Beckmann und Band in Berlin Schwülstig wie immer

Andere Männer seines Alters kaufen sich ein Motorrad oder machen eine Weltreise, um sich jung zu fühlen. TV-Moderator Beckmann hingegen will jetzt die Bühne rocken. Das gerät, wie zu erwarten, recht geschwollen. Eine Konzertkritik.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Reinhold Beckmann trägt Jeans, sein tailliertes Hemd spannt über der frisch gestählten Brust. Er ist an diesem Abend nicht angetreten, um zu talken, sondern um zu singen.

Wer den TV-Moderator schon im Fernsehen unerträglich findet, wird hier eher nicht auftauchen. Trotzdem sind auch am dritten Abend der Berlin-Premiere von "Beckmann und Band" unter dem Programmnamen "Verrenkter Geist, verrenkte Glieder" in der Bar jeder Vernunft genügend Gäste erschienen, die ihn am Ende gar nicht mehr von der Bühne lassen wollen.

Beckmann selbst möchte auch nur ungern wieder abtreten - zu wohlig sonnt er sich in der ungeteilten Aufmerksamkeit des vor allem weiblichen und vor allem älteren Saalpublikums. Nach mehr als zweieinhalb Stunden singt er als Zugabe, weil's gar so schön war, noch einmal die Ballade "Noch einmal mit Dir nachts durch Bremen", die von seinen wilden Jugendtagen erzählt, als die Polizei seiner weiblichen Begleitung ganz tief in den Ausschnitt geguckt habe.

Das war nicht anders zu erwarten: Der 57-Jährige schwärmt mit viel Schmalz in der Stimme von pinken BHs, vergessenen Höschen, tiefen Ausschnitten, in die er schon als "kleiner Piefke" gucken wollte, zum Beispiel in den von Charlotte, der üppigen Fleischfachverkäuferin, seiner angeblich ersten Liebe.

Beckmann hatte demnach viele erste größere und kleinere Lieben, und an allen lässt er das Publikum an diesem Abend teilhaben. Weil er das selbst so rührend findet.

Unangemessen ausgebreitete Intimität

Ganz ähnlich wie in seiner Talkshow in der ARD trieft es auch bei seinem Konzert bisweilen vor Schmalz, Rührseligkeit, Innigkeit und unangemessen ausgebreiteter Intimität. "Ich hoffe, dieses Lied war nicht zu indiskret", lässt er einen Song enden. Doch, das war es. Aber das ist nun mal Beckmanns Konzept.

Obwohl das bisweilen recht unappetitlich wirkt, darf attestiert werden: Immerhin kann er einigermaßen singen. Wer hätte das gedacht? Der Talkmaster und Sportmoderator tingelt schon seit zwei Jahren trällernd und schmelzend übers Land. Nun war also die Hauptstadt dran, von seinen unerwarteten Sangeskünsten zu zehren.

Dabei ist die Band ein Glücksgriff. Unterlegt die selbstgeschriebenen Texte mit feinem Jazz, der mal in Richtung Bossa Nova, mal in Richtung Swing, mal in den Chanson wechselt. Auch Beckmanns Singstimme ist in ihrer Mischung aus Reinhard Mey und Udo Jürgens gar nicht unangenehm - wären da nicht diese Texte: "Du warst so süß und ich so heiß", "Ich spüre schon, dein Himmel steht ein bisschen für mich offen."

Bei der FDP wird's ein bisschen absurd

Zu diesen Zeilen legt sich Beckmann auch körperlich ins Zeug, kreist andeutungsweise mit der Hüfte, breitet die Arme ins Publikum aus - am Ende sollen alle aufstehen und mitklatschen. Dass es sowohl inhaltlich als auch in der Pose schwülstig wird, war zu befürchten. So kennt das Publikum den Moderator, der auch seinen Talkgästen gerne unangenehm nahe kommt.

In manchen Songs versucht er sich stattdessen gesellschaftskritisch und ironisch. Er scheint dabei nur leider nicht zu merken, dass er auch dann meist über sich selbst singt, wenn er, um noch sympathischer zu wirken, Feindbilder an die Wand wirft, die scheinbar alle gemeinsam haben: Wenn er etwa den "Saubermann" beschreibt, "scheinheilig" und "immer ein bisschen geil", oder die Diva, nach außen hin perfekt taktierend, innerlich rein selbstreferentiell.

Und auch wenn er über die FDP singt ("Zocker, Loser, Millionäre"), ist das ein bisschen absurd - gilt er selbst, dem mal eine ungesunde Nähe zur privaten Versicherungswirtschaft nachgesagt wurde, hinsichtlich seiner eigenen Authentizität doch als der Westerwelle unter den deutschen Moderatoren.

Und wenn er gar poetisch wird, dann wird es selbst seinen größten Fans im Saal ein bisschen zu viel: "So schön blöd", schüttelt sich die Dame, die den ganzen Abend lang begeistert mitgeklatscht hat, vor Lachen über einen Text, der so abgedreht ist, dass ihn keiner versteht. "Jetzt wird es irgendwie ein bisschen schmutzig und ein bisschen anders und ein bisschen verrückt", beeilt sich Beckmann sein Publikum danach wieder abzuholen.

Schmutzig und verrückt wird es dann mitnichten - doch sein Publikum abholen, das kann er.

Weshalb diese Bühne vielleicht sogar die passendere für ihn ist als alle anderen. Weil es hier endlich einmal nur um ihn selbst gehen darf. "Hier denkt doch jeder nur an sich", zitiert er, dazu passend, Gustav Heinemann, "nur ich, ich denk jetzt mal an mich."