Belletristik Der Kopfhörer

Im fünften Teil seines autobiografischen Erzählprojekts schildert Andreas Maier, wie er die Welt der Kunst und Literatur entdeckt.

Von Jörg Magenau

Ein Kreis ist ein Kreis, weil das Ende in den Anfang mündet und damit verschwindet. Der Kreis hat kein Vorne und kein Hinten, "und wenn man ihn als Band zur Möbiusschleife bindet auch kein Innen und Außen." So heißt es am Anfang und naturgemäß noch einmal am Ende von Andreas Maiers "Der Kreis" - Teil 5 seiner groß angelegten Herkunftsforschung und autobiografischen Studie über das Aufwachsen in der bundesdeutschen Provinz der Siebziger- und Achtzigerjahre. Etwa in der Mitte des Buches findet sich dann aber die klassische Schulbuchaufgabe: "Welche Bedeutung hat der Titel 'Der Kreis' im Zusammenhang des Textes? Warum hat der Autor diesen Titel gewählt?"

Da ist der Erzähler in der Unterstufe des Gymnasiums im hessischen Friedberg angekommen und mit dem orangeroten Deutsch-Buch "Lesen Darstellen Begreifen" konfrontiert, das ihn auf aufdringliche Weise duzt und nichts von der vornehmen Zurückhaltung wahrhaftiger Bücher besitzt. Natürlich kamen die Romane von Andreas Maier damals nicht darin vor. Auch die Vorstellung, selbst Bücher zu schreiben, war noch sehr weit weg. In einer Möbiusschleife ist jedoch auch das Spätere schon enthalten, der Punkt, von dem aus das Schreiben sich ereignet. Die frühere Welt, die dabei wieder ersteht, ist immer an diesen späteren Erinnerungspunkt geknüpft, auch wenn der nicht extra bezeichnet wird. So wird das erinnernde Schreiben zum Kreis, zur Schleife, zu einer Wiederkehr, die nicht einfach reproduziert, sondern ihre eigene Wahrheit entdeckt.

Die Welt der Kindheit wird hier nicht nur erfühlt, sondern durchdrungen und erfasst

Mit "Das Zimmer", "Das Haus", "Die Straße", "Der Ort" erweiterte Maier seit 2010 von Buch zu Buch allmählich das Beobachtungsspektrum. Er erzählte in konzentrischen Kreisen und setzte mit veränderter Perspektive immer wieder neu an. Der von Geburt an behinderte Onkel J., die innerfamiliäre Kindheit, die in ein autistisches Schweigen führte, die erotische Emanzipation der Schwester und überhaupt das verschwiegene Verhältnis zu Sexualität und Begehren in der Kleinbürgerwelt, schließlich die Pubertät, einsame Lektüren und Rotweinorgien, Partys und unglückliche Liebschaften - so arbeitete er sich durch die eigene Sozialisation. Das ging - bei thematisch wechselnden Schwerpunkten - mehr oder weniger chronologisch voran. Jetzt, mit "Der Kreis", beginnt Maier noch einmal von vorn, startet einen nächsten Durchgang und will genauer wissen: Wie kommt die Kunst ins Leben? Wie nimmt ein Kind dieses Andere wahr? Dahinter lauert die unausgesprochene Frage, wie aus ihm ein Schriftsteller wurde. Das aber kommt im Horizont der Jugend noch nicht vor. Das ist die Zielperspektive jenseits des Erzählten.

Plattenhören bedeutete: "Ich schloss mich an eine Apparatur an, die mich speiste wie einen Kranken."

(Foto: Christa Petri/Süddeutsche Zeitung Photo)

Wird überhaupt erzählt? Maier ist vielleicht zuallererst Analytiker, Essayist, Kolumnist (auch dafür ist er bekannt und hochgeschätzt). Wenn er erzählt, dann ist er ein genauer Beobachter, der in der Beschreibung das Beschriebene durchdringen und verstehen will. Nichts läge ihm ferner, als den kindlichen Blick allein aus dem beschränkten Horizont der seinerzeitigen Ahnungslosigkeit heraus entstehen zu lassen. Maier bleibt stets der erwachsene Intellektuelle, der, je tiefer er sich in sein damaliges Ich versenkt, den Außenblick bewahrt. So gelangt er zu Erkenntnissen, die das Kind niemals haben konnte, schafft aber gerade dadurch eine intensive Nähe zu diesem vergangenen Ich. Gefühle sind ja nichts, was dem Verstehen entgegengesetzt wäre. Sie werden vielmehr stärker, wenn man sie erfasst.

Vier Teile hat dieses schmale Buch, deren Überschriften Grundschule, Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe nicht nur vier Altersphasen entsprechen, sondern auch verschiedene Kunstbereiche: Philosophie, Musik, Theater, Literatur. Jeder Abschnitt ist zudem an eine andere, prägende Figur gebunden. Zunächst ist es die Mutter, die in den vorigen Büchern eher am Rand geblieben war und sich in ihr Zimmer im Obergeschoss des Elternhauses, ihre sogenannte Bibliothek, zurückzieht, um sich mit "Geistigem" zu beschäftigen. Seitenweise exzerpiert sie Gelesenes in einer kleinen, gleichmäßigen, wellenförmigen Schrift auf kariertem Papier. Auch für das Kind ist dieser von der Außenwelt abgegrenzte Raum ein Rückzugsort für erste Lektüren: Länder-Lexika vor allem, aus denen in unendlicher Verzweigung eine Welt aus Staaten, Einwohnerzahlen, Bodenschätzen und Zeitgeschichte entsteht.

Die Mutter aber befasst sich mit "Geist - Materie - Kosmos", sie liest Hans Küng und Hoimar von Ditfurth und korrespondiert mit dem Friedberger Dichter Fritz Usinger, der, auch wenn er heute vergessen ist, einmal eine Größe gewesen sein muss; immerhin hat er 1946 den Büchner-Preis erhalten. Hier gelingen Maier großartige Schilderungen dessen, was beim Kind von dieser Geist-Welt ankommt, die still und würdevoll aus den Büchern herausweht. Die in einen Morgenmantel gehüllte Mutter scheint ihm in ihrer Lese- und Abschreibverbissenheit den Alchemisten ähnlich zu sein, die "bei der Umwandlung von Blech in Gold, die Identität von Geist und Materie beweisen" möchten. Tatsächlich hat das sogenannte Geistige in dieser Phase eine unmittelbare, materielle Kraft.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ein Klavier, das die Mutter gelegentlich mit ein paar Bach-Akkorden zum Klingen bringt oder das die Schwester und ihre Freundinnen brutal traktieren, gerät dann in den stillen Blick des Kindes; es ist aber nur der Übergangsbegleiter zur folgenden Phase der Pop- und Rockmusik, in der Plattenhören zu einem Purgatorium wird. Durchgängig bleibt die "solipsistische Existenzweise" vorherrschend, das Suchthafte, das Verschwindenwollen in einer Gegenwelt. Musikhören, mit Kopfhörern auf dem Bett liegend, bedeutet: "Ich schloss mich an eine Apparatur an, die mich speiste wie einen Kranken im Krankenhaus" - oder wie ein Haus, das per Schlauch mit Heizöl betankt wird. Davon hatte Maier bereits in "Das Haus" erzählt. Jetzt wird er selbst zu einer Art Gehäuse.

Diese auf zwölf Bände angelegte Erforschung der Herkunft gehört schon jetzt zur großen Literatur

Der Besuch eines Hardrock-Konzerts nimmt sehr viel Raum ein, als ethnologische Studie über Milieu, Bedürfnisse und Umgangsformen der Konzertbesucher. Und das Erlebnis einer Schultheateraufführung wird zum künstlerischen Initiationserlebnis. Dem Schauspieler Thomas Heinze ist diese Passage gewidmet, in der daneben auch René Pollesch und Mathias Herrmann auftreten. Spätestens hier wird klar, dass in diesem Roman nichts erfunden ist. Er ist Abbildung des gelebten Lebens und versucht, es in einer so radikalen Fiktionsverweigerung zu erfassen, wie sie sonst derzeit nur Karl Ove Knausgård betreibt.

Das Theater der drei schon in jungen Jahren wild und ernsthaft zum Künstlertum Entschlossenen zeigt ihm die Kunst als einen Bereich, in dem andere, gegenläufige Gesetze gelten. Kunst als Ort der unerfüllten Träume, als Verkehrung der Ordnung und Entwurf eines Freiraums: Danach können dann die Bücher, das Lesen und das Schreiben erneut wichtig werden, jetzt aber nicht mehr als unnahbares "Geistiges", sondern als eine Sache, die man selber tun kann. Das ist die Erkenntnis, die sich aus der Kreisbewegung ergibt. Weitere Kreise werden folgen, Spiralbewegungen vermutlich. Andreas Maier wird sein Erinnerungsprojekt fortsetzen, und darin, egal, wie dicht er an seinem überschaubaren Lebensstoff bleibt, immer wieder zu neuen, überraschenden Einsichten finden, die über das Zufällig-Individuelle hinausreichen. Wer wissen will, was Kindheit und Erwachsenwerden bedeuten, kann es bei Maier erfahren. Sein auf zwölf Bände angelegter Romanzyklus gehört jetzt schon zur großen Literatur.

Andreas Maier: Der Kreis. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 149 S., 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.