"The Beatles - Eight Days a Week" in der SZ-Cinemathek:Alles für den Rhythmus

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Frisur sitzt: Archivaufnahme der "Beatles" in "Eight Days a Week".

(Foto: Studiocanal GmbH/Apple Corps Ltd)

Mit jeder Menge Archivmaterial und geschickter Dramaturgie rockt Regisseur Ron Howard in seinem Dokumentarfilm über die Beatles durch den Rausch ihrer Tourneejahre.

Von Carolin Werthmann

Gegen ein Stadion voller Teenager kommt keine Soundanlage an. Glücklich, exaltiert, kreischend und brüllend kurz vor dem Zusammenbruch, so tobt die Masse im New Yorker Shea Stadium im Jahr 1965. Es ist der Höhepunkt der Beatlemanie, 55600 Menschen rasten aus in körnigen Filmaufnahmen. Und dann erwischt die Kamera von damals einen besonderen Moment: John Lennon, der plötzlich sehr kindlich und zusammengeschrumpft aussieht, mit Augen, die sagen: Keine Ahnung, wie wir hierhergekommen sind.

Es ist eine der Szenen, die der Regisseur Ron Howard für seinen Dokumentarfilm "The Beatles - Eight Days a Week" in den Archiven gefunden hat - und zu einer packenden Erzählung verdichtet. Der Mann kann ja viel, vom Oscar-prämierten Drama "A Beautiful Mind" bis zum Formel-1-Spielfilm "Rush", und in diesem Dokumentarfilm widmet er sich den Beatles in den Jahren ihres größten Ruhms.

Die Musik der "Beatles" ist ein dankbarer Gegenstand

Allein mit Bewegtbild und Fotografien aus dem Archiv, Radioausschnitten und Nachrichtenschnipseln erzählt Howard vom Fanfieber der Jugend, von einem Jahrzehnt des musikalischen Ausnahmezustands. In dem aber auch der Vietnamkrieg wütete, die Kubakrise eskalierte, John F. Kennedy, Malcom X und Martin Luther King ermordet wurden. Die Sechzigerjahre überrollten die Gesellschaft, und sie überrollten auch die vier Jungs aus dem britischen Liverpool, die nur mit den Pilzköpfen wackeln mussten, um die Popwelt aus den Angeln zu heben.

Das Herausfordernde an einem Dokumentarfilm über die Beatles im Jahr 2016 ist vermutlich nicht, Ungesehenes und Unentdecktes über eine Band auszugraben, über die schon so viel gesagt, so viel erzählt, und in deren Songs so viel hineinphilosophiert wurde, von "Twist And Shout" auf Retro-Partys bis zu "Yesterday" am Lagerfeuer. Die Kunst ist es, all diesem Material einen Rhythmus zu geben, für den nie erlahmenden Drive der Musik auch die richtigen Bilder zu finden.

"Eight Days a Week" beginnt da, wo andere Filme oft enden

Natürlich gibt es auch neue Interviews, mit Paul McCartney und Ringo Starr und ein paar prominenten Zeitzeugen wie Whoopi Goldberg, John Savage und Sigourney Weaver, aber "Eight Days a Week" fokussiert sich vor allem auf die Beatles als Live-Phänomen. Es geht um die Ekstase, die sie ausgelöst haben, und um den Preis des Welterfolgs, der die impulsive jugendliche Unbekümmertheit der vier nach und nach überschattet.

Howard und sein Editor Paul Crowder schweifen nicht ab in private Nebenstränge von Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison, halten sich nicht auf mit Exkursen in die Vorgeschichte, sondern beginnen da, wo andere Filme oft enden, nämlich bei der Klimax, in den fetten Jahren, als der Erfolg längst da ist und sich die Frage stellt, was jetzt noch kommen soll.

Den Zwist der Beatles, der größer wurde, je mehr Zeit verging, ignoriert "Eight Days a Week" nicht, aber dieser Zwist schleicht sich vor allem in ein Schlussbild ein, das etwas sehr Versöhnliches hat. Es ist das letzte gemeinsame Konzert auf dem Dach der Apple Studios über London, mit dem Publikum unten am Bordstein. Und wieder ist die Kamera nah genug dran, um den Erkenntnisprozess in den Köpfen der Beatles zu ahnen: Besser am Boden zu bleiben, wenn man ganz oben angekommen ist.

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