflexionen. Im Irak hat Daldossi einmal zwischen den staubigen Polstern eines Taxis ein menschliches Auge gefunden. Einen Preis gewann er für das Bild eines zum Skelett abgemagerten Mädchens im Südsudan, dem ein Geier bedenklich nahe kam - ikonisches Menetekel oder Geschäft mit fremdem Elend? Sowohl als auch, wie man nach reiflicher Überlegung finden wird. Es ist einerseits nötig, dass es solche Bilder gibt, sonst verlören wir völlig aus den Augen, was im Südsudan passiert; andererseits hilft uns das wohleingeführte Genre "Bildreportage", das Entsetzliche mit mäßigem emotionalem Aufwand in unser Alltagsleben einzubetten: So ist die Welt eben, an ihren Rändern zumindest. "Ich hab mir den Arsch aufgerissen, hatte Bruno gesagt, bin von einem Kriegsschauplatz zum anderen gehetzt, aber die - er hatte sich im Bett aufgesetzt - blättern einfach weiter."

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. Roman. Verlag C.H. Beck, München 2016. 315 Seiten, 21,95 Euro. E-Book 17,99 Euro.

(Foto: Beck)

Was erwartet er? Es ist eine arbeitsteilige Weltgesellschaft, wobei sein Part in der Lieferung grausiger Bilder besteht. Nur unter dieser Voraussetzung wird so etwas wie Katastrophenhilfe möglich, ein Tropfen auf den heißen Stein, gewiss, aber besser als gar nichts. Gruber kommt bei der Erörterung solcher Widersprüche und Vereinbarkeiten nicht weit, nicht weiter jedenfalls als ihr physisch und seelisch verkaterter Protagonist. Die Sprache dieses Buchs, das von den Taffen und Sentimentalen handelt, ist ebenfalls taff und sentimental. "Es schien, als prallten die Strahlen am Wasser ab, als wäre seine Fläche aus einer festen und harten Materie, wie bei einem Sprung aus hundert Metern Höhe, wenn der menschliche Körper nicht mehr einzutauchen vermag, ohne sich zu verletzen."

Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, wie sie es im Mittelmeer immer tun, aber hier bilden sie die Kulisse für verschmachtende Flüchtlinge, und also muss eine möglichst brutale Metapher her, mit hundert Metern Fallhöhe - warum nicht gleich tausend? "So starben immer mehr Bootsinsassen an Erschöpfung und Austrocknung. Die Flüssigkeit entschwand über den Urin, den Stuhlgang, den Schweiß und die Atemluft aus ihren Körpern. Anfangs wurden die Toten noch mit Gebeten verabschiedet, später warfen die Flüchtlinge die leblosen Körper schweigend ins Meer."

Nichts davon ist erlebt und empfunden, das Schreckliche kommt in einer anschauungslosen Diktion daher, so seicht und ohnmächtig, wie es auch die Gefühle des Fernsehzuschauers sind. Dieses Buch hat sich vorgenommen, die mediale Aufbereitung der misslichen Weltlage als seinen Stoff zu gestalten. Das ist ihm misslungen, es gehört selbst zum Stoff, den es ergreifen wollte, als angestrengtes Beispiel einer sehr viel allgemeineren Hilflosigkeit. Als solches ist es höchst lehrreich.

© SZ vom 23.11.2016

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