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Bayreuther Festspiele:Erhellender Rausch

Ein Zerrissener in zerrissenen Zeiten, 1869 als Sohn von Richard und Cosima Wagner in Tribschen bei Luzern geboren: In Bayreuth, abseits des Grünen Hügels, wurde Siegfried Wagners Leben als ein wohltuend raues Theaterstück aufgeführt.

Seit drei Jahren gibt es "Diskurs Bayreuth", ein Rahmenprogramm, bei dem Festspielchefin Katharina Wagner möglich machen lässt, was auf dem Grünen Hügel nicht erlaubt ist - das Reglement ist ehernes Erbe Cosimas, Richard Wagners Witwe. Aber das Festspielhaus braucht es gar nicht, in der Bayreuther Altstadt steht die Kulturbühne Reichshof, ein ehemaliges Kino mit dem großen Charme des Verfalls. Im vergangenen Jahr gab es hier die erste Opernuraufführung der Festspiele seit 1882, den "Verschwundenen Hochzeiter" von Klaus Lang, einen elektrischen Zwiefachen mit tollem Jahrmarktsbudenzauber in der szenischen Umsetzung. In diesem Jahr gibt es Sprechtheater, "Siegfried", geschrieben von Feridun Zaimoğlu und Günter Senkel.

Nein, es geht nicht um den Drachentöterhelden. Sondern um Siegfried Wagner, Sohn von Richard und Cosima, geboren am 6. Juni 1869 in Tribschen bei Luzern; mithin wäre er in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden, also Jubiläum, also Diskurs.

Siegfried war Architekt, Komponist und Dirigent, übernahm 1906 (andere Quellen sprechen von 1908, aber wir vertrauen hier dem Programmheft) von seiner Mutter die Leitung der Festspiele. Er war homosexuell, biss aber die Zähne zusammen und heiratete die grobknochige Winifred Williams - die Dynastie durfte nicht aussterben. Darin war er mit vier Kindern erfolgreicher als als Komponist, 17 Opern und keine davon ein Hit. Zu Unrecht. Arnold Schönberg nannte ihn einen "tieferen und originelleren Künstler als viele, die heute sehr berühmt sind".

Siegfrieds Leben gäbe genug Stoff her für einen langen, lehrreichen, biografischen Abend. Aber das haben Zaimoğlu und Senkel nicht im Sinn. Als Autorenpaar wurden sie letztendlich bekannt mit der aufrauenden "Othello"-Version, die sie 2003 für die Münchner Kammerspiele schrieben. Und rau ist auch einiges an ihrem "Siegfried". Wohltuend rau. Sie gehen von zwei Momenten aus. 1914: Seit einem Jahr fließen keine Tantiemen mehr aus Richard Wagners Werk, die Festspiele sind pleite, der Erste Weltkrieg bricht aus. 1930: Die vier Kinder sind da, Siegfried hat die Festspiele nach dem Krieg gerettet und die zugehörige Stiftung gegründet, Winifred und Siegfrieds Schwager Houston Chamberlain treiben die Ideologisierung des Bayreuther Betriebs voran, Siegfried stirbt während der Proben zu "Tannhäuser", vier Monate nach Cosima.

Auch Siegfried rauscht 1914 der Hurrapatriotismus durch den Kopf

Zwei Gespenster wandeln im Video durch Wahnfried, finden den Weg auf die kleine Bühne im Reichshof. Das eine Gespenst könnte Cosima sein, das andere ist ein Helmflügelheld in Rüstung und Unterhosen. In Wahrheit sind es Felix Axel Preißler und Felix Römer, der eine ist in Leipzig engagiert, der andere an der Berliner Schaubühne, und gemeinsam ackern sie sich mit Verve durch das assoziative Kaleidoskop, das die Inszenierung von Philipp Preuss ist.

Auch Siegfried rauscht 1914 der Hurrapatriotismus durch den Kopf, später entwickelt er eine äußerst ambivalente Haltung zum Antisemitismus, er ist zart, wäre manchmal am liebsten ein Stein, erfindet Geschichten wie die vom "dicken, fetten Pfannekuchen" - die Schauspieler klatschen sich Pfannkuchen ins Gesicht. Siegfried ächzt unter dem Familienerbe, verabscheut im Kern die Nazis, Hitler hier, Goebbels da, ein und aus gehen die in Wahnfried, die beiden Siegfrieds reden mit sich selbst, übernehmen andere Figuren, genug davon schwirren hier ja herum.

Nicht in jeder Sekunde weiß man, worum es gerade geht, aber das spielt keine Rolle, denn entscheidend ist der emotionale Abdruck vom Bild eines Zerrissenen in zerrissenen Zeiten an einem mehr als bizarren Ort - das Theaterplakat zeigt ein Chamäleon. Musik gibt es auch, Wagner im Sounddesign von Alexander Nemitz, mal rauscht das "Rheingold"-Vorspiel gurgelnd einen Gully hinab, mal wird der "Liebestod" rückwärts gemurmelt.

Es ist ein notwendiger, erhellender Rausch. Zur gleichen Zeit dirigiert Christian Thielemann im Festspielhaus "Tannhäuser". Valery Gergiev musste die Vorstellung wegen eines Unglücksfalls in der Familie absagen, Katharina Wagners Ansage quittieren manche mit Applaus. Anstand ist vielen Wagnerianern fremd, man sollte sie alle in die "Siegfried"-Aufführung schicken. Am nächsten Tag dirigiert Thielemann wieder, eine überirdisch schöne "Lohengrin"-Vorstellung, bei der Annette Dasch für Anna Netrebko einspringt. Dasch ist keine Meisterin der zarten Poesie, aber die Figur einer stolzen, selbstbewussten, modernen Elsa verkörpert sie großartig. Beim Schlussapplaus, den sie zur Gänze auskostet, hat sie Tränen in den Augen. Auch das gehört zum ganzen Wahnsinn von Bayreuth.