Beim wichtigsten Fotografen der Welt Bilder einer Einstellung

Der Mann, der schneller reist als sein Jetlag: Mit dem Verleger Gerhard Steidl bei Karl Lagerfelds Haute-Couture-Show und in der kanadischen Welteinsamkeit von Robert Frank.

Von Alex Rühle

Der Hörer ist noch gar nicht ganz am Ohr, da knattert eine Stimme: "Gersteidlfüraxrühle." "Wie bitte?" Verärgert wiederholt die Stimme: "Gerhard Steidl für Alex Rühle." Steidl! Toll, endlich, aber ruft da jetzt sein Sekretär an, der einen durchstellt, oder was soll der nuschelige Halbsatz? Die Sekunde verdutzten Schweigens scheint die Stimme endgültig an den Rand der Geduld zu bringen: "Hallo!?!" "Ach, sind Sie"s selber? Guten Morgen, Herr Steidl." "Gut. Sie können mit. Ich fahre am Mittwoch, wir wären Freitagmittag wieder hier." "Oh, wunderbar. Aber . . . Sie wollen am Mittwoch nach Kanada fliegen und Freitagmittag wieder hier sein?" Steidl übergeht die Frage: "Haben Sie einen Schlafsack?" "Ja." "Isomatte?" "Ja." "Ist zwar wunderschön bei Frank, aber eine heillose Bruchbude." Zelten vor dem Haus von Robert Frank, unter einem kanadisch weiten Julihimmel! Bären! Atlantikrauschen! Und hinter einem, im graugrünen Fischerhaus, schläft die Legende. Großartige Vorstellung.

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Eine Woche zuvor stand da plötzlich dieser Karton, bedruckt mit den Worten "Robert Frank published by Steidl". Ein kleiner Prospekt schreibt was von Gesamtwerk, beim Öffnen fallen einem Filme entgegen, frühe Fotobände über Paris und Peru, Jack Kerouacs Text zu "Pull my Daisy", und dann "The Americans", der Band, der die Fotogeschichte für immer verändern sollte, 83 Bilder, durch die Frank "Amerikas konturlosen, unbehausten Existenzen erstmals eine Form gab," wie der Fotograf Joel Sternfeld schrieb. Frank war mit einem ruhigen, skeptischen, streckenweise vernichtend konzisen Blick durch 48 Staaten gefahren und kam mit 25 000 Aufnahmen zurück. Fotografien von Verlorenen in einem fahlen Land, ein schwarzer Priester, der am Mississippi auf einem Karton kniet und im Morgengrauen merkwürdige Rituale zu vollziehen scheint; spitzmündige Honoratioren in New Jersey, Jukeboxes in leerglänzenden Linoleumhallen, knochig-verhärmte Gesichter auf einer New Yorker Bank, ein schwarzes Paar in San Francisco, der Mann schaut wütend in die Kamera. Robert Frank bezeichnete dieses Foto einmal als sein Lieblingsbild, "weil der Mann mich so aggressiv ansah: Was willst Du, Fremder?"

Ähnlich aggressiv, fremd sah Frank damals auf dieses Land, zwei Jahre lang reiste er als dreifacher Außenseiter durch die Staaten, als Jude, als Schweizer, der erst seit acht Jahren in den USA lebte, und als New Yorker, der mit seiner kleinen Leica dieses riesige Land beschreiben wollte, "der graue Film, der den rosa Saft der Menschenart eingefangen hat", wie Kerouac im Vorwort dichten sollte. Auf dem letzten Bild sieht man eine lange Straße, am Rand ein schwarzes Auto, Franks Frau und die beiden kleinen Kinder schauen müde durch die Windschutzscheibe, die Frau, von der er sich später scheiden ließ, die Kinder, die beide längst tot sind. Nur das Buch lebt noch immer, es kam vor fünfzig Jahren auf den Markt und war ein Generalangriff auf das Bild, das Amerika sich von sich selber machte. Ein Kritiker schäumte damals, diese angeschnittenen, unterbelichteten Aufnahmen, die verkanteten Bildhorizonte und banalen Motive sähen aus wie ein Haufen Kinderfotos, die an der Straßenecke entwickelt wurden.

Dieses Buch also hat Gerhard Steidl neu aufgelegt, in enger Zusammenarbeit mit Frank: Der 84-Jährige kam nach Göttingen in den Verlag, suchte Papier und Einband aus, legte Bild für Bild noch mal die Ausschnitte fest, fügte zwei neue Bilder ein und wählte für das Buch ein kleineres Format als in den bisherigen Ausgaben. Wichtiger aber ist, dass Gerhard Steidl seit zwei Jahren alle paar Wochen nach New York fährt oder nach Mabou, in Franks melancholische Weltabgeschiedenheit, vier Stunden nördlich von Halifax, um mit dem 84-Jährigen noch mal all seine Werke herauszugeben, die frühen Sachen genauso wie die späten Filme. Was man gar nicht genug würdigen kann, denn Franks Gesamtwerk wird auf fast schon tragische Weise überstrahlt von dem einen großen Band. "Er selbst kann ja den alten Plunder nicht mehr sehen,", sagte Steidl noch vor dem Auflegen, "diesmal wird"s interessant, vier Bücher, zwei frühe Bände, späte Polaroids und Aufnahmen seines Vaters. Übrigens, Frank besuchen, schöne Idee, aber ich empfehle aus Gründen der Wahrheitsfindung, am Tag zuvor nach Paris mitzukommen, da sehen Sie die blutige Realität. Da verdiene ich das Geld, das ich für Frank zum Fenster rauswerfe."

Im Grand Palais ist es heiß, der Backstage-Bereich von Chanel summt von den Föns der Coiffeure, es riecht nach Haarspray, Plastik und Hormonen. Gerhard Steidl ist mit zwei Mitarbeitern nach Paris gereist, die beiden treideln im Kielwasser seiner Schritte mit, er redet mit ihnen in knappen Befehlen: Such mal Sophie, wo ist Karls Tüte. Auf die Frage, was seine Aufgabe sei, sagt sein Assistent Frank Hertel: "Zeit haben. Viel Zeit haben. Immer Zeit haben."

In zehn Minuten beginnt die Haute-Couture-Show mit Lagerfelds Herbstkollektion. Die Models hocken lustlos rum, zusammengeklappt wie hohe, leere Tetrapakschachteln, und daddeln an ihren Handys. Als Karl Lagerfeld den Raum betritt, merkt man das selbst, wenn man mit dem Rücken zu ihm steht, außer den Models richten sich alle nach ihm aus wie Metallspäne nach einem Magneten. Küsse flattern durch die Luft, geschmeidige Glieder fließen aneinander vorbei.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, ob Gerhard Steidl ein gutes Personengedächtnis hat.

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