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"Lenz im Libanon" von Albert Ostermaier:Das Herz des Ministers

Nibelungen-Festspiele - Albert Ostermaier

Autor Albert Ostermaier ist eng mit Frank-Walter Steinmeier befreundet. Auch das Leben von Ostermaiers Protagonist Lenz wird durch die Begegnung mit einem deutschen Außenminister bereichert.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Albert Ostermaier nimmt sich in "Lenz im Libanon" gleichermaßen den deutschen Dichter Georg Büchner und Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Vorbild. Gegen ersteren kann er allerdings nur verlieren.

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Außenminister den neuen Roman eines Schriftstellers präsentiert, oder zumindest doch die Buchpremiere mit seiner Anwesenheit auf dem Podium ehrt. Als Frank-Walter Steinmeier am Sonntagabend im Deutschen Theater Berlin allerdings gemeinsam mit Albert Ostermaier dessen neues Werk "Lenz im Libanon" vorstellte, hatte das seinen guten Grund.

Nicht nur verbindet den der Literatur ohnehin sehr zugeneigten Steinmeier und den 1967 geborenen Münchner Dramatiker, Lyriker und Romancier Ostermaier seit Jahren eine enge Freundschaft. Ostermaier war auch Teil einer Kulturdelegation, die den Außenminister im vorigen Jahr auf einer Libanon-Reise begleitete.

Richtige Worte wählen statt aufs vernünftige Herz hören

Da arbeitete Ostermaier bereits an seinem neuen Buch; die Erfahrungen der Reise in der Entourage des Diplomaten haben aber noch deutliche Spuren im jetzt vorliegenden Roman hinterlassen.

Die an den Sturm-und-Drang-Dramatiker und mithin auch an Georg Büchners "Lenz" angelehnte Hauptfigur nämlich gerät auf ihrer Reise in den Libanon ebenfalls, jedoch recht zufällig, in das Gefolge eines deutschen Außenministers. Gemeinsam besuchen sie ein Flüchtlingscamp, und dort kann Lenz beobachten, wie dem Minister "alles nahegegangen war, was er gesehen hatte, was er sah, was er noch sehen würde. Was er kommen sah: Jahre ohne Lösung, Jahrzehnte Krieg, Flüchtlinge, Flüchtlingsströme. Er war erschöpft, müde trotz seiner Unermüdlichkeit, müde, immer die richtigen Worte wägen und wählen zu müssen, statt nur sein vernünftiges Herz sprechen zu lassen."

Damit ihnen ein Lachen bleibt

Nur sich selbst gegenüber sei der Minister unvernünftig, heißt es weiter, sein Verantwortungsgefühl lasse ihm aber keine Ruhe, es sei ein Motor, der länger laufe als die alten Mercedes-Fahrzeuge in Beiruts Straßen. So leidet er offenbar unter stressbedingten Rückenschmerzen, besitzt aber immer noch die Kraft, mit den Kindern im Flüchtlingscamp zu lachen, "damit ihnen ein Lachen bleibt, dachte Lenz. Damit nicht jedes Lachen vergeht, damit durch ein Lächeln der Wunsch bleibt, dass der Mensch dem Menschen wieder zum Menschen wird."

Nicht um Schmeichelei sei es ihm gegangen, sagte Albert Ostermaier am Abend der Buchpremiere, das Minister-Porträt sei vielmehr Ausdruck seines neuen Glaubens an die Politik. Und doch lesen sich die Sätze wie die reinste Hagiografie, gerade innerhalb dieses Romans. Sie bilden den einzigen ruhigen, ja besinnlichen Pol innerhalb einer auf Hochtouren laufenden Textmaschine, gegen die alle Mercedes-Fahrzeuge Beiruts lahme Trecker sind.

Alle reden nur für sich

Ostermaiers Lenz, ein Lyriker, der unter seinen schlechten Kritiken leidet, taumelt, so der Eindruck, von einer Panikattacke in die nächste. Er fantasiert sich selbst in die Rolle eines Gotteskriegers hinein oder halluziniert eine Reise nach Baalbek - wenn nicht gerade sein rätselhafter Begleiter Samir bedeutungsschwere Monologe hält.

Ja, alle reden nur für sich in diesem Roman, und alle Reden klingen gleich, gleich atemlos und gleichermaßen auf Wohlklang und die alliterierende Pointe angelegt. Von "Sperma, Speichel und Schlächterfantasien" ist da die Rede, von Augen, die Amok laufen, oder, doppelt alliterierend, von "Pop-Dschihadisten aus Paderborn und Dinslaken".

Raus dem aus dem floskelgewürzten Jammertal

Vielleicht fällt all das so unangenehm auf, weil Ostermaier seinen Roman bis ins wörtliche Zitat hinein offensiv an Büchners "Lenz" entlang schreibt - ein Vorbild, gegen das man nur verlieren kann, nicht zuletzt, weil es Büchner gelungen ist, Lenz in seiner exzentrischen Individualität zu belassen und doch eine exemplarische Figur aus ihm zu machen. So fremd er uns auch sein mag, fühlen wir doch mit ihm. Bei Ostermaiers Hauptfigur liegt die Sache anders: Ihr möchte man vor allem raten, es einmal mit einer Therapie zu versuchen; ein wehleidiger Künstler, der Probleme mit seinem Vater und wenig Glück bei den Frauen hat und sein Heil sucht in der "Stadt der Sehnsüchte, der Stadt der Sinne und der Sinnlichkeit".

Aus seinem floskelgewürzten Jammertal reißt diesen Lenz allein die Begegnung mit dem deutschen Außenminister. Der ist, gleichwohl nur für kurze Zeit, das, was Pfarrer Oberlin für Lenz war: einer, der Ruhe, Güte und Hoffnung verbreitet. Auch am Sonntagabend musste Frank-Walter Steinmeier früh aufbrechen. Der Koalitionsausschuss rief.

Albert Ostermaier: Lenz im Libanon. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 192 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 28.04.2015

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