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Belletristik:Den König spielen immer die anderen

Siri Hustvedts brillanter Roman "Die gleißende Welt" über eine New Yorker Künstlerin, die den Kunstbetrieb trickreich entlarven will.

Von Meike Feßmann

Monsters at Home" war einmal der Arbeitstitel des neuen Romans von Siri Hustvedt, und er hat in der Tat etwas Monströses. Angelegt als Sammelband über die fiktive Künstlerin Harriet Burden (1940-2004), ist er eine Art Performance in Romanform. "Die gleißende Welt" ("The Blazing World"), wie er nun heißt, war schon der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish, einer erst durch den Feminismus entdeckten Schriftstellerin und Philosophin des 17. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten von Samuel Pepys geschmäht, hoffte sie tapfer auf den Nachruhm.

Um Fragen des Ruhmes und der Anerkennung geht es auch im sechsten Roman der 1955 in Minnesota geborenen Siri Hustvedt, die ihrem lange Zeit berühmteren Gatten, dem New Yorker Schriftsteller Paul Auster, so langsam den Rang abläuft. Bereitwillig stellt er sich bei ihren Lesungen als Gesprächspartner zur Verfügung und fragt sie, mit ironischer Unbedarftheit, lauter Dinge, die er eigentlich weiß. Oder er sitzt bei einer Buchpräsentation im Publikum und hebt als einer der wenigen anwesenden Männer brav die Hand, von der Gattin mit einem charmanten "Paul" ermuntert - clownesker Schauspieler einer Ehe, die längst so etwas wie das symbolische Kapital beider Schriftsteller geworden ist. Das muss man können, und sie können es.

Siri Hustvedt, deren Eltern aus Norwegen stammen, und Paul Auster sind ein intellektuelles Glamour-Paar, dessen Zusammenspiel zu beiderseitigem Nutzen den Wert ihrer literarischen Aktien erhöht. In seinem autobiografischen Buch "Winterjournal" hat Auster jüngst die Intelligenz seiner Frau mit den Worten gepriesen, Intelligenz sei die einzige menschliche Eigenschaft, die sich nicht vortäuschen lasse. Sie kann sich also nicht beklagen. Und doch ist die fehlende männliche Anerkennung der Basso continuo ihres Werks, ob es nun die Romane betrifft oder die in mehreren Bänden gesammelten Essays.

Die Heldin will berühmt werden mit dem Beweis, warum sie nicht berühmt ist

Harriet Burden, die Heldin des in der New Yorker Kunstszene rund um den 9/11-Schock spielenden Romans, ist eine lebensnahe und zugleich ans Mythische rührende Figur: hoch gewachsen (wie die Autorin), mit wildem lockigem Haar - und einem Zorn im Leib, der fast noch größer ist als die Trauer um ihren verstorbenen Mann. Der trug den ebenfalls sprechenden Namen Felix Lord, war zweiundzwanzig Jahre älter als sie, dafür dreißig Zentimeter kleiner, ein überaus erfolgreicher Kunsthändler, dem jeder nach dem Munde redete. Harriet Burden fühlt sich verkannt. Was liegt da näher, als den Tod des geliebten Mannes nicht nur durch die Nachbildung seiner Gestalt in Form einer beheizten Stoffpuppe zu sublimieren, sondern es der Welt endlich zu zeigen? Sie will Anerkennung, sie will Ruhm! Aber sie will auch verstanden werden.

US-Schriftstellerin Siri Hustvedt

So langsam läuft die 1955 in Minnesota geborene Schriftstellerin Siri Hustvedt ihrem berühmten Mann Paul Auster den Rang ab.

(Foto: Alejandro Garcia/dpa)

Es ist ein ziemlich widersprüchliches Projekt, das Siri Hustvedt ihrer Heldin auf den Leib schneidert. Harriet Burden will beweisen, dass sie nur deshalb verkannt wurde, weil sie eine Frau ist, und sie will mit eben diesem Beweis brillieren. Also engagiert sie drei männliche Künstler, die sich als Schöpfer ihrer Werke ausgeben sollen. Ganz am Ende des "Metamorphosen" genannten Projekts, das sich über Jahre erstreckt und in drei Einzelausstellungen gezeigt wird, will sie mit triumphaler Geste enthüllen, dass sie es war, die alles erschaffen hat. Ihr Ruhm, so stellt sie es sich vor, wird grenzenlos sein, aber auch die Demütigung, die sie jenen zufügt, die nicht erkannt haben, dass sich hinter den männlichen Masken eine Frau verbirgt. Doch alles läuft anders als erhofft.

Mit geradezu besessener Genauigkeit fängt der Roman ein, wie etwas in dem Moment zu verschwinden beginnt, in dem Frauen danach greifen: eine irgendwie glaubhafte Konzeption von Ruhm. Harriet Burden ist eine tragikomische Übergangsfigur, die der Roman schillernd und listig in Szene setzt, als großes Spektakel weiblicher Wunschvorstellungen und als kluges Experiment subtiler Selbstsabotage. Die Formidee ist absolut überzeugend. Sie präsentiert Leben und Werk ihrer Hauptfigur als Anthologie mit Herausgeberfiktion und versammelt ganz unterschiedliche Stimmen und Textsorten: die nach einem nicht zu entschlüsselnden System mit den Buchstaben des Alphabets gekennzeichneten Notizbücher der Künstlerin - ausgerechnet "I", im Englischen das Personalpronomen der ersten Person, fehlt -, Interviews mit Kunstkritikern und ihren Assistenten, Erinnerungen ihres späten Liebhabers und ihrer Tochter, die eine Dokumentation über sie drehte, literarische Texte ihres Sohnes und Berichte ihrer besten Freundin, die eine ziemlich heitere Psychiaterin und Psychoanalytikerin ist.

"Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie dahinter einen Schwanz oder ein paar Eier ausmachen kann."

Die lockere Form lässt nicht nur der Ambiguität großen Raum, sondern sie bezieht den Leser äußerst gewieft in das Experiment mit ein. Der zentrale Gedanke Harriet Burdens ist durch Studien belegt und nicht unbedingt originell. Man neigt dazu, ihn spontan zu bestreiten: dass wir Kunstwerke oder auch Essays anders wahrnehmen, je nachdem, ob wir eine Frau oder einen Mann dahinter vermuten. Doch irgendwann ertappt man sich beim Lesen, dass die dem etwas raubeinigen Liebhaber Bruno Kleinfeld zugeordneten Texte, die im Stil eines Walt Whitman verehrenden, gescheiterten Dichters geschrieben sind, tatsächlich eine männliche Autoren-Persona erzeugen. Dabei stammen sie ebenso aus der Feder Siri Hustvedts wie die mit kunsthistorischen Checker-Begriffen nur so um sich werfenden Texte des Kunstkritikers Oswald Case, der eine Biografie über Rune geschrieben hat, den dritten und letzten Künstler, den Burden als Maske engagierte.

Nachdem sich Rune für die von ihr ersonnene Installation feiern ließ, befördert er sich, noch bevor sie ihre Urheberschaft beweisen kann, in den Künstler-Himmel: bei laufenden Kameras kommt er in seiner eigenen Installation ums Leben. Das ist eine weit größere Sensation, die einen riesigen Diskursschweif nach sich zieht, als die Enthüllung einer alternden Künstlerin, dass sie die Werke erschaffen hat, die sie von jungen Männern repräsentieren ließ.

Leseprobe

Einen Auszug des Romans stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Die Absurditäten eines Kunstbetriebs, der gigantische Werte erzeugt, um Kunst-werke als Spekulationsobjekte zu benützen, streift Hustvedt nur am Rande. In Hinsicht auf den Kunstmarkt ist "Die gleißende Welt" eher ein Museum, das weibliche Künstlerinnen besonders hell anstrahlt, als eine Darstellung neuester Entwicklungen. Doch der Roman illuminiert Wahrheiten, die Siri Hustvedt in einem ihrer brillanten Essays, die stets aus der Ich-Perspektive geschrieben und mit autobiografischen Details verbunden sind, nicht so objektiv darstellen könnte, selbst wenn sie, wie auch in ihrem mit zahlreichen Anmerkungen gespickten Roman, ausführlich über Psychoanalyse, Philosophie, Neurowissenschaften oder Künstliche Intelligenz spricht.

In Zeiten des Minutenruhms via Youtube wirkt die Idee des Nachruhms beinahe grotesk

Dass sich Anerkennung nicht erzwingen lässt und Ruhm erst recht nicht, das ist es, was Siri Hustvedts Heldin übersieht. Es sind immer die anderen, die Anerkennung geben oder Ruhm zusprechen, mögen die eigenen Anstrengungen auch noch so groß sein. Weil beides nicht nur auf Leistung beruht und die Verfügungsgewalt des Subjekts übersteigt, handelt es sich um umso verlockendere Zuschreibungen, je erschöpfter das Selbst von seinen eigenen Optimierungsversuchen ist.

Gleichzeitig kann, wo Ruhm massenhaft beansprucht wird, das Konzept nicht mehr aufgehen. Man denke an Andy Warhols Wort vom fünfzehnminütigen Ruhm eines jeden. Als "das über den normalen Lebenskreis hinausreichende Ansehen eines Menschen", definiert der Brockhaus von 1984 den Ruhm in schöner Schlichtheit. Längst haben Frauen den engen Lebenskreis, der ihnen früher zugestanden wurde, verlassen. Doch der überzeitliche Ruhm, der das eigene Leben übersteigt, wird eine zunehmend absurde Vorstellung. In einer Welt, in der Künstler ihr Image marktgerecht ausformen und von jedem Durchschnittsmenschen unvorstellbare Mengen an Daten und Abbildungen zirkulieren, ist Ruhmsucht grotesker denn je. Trotz ihres brillanten Romans will Siri Hustvedt nicht ganz davon lassen.

Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2015. 496 Seiten, 22,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 02.05.2015
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