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Film "Beginning" bei Mubi:Ein Film wie ein Schwelbrand

Film Beginning

"Es ist, als ob ich darauf warten würde, dass endlich etwas anfängt", sagt Yana, gespielt von Ia Sukhitashvili.

(Foto: Mubi)

"Beginning" porträtiert eine Frau, die unter der Strenge ihrer Glaubensgemeinschaft, der Zeugen Jehovas, leidet. Regisseurin Dea Kulumbegashvilis Debüt ist die georgische Oscar-Hoffnung.

Von Sofia Glasl

Gleißendes Sonnenlicht scheint in den Königreichsaal der Zeugen Jehovas. Damit David, der Ältere der Gemeinde, seinen Diavortrag halten kann, lassen seine Zuhörer die Rollos herunter. Er erzählt von Abraham und dessen Gottvertrauen, das ihn beinahe dazu gebracht hätte, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Die Tür geht auf und eine Brandbombe fliegt in das Dunkel. Hilferufe, Chaos, Gedränge. In dieser Glaubensgemeinschaft gibt es nur Licht oder Schatten, Leben oder Tod, Himmel oder Hölle.

Die georgische Filmemacherin Dea Kulumbegashvili eröffnet ihren Film "Beginning" mit einem bedachtsamen Paukenschlag. Bedachtsam deshalb, weil diese Szene trotz ihrer Dramatik beinahe behäbig wirkt. Fast neun Minuten hält die Kamera das Geschehen aus einer distanzierten Beobachterposition fest. Von ganz hinten im Raum aus hat sie den Überblick und kann doch nur oberflächlich dokumentieren, was hier passiert. Das beinahe quadratische Bildformat verfestigt den Eindruck, dass hier nicht alles sichtbar ist. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt, nur der Gemeindesaal brennt bis auf die Grundmauern nieder. Das Attentat schlägt jedoch kaum Wellen, denn hier im ländlichen Georgien wird die Religionsgemeinschaft angefeindet und ausgegrenzt. Die Polizei rät David deshalb, die Aufnahmen der Überwachungskameras zu löschen.

Wäre der Film ein Kriminaldrama, in dem David für seine Gemeinde nach Gerechtigkeit verlangt, wäre der Fall trotz aller Widrigkeiten wohl bald gelöst. Doch der Brandsatz hat nicht nur das Vortragsdunkel schlagartig erhellt, er hat auch einen Schwelbrand angefacht, im Zentrum der Gemeinschaft: bei Davids Ehefrau Yana. "Irgendwas stimmt nicht mit mir," sagt sie kurz nach dem Anschlag, "es ist, als ob ich darauf warten würde, dass endlich etwas anfängt. Oder aufhört." Sie hadert schon lange mit dem strengen Glauben, den sie ihrem Mann zuliebe annahm, und hängt zwischen serviler Selbstaufgabe und ihrem Traum von einer eigenen Karriere fest. David hat wenig Verständnis und herrscht sie an, sie solle sich gefälligst wie ein normaler Mensch aufführen. Eine gemeinsame Reise sagt sie ab, ein erster Akt der Rebellion. Sie bleibt mit dem gemeinsamen Sohn Giorgi zu Hause.

Selten ist das, was außerhalb des Blickfelds liegt, so klaustrophobisch präsent wie hier

Das Haus, überdimensioniert und doch spartanisch eingerichtet, ist für sie gleichermaßen Rückzugsort und Gefängnis. Kulumbegashvili und ihr Kameramann Arseni Khachaturan führen die Bildsprache der Eingangsszene konsequent fort. Statische Einstellungen, langsame Schwenks, die Yana wie Überwachungskameras folgen. Oft ist sie allein im Bild, eingekastelt und eingesperrt im eigenen Heim. Selten ist das, was außerhalb des Blickfelds liegt, so klaustrophobisch präsent wie hier. Diese Bedrohung bricht sich in Gestalt eines Fremden Bahn. Dieser gibt sich als mit dem Anschlag betrauter Polizist aus und tut ihr physisch wie psychisch Gewalt an. Yana selbst liest die Gewalt als Bestrafung, David wird sie für eine undankbare Ehebrecherin halten.

Kulumbegashvili dekliniert diesen Konflikt nie ganz aus. In einer schier ewig dauernden, komplett statischen Einstellung liegt sie im Wald, den Kopf auf Gras und Laub gebettet, Vogelgezwitscher. Sie stellt sich tot, auch als ihr Sohn vergeblich an ihrer Schulter rüttelt. Sieben Minuten liegt sie so da, mit geschlossenen Augen. In diesem totalen Stillstand entfernen sich auch die Naturgeräusche und ein inneres Rauschen schwillt blubbernd an. Oder ist es ein Grollen? Hier im Zwielicht des Waldes ist beides möglich und man wünscht Yana, dass da eine neue Stimme in ihr wächst.

Mit diesem Debüt gewann Dea Kulumbegashvili bei den Filmfestspielen in San Sebastián letztes Jahr gleich vier Preise und wurde postwendend zur georgischen Oscar-Hoffnung. Ihre Geduld der verstreichenden Zeit gegenüber ist beeindruckend. "Das Leben geht weiter, als ob ich nicht da wäre." sagt Yana einmal zu David. Nur wenn sie draußen in der Natur ist, kann sie ihre diffus drückende Last kurz vergessen. Draußen, das bedeutet immer eine kurze Flucht vor der Macht und Dominanz der Männer - ihres Vaters, ihres Ehemanns, des Fremden. Dann ist sie für einen Moment ganz bei sich, bevor ihre Implosion fortschreitet, in unbehaglicher Zeitlupe, die etwas merkwürdig Unberechenbares hat.

Dasatskisi, Georgien 2020 - Regie: Dea Kulumbegashvili. Buch: Dea Kulumbegashvili, Rati Oneli. Kamera: Arseni Khachaturan. Mit: Ia Sukhitashvili, Rati Oneli, Kakha Kintsurashvili, Saba Gogichaishvili. Mubi, 125 Minuten.

© SZ/khil
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