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Bedeutungsverlust des Russischen:Das Ende der "Russischen Welt"

Für Präsident Putin ist das Russische ein Mittel, um die Einflusssphäre Moskaus zu erhalten, und derzeit schrumpft dieser Raum.

(Foto: AP)

Viele frühere Sowjetrepubliken gehen kulturell auf Distanz zu Russland. Präsident Putin ist alarmiert und versucht gegenzusteuern.

Im November lud Wladimir Putin ein recht neues Gremium in den Kreml ein, um über ein altes Thema zu diskutieren: den Stand des Russischen in der Welt. Der Rat für russische Sprache, gegründet 2014, tagte im prächtigen Katharinen-Saal, das Sitzungsprotokoll klang fast nach einem Krisentreffen. Der Präsident sprach gleich zu Beginn vom "Krieg gegen die russische Sprache", der geführt werde von eingefleischten Russophoben, von "aggressiven Nationalisten", sogar von einigen Regierungen. Es gebe Versuche, das Russische "an die Peripherie zu drängen".

Er nannte keine Namen, keine Staaten. Man kann sich aber vorstellen, dass er die Ukraine meinte, das Baltikum, vielleicht auch Georgien. Die Rada in Kiew hat im April ein neues Sprachengesetz beschlossen, das das Ukrainische im Land stärken soll und als einzige offizielle Sprache vorsieht. Die Oberschulen sind ohnehin bereits verpflichtet, bis 2020 Ukrainisch als alleinige Unterrichtssprache einzuführen.

Auch in Lettland sorgte kürzlich eine Bildungsreform für Unmut bei russischsprachigen Einwohnern. Ab 2021 soll in der Oberstufe ausschließlich auf Lettisch unterrichtet werden. Und auch im georgischen Tiflis stößt das allgegenwärtige Russisch auf Gegenwehr. Dort sollte dieser Tage ein neues russisches Sprach- und Kulturzentrums eröffnet werden. Doch nach Protesten wurde der Plan vorläufig fallengelassen.

Der Kampf um Einfluss, Abgrenzung und Souveränität wird längst auch über die Sprache geführt, heute so intensiv wie lange nicht mehr. Das liegt auch daran, dass das Verhältnis zwischen Russland und seinen Nachbarn seit der Annexion der Krim 2014 angespannter ist als zuvor. Im selben Jahr hat Moskau den Sprachrat geschaffen, der sich nun im Kreml traf. Dessen offizielle Aufgabe ist es, die russische Sprache zu "entwickeln, zu beschützen und zu unterstützen".

Bei dem Treffen im Katharinen-Saal griff der Vorsitzende des Rates die Kriegsrhetorik von Präsident Putin auf. Die Sprache könne man als "mächtige und formidable Waffe" betrachten, sagte Wladimir Tolstoi, der Ururgroßenkel des berühmten Autors von "Krieg und Frieden". Und als hätte Putin auf diese Vorlage gewartet, gab er sich beschwichtigend, ohne wirklich zu beruhigen: "Lasst uns nicht diese Worte gebrauchen", sagte der Präsident zur Waffen-Metapher. "Warum? Wenn es eine Waffe ist, dann wird damit umgegangen wie mit einer Waffe." Es werde ja bereits aus anderen Gründen gegen die russische Sprache gekämpft. "In der Tat, es ist in gewisser Weise ein Machtinstrument, eine mjachkaja sila", sagte Putin, eine Soft Power. "Ich glaube, das ist genug."

Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan haben bereits auf lateinische Schrift umgestellt

Für den Präsidenten ist die russische Sprache ein Mittel, um Kontakt zu halten zu Menschen, die außerhalb Russlands, im postsowjetischen Raum leben. Es ist ein Mittel, um die Einflusssphäre Moskaus zu erhalten, und derzeit schrumpft dieser Raum. Das Russische, Lingua franca über viele Jahrzehnte vor allem in den Ländern der früheren UdSSR, in Mittelasien, dem Kaukasus, ist zwar immer noch eine der großen Sprachen. Doch das neue Nationalgefühl in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zeigt seine Wirkung.

Etwa 258 Millionen Menschen sprechen Russisch, zählt die Internetseite "Ethnologue", die Sprachen katalogisiert - weit mehr also als Russlands 145 Millionen Einwohner. Aber seit dem Ende der Sowjetunion geht außerhalb Russlands der Gebrauch des Russischen zurück. Und das nicht nur im Baltikum und in der Ukraine, wo der neue Präsident Wolodimir Selenskij Russisch zwar als seine Muttersprache ansieht, aber dennoch die Förderung des Ukrainischen für eine Pflicht hält.

Längst besinnen sich auch Staaten, die Moskau freundlicher gesinnt sind, wieder stärker auf ihre eigenen sprachlichen Wurzeln. Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan haben bereits ihr Alphabet vom Kyrillischen auf lateinische Buchstaben umgestellt. Kasachstan, der größte der zentralasiatischen Staaten, ist gerade dabei. Bis 2025 sollen alle Zeitungen, Schulbücher, Dokumente, Straßenschilder sowie die Werbung auf lateinische Buchstaben umgestellt sein. Sogar manche kasachische Schriftsteller, Kinder der Sowjetunion, fürchten nun einen Schlag für die russische Sprache, einen Bedeutungsverlust literarischer Klassiker.

Für die nationalen Sprachen bedeutet dies eine Renaissance, nachdem jahrzehntelang das Russische dominiert hat. Auch in Weißrussland, traditionell der engste Verbündete Russlands, ist eine sanfte Wandlung zu spüren als Ausdruck einer neuen nationalen Identität.

Das Weißrussische kommt aus den Nischen der Dörfer heraus und gilt nicht mehr als Symbol für regierungskritisches Rebellentum. Die Nationalsprache wird inzwischen vom Staat gefördert, in Minsker Buchhandlungen gibt es jetzt auch weißrussische Übersetzungen von Thomas Mann und Patrick Süskind. Vor einigen Jahren wäre das kaum denkbar gewesen.

Trotzdem profitiert das Russische in all diesen Ländern bis heute von seiner besonderen Geschichte. Denn schließlich existierte bis 1991 nur ein einziger russischsprachiger Staat, mit nur einer offiziellen Staatssprache - eine einmalige Situation. Es gibt keine ausgeprägten Akzente innerhalb der russischen Sprachräume, keine großen Unterschiede etwa zwischen ukrainischem oder lettischem Russisch.

Abweichungen von der Standardsprache fallen auf und werden thematisiert, manchmal auch politisiert. Beispielsweise lässt sich die politische Einstellung mitunter daran ablesen, ob jemand "na Ukraine" sagt, wie es in Moskau bevorzugt wird, oder "w Ukraine", wie es die russischsprachigen Ukrainer seit Jahrzehnten wünschen. Beides heißt "in der Ukraine", der Bedeutungsunterschied liegt darin, wie der Sprecher das Verhältnis zwischen Ukraine und Russland betrachtet.

Das Beispiel zeigt auch, dass die russische Sprache nicht gleichzusetzen ist mit Sympathie für russische Politik. Sie verbindet Menschen auf andere Weise. Noch immer ist Russisch die Sprache, mit der man zwischen Riga, Eriwan, dem moldauischen Chișinău, Kiew, Aschgabad und Nur-Sultan in Kasachstan auch als Russisch sprechender Ausländer bestens durchkommt. Sogar in Georgien, das in die Europäische Union und in die Nato strebt. Die Städte sind zwar längst von georgischen und englischen Hinweisschildern geprägt, viele Georgier reagieren allerdings erleichtert, wenn sie Touristen in fließendem Russisch weiterhelfen können, statt auf begrenztes Englisch zugreifen zu müssen.

Aus Sicht russischer Nationalisten dagegen ist jeder, der Russisch als Muttersprache spricht, auch Russe - jedenfalls wenn es Moskau nützt. Putins "Russkij Mir", die "russische Welt" ist dadurch deutlich größer als die Russische Föderation. Deren Staatssprache, sagte der Präsident vor dem Sprachenrat, sei wichtig für jeden Bürger, für "unsere Landsleute" und für die "Millionen von Menschen" auf der ganzen Welt, die Russisch sprächen.

Deswegen sind die sinkenden Zahlen in Moskau ein Politikum. Vor ein paar Tagen zitierte die russische Tageszeitung RBK eine Studie des Bildungsministeriums, wonach heute nur noch halb so viele Menschen weltweit Russisch lernen wie Anfang der Neunzigerjahre. Außerhalb der früheren Sowjet-Länder ist ihre Zahl sogar von 20 auf nur noch eine Million gefallen. Vor allem in Osteuropa und in den Balkan-Staaten, wo verwandte slawische Sprachen gesprochen werden, lernen deutlich weniger Menschen Russisch als zuvor.

Die Entwicklung wird in Moskau schon lange bedauert und beklagt. Der damalige russische Außenminister Igor Iwanow zeigte sich bereits 2002 besorgt, dass "der Raum, in dem Russisch gesprochen wird, immer kleiner wird." Was umgekehrt bedeutet: Russlands Wunsch, dem etwa über die Stiftung Russkij Mir entgegenzuwirken, scheint sich bisher noch nicht erfüllt zu haben. Das russischsprachige, sehr gut gemachte Fernsehprogramm, das die Zuschauer zum Beispiel in der Republik Moldau oder Armenien weitaus mehr fesselt als die heimischen Sendungen, scheint den Trend nicht aufhalten zu können. Das gilt auch für den "Tag der russischen Sprache", der erst 2010 geschaffen und seither immer am 6. Juni begangen wird, Puschkins Geburtstag.

In Asien und Osteuropa hört man weniger Russisch, in München und Miami dafür mehr

Den Sprachenrat forderte Putin nun auf, neue Normen für eine Vereinheitlichung der Sprache zu formulieren. Diese Normen könnten verpflichtend werden für alle öffentlichen Einrichtungen, Schulen, Massenmedien. Die Regierung in Moskau möchte beispielsweise eine russische Alternative zu Wikipedia schaffen, auch darüber sprach Putin vor dem Sprachenrat. Es sei besser, Wikipedia durch die "Große russische Enzyklopädie" zu ersetzen, sagte er, die biete wenigstens "zuverlässige Informationen". Dabei ist die russischsprachige Wikipedia eine der beliebtesten Versionen. Nach Nutzerzahlen steht sie weltweit an siebter Stelle.

Es gibt noch einen weiteren Trend: Das Russische verstreut sich nun breiter über die Welt. Während es auf dem Gebiet der Ex-Sowjetunion an Einfluss verliert, auch weil viele ethnische Russen wegziehen, erobert es neue Ufer. Am Strand von Miami wird Russisch gesprochen, in Israel ist es durch Zuwanderung neben Englisch die meistgesprochene der nicht offiziellen Sprachen, und auch in Deutschland ist Russisch zu einer geläufigen, fast überall vernehmbaren Sprache geworden, nicht zuletzt dank des Tourismus. Wie in einem edlen Münchner Modegeschäft, an dessen Schaufenster in Kyrillisch zu lesen ist, dass Mitarbeiter des Ladens russisch können.

© SZ vom 16.12.2019/cat
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