Beckett: 100. Geburtstag Das Warten geht weiter. Immer nur weiter.

Becketts Texte und Dramen haben nie an Aktualität verloren. Obwohl der Mann, dessen 100. Geburtstag jetzt zu begehen ist, dem Absurden zurechgerechnet wird, handeln seine Werke von etwas sehr Realem: Der unfassbaren Existenz. Eine Text-Inszenierung von Aleksandra Kwasnik und Florian Dreyßig

Von bgr

Der Ire Samuel Barclay Beckett wurde am 13. April 1906 geboren. In Dublin, in gr0ßbürgerlichen Verhältnissen. Seine Lieblingsbeschäftigung an der streng protestantischen "Portora Royal School" in Enniskillen: Boxen. Seine Lieblingslektüre: Dante, Die göttliche Komödie. Dazu die philosophischen Schriften von René Descartes und später "Ulysses" - der Bewusstseinsroman seines Landsmanns und Zeitgenossen James Joyce.

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Textauswahl: Aleksandra Kwasnik, Inszenierung: Florian Dreyßig

Der erwachsene Beckett tourt durch die europäische Avantgarde seiner Zeit, wohnt zeitweise in Paris, dann wieder in Irland, später auch in Berlin, schließlich wieder in Paris. Er lernt Joyce kennen, Ezra Pound, Marcel Duchamp, taucht unter in der französischen Résistance, flieht, liest, übersetzt, lernt - und beginnt selbst zu schreiben.

Sein Thema: Der Mensch wird geboren. Klar. der Mensch stirbt. Auch klar. Was aber macht er in der Zeit dazwischen - und warum? Die Antworten, die Beckett findet und - vor allem nach dem Krieg - gibt: Der Mensch macht irgendwas. Er hofft, er wartet, er träumt und verträumt seine Illusionen. Sinn macht das nicht, aber man muss sich mit der metaphysischen Obdachlosigkeit arrangieren, irgendwie darin einrichten, solange es eben dauert. Auch wenn es lachhaft ist oder zum Schreien komisch und eigentlich nicht auszuhalten. Da muss er eben durch - der Mensch.

Und so erleben seine Figuren, vor allem seine Bühnenfiguren, ihr Leben bis an die Schmerzgrenze wach als einen nicht fassbaren Traum. Bedrängt, irritiert vor allem von ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Erinnerungen. Im Einakter Krapp's Last Tape aus dem Jahr 1958 sagt die Titelfigur: "Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt."

1948 entstand En attendant Godot (Warten auf Godot), das Beckett nach der Premiere im Théâtre de Babylone am 5. Januar 1953 schlagartig berühmt machte. In Amerika galt es als obszön - trotz Becketts persönlicher Übersetzung aus dem Französischen. In Folge lehnten es u. a. Ralph Richardson, Laurence Olivier und Alec Guinness ab, darin eine Rolle zu übernehmen.

Zwischen 1954 und 1956 schrieb Beckett mit Fin de Partie (Endspiel) ein weiteres Meisterwerk, das 1957 zur Aufführung gelangte. Da hatten sein Stil, sein Thema ihr Etikett schon aufgepappt: Absurdes Theater.

Doch absurd, das lohnt die Richtigstellung, war nie sein Theater. Da machten vor allem in den sechziger Jahren, als Beckett längst etabliert war - er erhielt 1969 den Nobelpreis für Literatur -, andere auf der Bühne ganz andere Sachen.

Absurdität, das war Becketts Thema, der Mensch als Witz im Kosmos, das er mit den Mitteln des Theatern konventionell spielen ließ. Und aushalten: Denn Becketts Bühnenkunst zeigt sich vor allem in den behutsam gepflegten, ja ausgesessenen Pausen zwischen den Dialogen, dem Zögern, das der unerträglichen Aufgabe geschuldet ist, auf die irrationale Existenz mit erlösender Plausibilität antworten zu können.

Die Qual des Daseins "in lautloser Leere, in luftlosem Dunkel" (Watt)und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, von jedem einzeln zu ertragen, sind nicht mehr kommunizierbar.

Und das, obwohl alle Menschen gleicher Maßen im Heideggerschen Sinn "Geworfene" sind. Adorno, ein ausgezeichneter Deuter Becketts, hat darauf hingewiesen, das schon die Namensgebung der Figuren ihre Demütigung signalisiert: In Fin de Partie etwa erscheinen Hamm und Clov als Verstümmelungen von Shakespeares trostlos untröstlichem Hamlet und des tragikomischen Clowns.

Also warten lächerliche Gestalten, aber niemand weiß worauf. Allein, dass Zeit vergeht, beschreibt die Veränderung.

So ist der Held in Murphy nackt mit Riemen an seinen Schaukelstuhl gefesselt, Hamm muss von Clov, der wiederum nicht sitzen kann, im Rollstuhl herumgefahren werden. In Happy days ist die alternde Winnie zunächst bis zur Brust, im 2.Akt dann "bis zum Hals eingebettet" in einen Haufen aus Erde. Fin de Partie verwendet Mülleimer als Symbole vergänglichen und doch nie gelebten Lebens.

Nur durch Warten auszuhaltende Ausweglosigkeit charakterisiert En attendant Godot, das schon mit den Worten "Nichts zu machen" beginnt.

In Murphy heißt es gleich: "Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues". Und wie das Leben eine ewige Wiederkehr des Immergleichen darstellt, rollen auch die Dialoge in Becketts Stücke immer ergebnislos an gegen die Felswand eines unüberwindbaren Nicht-Verstehens der unfassbaren Existenz.

Verständlich, dass Becketts Dramen darum keine Handlung im eigentlichen Sinn mehr haben, dass die Dialoge nichts mehr enthüllen, entwickeln oder gar zuende denken. Klar ist nur, dass nichts zu klären ist.

Beckett, der Schriftsteller, Theatermann und heitere Kollaborateur der Sinnlosigkeit, starb am 22. Dezember 1989 in Paris.

Keine Ahnung, was er jetzt macht.