Süddeutsche Zeitung

Beethoven für vier Hände:Eine Version für "bürgerliche User"

Das Klavierduo Tal & Groethuysen mit Beethovens Fünfter Symphonie

Von Michael Stallknecht

Ludwig van Beethoven gilt nicht erst im Jahr seines 250. Geburtstags als Superstar unter den Komponisten. Schon die Zeitgenossen und die unmittelbare Nachwelt wollten seine Werke häufiger hören, als das bei raren Begegnungen im Konzert möglich war. Wie das ging in einer Zeit ohne Tonträger? Ganz einfach: indem man sie selbst daheim spielte. Mindestens ein Instrument solide zu lernen, war im 19. Jahrhundert viel stärker noch als heute Teil eines ordentlichen Bildungswegs.

Sucht man auf der gutsortierten Internetseite des International Music Score Library Project nach Noten zu Beethovens Fünfter Symphonie, sieht man sich deshalb neben der originalen Orchesterpartitur mit einer Fülle von bisweilen schräg anmutenden Bearbeitungen konfrontiert: für Violine und Klavier, für Orgel, für zwei wahrscheinlich doch etwas armselige Klarinetten - und immer wieder für das Klavier allein, das zur Grundausstattung bürgerlicher Wohnungen gehörte. Das berühmteste "Ta-ta-ta-taa" der Musikgeschichte konnte man darauf zu zwei, vier oder sogar acht Händen klopfen, letzteres dann mit vier Spielern an zwei Klavieren. Die bis heute bekannteste Version stammt von Franz Liszt: Er transkribierte alle neun Symphonien Beethovens für einen einzigen Pianisten, der dafür ein echter Großvirtuose sein muss. Alle anderen sind inzwischen vergessen, auch die Bearbeitung der Fünften für Violine, Cello und vierhändiges Klavierspiel von Carl Burchard, die das Klavierduo Tal & Groethuysen an diesem Dienstag neu ins Bewusstsein rücken will, gemeinsam mit dem Geiger Sergey Malov und der Cellistin Raphaela Gromes.

Beethoven hat im Gegensatz zu Mozart oder Schubert kaum genügend Originalwerke für vier Hände geschrieben. Yaara Tal und Andreas Groethuysen könnten damit im Beethoven-Jahr keinen ganzen Konzertabend füllen. "Kläglich, nahezu unbedeutend" sei, was der Meister in dieser Hinsicht zustande gebracht habe, sagt Groethuysen: zwei kleine Variationszyklen, drei Märsche, eine einzige "recht harmlose" Sonate. Und, immerhin, die Große Fuge, die die beiden ebenfalls spielen werden. Auch dabei handelt es sich ursprünglich um ein Werk für Streichquartett. Doch weil Beethoven mit der Arbeit des Arrangeurs unzufrieden war, legte er selbst noch einmal Hand an und schuf eine klanglich eigenständige Zweitversion. "Ein Segen für die Klavierduos", wie Groethuysen sagt.

Gemeinsam mit Yaara Tal hat er in den vergangenen Jahren immer wieder spannende, das Original neu kontextualisierende Zweitversionen zugänglich gemacht wie etwa Transkriptionen von Musik Richard Wagners oder Bachs Goldberg-Variationen in der Fassung für zwei Klaviere von Max Reger und Josef Rheinberger. Obwohl Tal & Groethuysen in ihrer mehr als 30-jährigen Karriere schon fast alles Bekannte für vier Hände gespielt haben, mangelt es nicht an neuen Ideen.

Schon lange sammeln die beiden, was sie oder gute Freunde in Bibliotheken, Antiquariaten und inzwischen auch im Internet finden. Dabei bleiben sie wählerisch. Die Version etwa, die Franz Liszt von Beethovens Neunter Symphonie für zwei Klavier erstellte - neben der für einen einzelnen Großvirtuosen -, findet Groethuysen unbefriedigend. Überzeugt hat ihn und Tal dagegen einmal mehr Carl Burchard, von dem sie bereits eine Version von Felix Mendelssohns Oktett op. 20 mit dem Artemis-Quartett gespielt haben. Dabei ist über Carl Burchard wenig mehr bekannt, als dass er 1818 oder 1820 geboren wurde, Musiklehrer in Dresden war und 1896 gestorben ist. Und eben, dass er eine Fülle von Bearbeitungen vorlegte, die "für den bürgerlichen User sehr gut zugeschnitten" sind, wie Groethuysen es ausdrückt.

Die Besetzung für Violine, Cello und zwei Klavierspieler war gängig, auch Mendelssohn nahm seine eigene Erste Symphonie op. 11 in einer solchen Version mit nach England. Burchard müsse ein Profi gewesen sein, sagt Tal. Er habe "enorm viel handwerklichen Einblick und ein sehr gutes Gefühl" dafür, was in der Besetzung gut klinge und was nicht, ergänzt Groethuysen. So übergibt er manchmal dem Klavier die Stimmen, die Beethoven eigentlich für Streicher geschrieben hat, während die Streicher die originalen Bläserstimmen spielen. Für die Hörer dürfte sich damit die Perspektive auf Beethovens Allzeitklassiker erweitern. Man höre analytischer, sagt Groethuysen, "wenn man nicht vom Klangrausch eines Orchesters weggetragen wird".

Konzert Di., 18. 2., 19.30 Uhr, Herkulessaal

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SZ vom 17.02.2020
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