Beim wichtigsten Fotografen der Welt Bilder einer Einstellung

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Sie beginnen mit einer kleinen Box, sieben Heftchen mit Polaroidbildern aus den vergangenen Jahren. Frank blättert die leichten Heftchen durch, er lacht: "Macht Spaß, das anzuschauen, aber ich habe keine Ahnung, wer das kaufen soll." "Who cares," sagt Steidl. "Aber Du wolltest für das dritte Heft noch den roten Tisch photographieren." "Stimmt." Frank nimmt seine Polaroid-Kamera, macht ein Bild, legt die Kamera auf dem alten Ofen in der Mitte des Zimmers ab und sagt, als er den nostalgischen Schleier im Blick seines Besuchers sieht: "Einmal kam Walker Evans zu Besuch, 1972. Da saß er hier drei Tage rum und wartete auf das richtige Licht, um diesen Ofen zu fotografieren. War schon ein großer Fotograf. Aber was für ein furchtbarer Snob!" "Oh Robert", sagt seine Frau, "Walker war wunderbar." Darauf Frank: "Meine Frau ist ein unverbesserlicher Peacenik, oder noch schlimmer: ein Beatnik." "Nein, Du bist ein Redneck!" "Ich bleib" dabei, Evans was a snob. Wie er einen immer verbessert hat, wenn ein Wort nicht stimmte." Frank kippt vom Amerikanischen ins Hochdeutsche, durch das schwyzerdütsche Begriffe ragen wie Alpenfindlinge aus dem Präkambrium seines Lebens.

Später arbeiten die beiden in dem großen Raum unterm Dach. Hinter Frank hängt ein Ölbild an der Wand, eine Küste, Dünen, helle Farben. Das Bild hat ihm der Fotograf Hermann Seegesser geschenkt, einer seiner Lehrer, 1943, in Zürich. "Der muss gespürt haben, dass ich gehe. ,Das wird ein Teil von Dir sein", hat er gesagt. 1943! Wo ich als Jude keine Chance hatte, aus der Schweiz raus zu kommen." Das Bild war eines der wenigen Dinge, die Frank mitnahm, als er 1947 nach New York ging.

Frank schiebt ein paar Sedimentschichten auf dem Schreibtisch beiseite, Metallschachteln, Bücher, auf einem Stapel liegt das Foto eines kleinen Jungen mit Lachgrübchen, er scheint wild herumgerannt zu sein und hat ein Flügelhorn in der Hand. Es ist eine Aufnahme seines Sohnes Pablo, der in dem Film "Pull my daisy" mitspielt, diesem rohen, vitalen, surrealen Film von 1959, der die ganze Welt hochwerfen wollte, auf dass der Wind hindurchfährt.

Pablo hat sich 1994 umgebracht. Franks Tochter starb 1970 bei einem Flugzeugabsturz. Seine späteren Werke sind zu Teilen düstere Trauerarbeit, wildgraue Himmel, wenige Menschen, zerkratztes, geschundenes Material. "Familie", sagt Frank, und schiebt den Stapel weg, auf dem der kleine, lachende Pablo liegt, "Familie ist aus".

Jetzt ist sie wieder da. Steidl hat ihm seine Kindheit entwickelt, 515 Papierabzüge von Glasplattennegativen, die Franks Vater Henry Anfang der dreißiger Jahre gemacht hat. Steidl hat die Platten bei Frank unterm Bett entdeckt und sie ihm abgeschwatzt. Und der Zoll? Sagen die nichts, wenn Steidl ständig mit Originalen umherreist? "Bei Schwarzweißaufnahmen sage ich immer, das seien Bilder von meinem Vater, bei Farbe sage ich, das seien Knipsereien von mir."

Steidl zeigt Frank den Andruck von "Black, White, Things", einem Buch, das Frank 1952 gemacht hat und mit dem er sich erstmals auflehnte gegen die Biederkeit damaliger Fotobücher, "diese gottverdammten Geschichten mit Anfang und Ende", wie er zornig schrieb, all diese streng linearen, moralischen Fotoessays, die so taten, als ob Fotografie eine universelle Sprache sei, "die von allen, selbst von Kindern verstanden werde". Stattdessen ließ er in seinen Bildern Themen anklingen, ohne sie auszubuchstabieren. Man kann in das Bild der Prozession schwarzer Spanierinnen vor einer kreideverschmierten Wand Armut, Religiosität, Alter hineinlesen. Oder das Bild in Beziehung setzen zu dem nächsten, auf dem drei Banker energischen Schrittes durch London eilen. Man kann aber auch nur die Strukturähnlichkeiten genießen oder die merkwürdig graue Luft, die durch diese Bilder weht, sie funktionieren wie Gedichte, indem sie im Akt des Zeigens die Dinge verstecken.

Frank blättert den Andruck durch, stumm, zögernd, irgendetwas stimmt nicht, er blättert hin, er blättert her, fast missmutig. Steidl wartet, bis Frank mit peinlichem Bedauern sagt: "Schönes Papier, gut geworden, aber jetzt weiß ich, warum ich es für mein schwächstes Buch halte. Die Bilder sind zu groß." In dem Moment legt Steidl dem perplexen Frank einen um ein Drittel kleineren Andruck vor und sagt: "Fand ich auch. Zu sehr Coffee Table." Frank blättert die handlichere Version durch, hin und her, her und hin, immer wohler scheint er sich zu fühlen. "Das ist gut", knurrt er, "so muss das sein." Das dürfte Steidls Geheimnis sein. Er ist Drucker und Verleger in einer Person und wollte ursprünglich Fotograf werden. "You have eyes", sagt Frank, ein Zitat, Kerouacs Vorwort zu "The Americans" endete mit diesem Satz.

Die wenigen Porträts, die es über Steidl gibt, klingen immer nach einem Sonderling im weißen Kittel, einer Art hochbegabtem Papierhöhlenbewohner, der vor lauter Arbeit zu essen vergisst und den ganzen Tag durch die engen Gänge seines Verlags huscht. Er ist ja auch wahrlich keiner, der sich um Konzilianz bemüht. Günter Grass sagte mal, Steidl sei ein "Manchesterkapitalist, dem man Manieren beigebracht habe". Wenn man ihn mit seinen Mitarbeitern telefonieren hört, klingen die Ansagen oft derart unwirsch, alles Grüßen, jede Floskel wird beiseite gewischt, als räume er mit dem Unterarm einen Schreibtisch frei. Ein kurzer Befehl, schon ist das Telefon wieder zugeklappt. Man fragt sich, welche Manieren Grass gemeint haben könnte.

Hier aber, in der fast osmotischen Arbeit mit Frank, in diesem stundenlangen ruhig-einvernehmlichen Editionsgebastel, dem Reden über Leinenstrukturen, Papierarten, Schrifttypen, versteht man, warum die Künstler vor seinem Verlag Schlange stehen, ohne zu murren - es gibt eben nur die eine Druckmaschine, und da Steidl Verleger und Drucker in einer Person ist und den Ehrgeiz hat, jeden Bogen selbst zu kontrollieren, kann es dauern, bis man dran ist. Joel Sternfeld hat darüber mal sehr lustig geschrieben: "Wenn Sie ein Buch mit Steidl machen, dann hören Sie besser schon vorher damit auf, sich selbst für einen wichtigen Fotografen zu halten. Stellen Sie sich lieber vor, Sie sind ein Pilot. Ein Pilot, der sich am Tag vor Weihnachten, in der größten Rush Hour des Jahres, dem Flughafen von New York nähert. Sie wissen doch selbst, dass sie unter solchen Umständen nicht sofort landen können, also ziehen Sie in der Warteschleife Kreise. Und noch mehr Kreise. Wenn Ihnen dann das Benzin ausgeht und Sie wirklich Gefahr laufen, jede Sekunde in den East River zu stürzen, können Sie uns rufen, dann bringen wir Sie sicher runter. Wenn Sie dann erst mal hier sind, werden Sie dafür auch ganz sicher das einzige Flugzeug sein, wir werden Sie schnell neu betanken, und Sie werden am Ende ein leuchtend schimmerndes neues Buch unter dem Arm haben."

Die Flugzeug- und Flughafenmetapher ist auch deshalb so gut gewählt, weil Steidls Erfolg mit seinem frenetischen Reisen zu tun hat. Privatflieger, ICE, Jumbo, Mietwagen; Paris-Göttingen-Frankfurt-London-Halifax-Mabou, alles in 24 Stunden - nach einigen Tagen mit ihm hat man den Eindruck, schneller unterwegs zu sein als die Zeit, dem eigenen Leben voraus zu sein. Er fliegt mehr als 300 000 Meilen im Jahr, und dann gibt es noch den "Road Jet", einen Audi, dessen Beifahrersitz und Rückbank ausgebaut wurden, damit Platz ist für einen Flugsessel der Business Class, den man zum Bett umfunktionieren kann, "da haben wir die Scheiben komplett abgedunkelt, herrlich zum Schlafen."

Für Nichtgeübte ist das freilich ein stroboskophaftes Erlebnis. Am dritten Tag der Reise fangen in Mabou die Doppelbelichtungen im Kopf an: Als sei die eigene Festplatte voll, schieben sich vor die ruhige Szenerie von Nova Scotia hektische Snapshots aus Paris. Als Frank so dasitzt im silbrigen Gegenlicht, im ollen Pulli, um sich herum ein unsichtbarer Altersspinnweb aus blinzelnder Erinnerung und grantiger Ironie, auf dem Tisch die Cola-Flasche, ist da wieder das Bild von dem livrierten Diener, der 36 Stunden zuvor kerzengerade hinter Karl Lagerfeld herlief, mit nichts als einem Glas Cola auf einem schwarzen Tablett.

Ganz am Ende, sie haben gerade den Andruck des vierten Buches zugeklappt, fällt Steidl das linke Glas aus der gerade gekauften Brille. Sogar die Brillengläser verlieren die Fassung bei dem Arbeitspensum dieses Mannes. Es ist halb drei Uhr nachmittags, Frank und Steidl sind plötzlich fertig mit dem Gesamtwerk, jetzt muss es nur noch gedruckt werden. Blaue Luft hängt über der Bucht, eine kurze Verabschiedung im hohen Gras, June Leaf sagt, Steidl solle doch wenigstens noch kurz zum Hafen runterfahren. Also fährt Steidl eben kurz zum Hafen, wo er ein paar Minuten rumsteht wie ein Koffer, zwischen grünen Netzen, aus denen es nach Fisch und Meer riecht, dann muss er einfach los, obwohl sein Flugzeug erst in acht Stunden geht.

Als der kanadische Jetlag dann Freitagnacht um Franks Hütte wehte, um die zwei Deutschen heimzusuchen, waren die längst wieder zu Hause, der eine im Roadjet auf dem Weg nach Göttingen, um das ganze Wochenende hindurch zu drucken und Druck zu machen, der andere im ICE, wo er in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf fiel.