Uraufführung von Beethovens Zehnter:Bring Me Beethoven

Uraufführung von Beethovens Zehnter: undefined

Ein Computer hat mittels KI Ludwig van Beethovens Skizzen zu seiner Zehnten Symphonie zu Ende komponiert. Endlich kann man das Stück hören.

Von Helmut Mauró

Von diesem Freitag an kann man Ludwig van Beethovens Zehnte Symphonie auf CD und im Stream hören (BMG), am Samstag ist die Live-Uraufführung in Bonn, mit dem Beethoven Orchester Bonn unter Dirk Kaftan und dem Organisten Cameron Carpenter, das Konzert ist im Livestream von 19 Uhr an zu erleben (Telekom). Beethovens Zehnte? Der Komponist hat nie eine Zehnte komponiert, allerdings Skizzen dazu hinterlassen. Die wurden nun mittels künstlicher Intelligenz auskomponiert. Die Erwartungen sind hoch. Die Zehnte müsste doch die Neunte, die weltweit als Gipfelpunkt der Gattung gefeiert wird, an Gewicht noch übertreffen. Beethoven hat die Zehnte 1827 der Royal Philharmonic Society in London angeboten. Weil er aber im selben Jahr starb, ohne das Werk vollendet zu haben, rankt sich seitdem ein Mythos darum.

Wie hätte sie also geklungen? Es ist nicht der erste Versuch, dies herauszufinden. Vor 30 Jahren komponierte der britische Musikwissenschaftler Barry Cooper die ersten beiden Sätze auf Grundlage der überlieferten Skizzen. Bereits 1979 hatte der französische Komponist Pierre Henry eine Zehnte aus Audio-Bruchstücken aller neun Sinfonien collageartig zusammengesetzt. Es wurde ein zweistündiges Stück "Musique concrète", 2019 in Bonn uraufgeführt.

Wie ein Computer die 10. Sinfonie vollendete

Matthias Röder, Direktor des Karajan Instituts in Salzburg, der das KI-Team leitet, das Beethovens Zehnte vervollständigt hat.

(Foto: Hubert Auer/dpa)

Zum 250. Geburtstag Beethovens 2020 hat nun die Telekom die Vervollständigung der letzten beiden Sätze der Zehnten in Angriff genommen. Matthias Röder, Fachmann für die Schnittstellen von Musik, Kunst und Technologie in Wien, machte sich mit einem Team von Musikinformatikern ans Werk. Walter Werzowa, Musikproduzent mit dem einstigen Nummer-eins-Hit "Bring Me Edelweiss" und Komponist von Filmmusik und Werbejingels, entschied am Ende, welche vom Computer errechneten Varianten von Motiven und Themen verwendet werden sollten.

Heraus kam als dritter Satz ein Scherzo, mit seinem zentralen Da-da-da-daaa-Motiv bietet es ein brüchiges Echo der Fünften als deren unwürdig gealtertes Kopfthema. Und das Finale? Beethovens Idee einer in die Symphonie integrierten Choralvertonung wurde brav umgesetzt, wenn auch etwas hölzern. Unten liegt eine Bassstimme, ein brummender Orgelpunkt der Celli und Kontrabässe, oft kaum hörbar. Mit solchen Mitteln hat man früher die armen Gläubigen während der Bußpredigt das Fürchten gelehrt. Darüber Streicherblitze, verstärkt mit Pauken-Einschlägen und dann noch echte, aber banale Orgelklänge. Spätestens hier liegen verständige Musikwissenschaft und Edelweißphilosophie endgültig überkreuz.

Instinktiv weiß jeder Mensch: Auch Kompositionsskizzen haben ein Recht auf Totenruhe

Dennoch, die naheliegendsten Kritikpunkte kann Walter Werzowa ausräumen. Dass so ein Computer ja nie Liebeskummer hatte zum Beispiel, oder dass beim stets gegen Regeln aufbegehrenden Beethoven auch die Kompositionsregeln nicht immer eingehalten werden. Erstens, so Werzowa, seien Beethovens Gefühle ja in seiner Musik enthalten, die als Grundlage für die Neukomposition benutzt wurde, und zweitens habe man im gleichen Prozentanteil wie bei Beethoven auch dessen Regelabweichungen programmiert.

Das klingt ein bisschen unterkomplex, hier würde der seriöse Musikwissenschaftler sein Forschen nicht beenden und der statistischen Wahrheit den Vorzug lassen, sondern weiter forschen und grübeln, wie so eine Abweichung zustande kommt und was sie wirklich bedeutet. Er würde damit nie zu einem Ende kommen und niemals eine Beethoven-Symphonie zu Ende komponieren. Instinktiv weiß er: Auch Kompositionsskizzen haben ein Recht auf Totenruhe.

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