Bedrohtes Kulturerbe:Assads Truppen beschädigen das spätantike Bosra

Bedrohtes Kulturerbe: Das antike Theater von Bosra wurde in arabischer Zeit nicht als Steinbruch benutzt, sondern zu einer Zitadelle umgebaut - deshalb ist es so gut erhalten.

Das antike Theater von Bosra wurde in arabischer Zeit nicht als Steinbruch benutzt, sondern zu einer Zitadelle umgebaut - deshalb ist es so gut erhalten.

(Foto: imago stock&people)
  • Die antiken Bauten im südsyrischen Bosra sollen durch vier Luftangriffe von Regierungstruppen und russischen Einheiten stark beschädigt worden sein.
  • In Bosra befindet sich unter anderem eines der am besten erhaltenen antiken Theater der Welt.

Von Johan Schloemann

Während die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, friedliche Orte wie den Dom zu Naumburg an der Saale zum Welterbe erklärt - die Sitzung des Komitees in Bahrain geht noch bis zum 4. Juli -, müssen hingegen gefährdete Kulturstätten auf der "Roten Liste" bleiben, weil sie zu sehr unfriedlichen Orten geworden sind. Das gilt ganz akut für die Stadt Bosra im Süden Syriens, in der Nähe der jordanischen Grenze.

Dort, in der Provinz Deraa, starteten vor knapp zwei Wochen die Regierungstruppen von Syriens Diktator Baschar al-Assad zusammen mit russischen Einheiten eine neue Offensive. Dieser offenbar erfolgreiche Versuch, eine der letzten von Rebellen kontrollierten Gegenden des Landes zurückzuerobern, hat nicht nur neue Flüchtlingsbewegungen gebracht (siehe SZ vom Montag), sondern auch der antiken Ausgrabungsstätte von Bosra zugesetzt. Das regierungskritische, syrische Informationsnetzwerk Enab Baladi berichtet von starken Beschädigungen durch vier Luftangriffe und hat dazu Bildmaterial veröffentlicht.

Das Theater von Bosra ist eine der am besten erhaltenen antiken Bühnenanlagen überhaupt

Bosra war einst eine multikulturelle spätantike Metropole in der römischen Provinz Arabia und ein bedeutendes Handelszentrum. Im dritten Jahrhundert erhielt die Stadt alles, was eine Stadt am Wüstenrand des Römischen Kaiserreiches so brauchte: Legionen, wertvolle Architektur, ein Forum, Tempel, Thermen und ein Theater. Dann kamen eine frühchristliche Basilika und frühislamische Moscheen hinzu, in einer imposanten Stadtanlage aus dunklem Basaltstein. Das Theater von Bosra, in dem 15 000 Zuschauer sitzen konnten, ist deshalb eine der am besten erhaltenen antiken Bühnenanlagen überhaupt, weil es später, in arabischer Zeit, nicht als Steinbruch benutzt, sondern zu einer Zitadelle umgebaut wurde - eine islamische mittelalterliche Burg mit eingebauter antiker Belustigungsanlage.

Diese architektonische Besonderheit, also eine eigentlich längst vergessene militärische Funktion der Kulturstätte, machten sich im Lauf des aktuellen syrischen Bürgerkrieges auch örtliche Rebellengruppen und islamistische Milizen zunutze und setzten sich in der Anlage fest, die seit 1980 zum Weltkulturerbe gehört. 2015 wurden bereits Zerstörungen durch Explosionen und durch gezielten Vandalismus gemeldet, begleitet durch fruchtlose Proteste der Unesco. Wenn nun Assad den Ort einnimmt, kann er - wie andernorts, etwa in Palmyra - mit seiner syrischen Antikenbehörde und sicher auch mit internationalen Geldern wieder instandzusetzen versuchen, was er selbst mit zerstört hat.

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