Bayreuther Festspiele "Das war ein Gänsehautmoment"

Weil Sängerin Catherine Foster sich bei der "Götterdämmerung" an der Wade verletzt, muss einer der Regie-Assistenten für sie als Brünnhilde einspringen. Andreas Rosar ist der einzige ohne Bart. Ein Gespräch am Tag danach.

Interview von Julian Dörr

Einmal zu schnell nach links gedreht, schreibt Opernsängerin Catherine Foster später auf ihrer Facebook-Seite unter dem Bild, das sie und ihre Ersatz-Brünnhilde zeigt, und dann: pop! Der Wadenmuskel. Verletzt. Vorbei ist die "Götterdämmerung" für die Brünnhilde-Darstellerin. Und das am Abschlussabend der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Bei der letzten Aufführung dieser "Ring"-Inszenierung von Frank Castorf. Was also tun? Es ist das Ende des ersten Aufzugs. Zwei weitere folgen noch. Und Foster kann nicht mehr weiterspielen. Zeit für Improvisation. Der Regie-Assistent Andreas Rosar muss einspringen. Während Foster vom Bühnenrand aus weiter singt, schlüpft Rosar in die Rolle der Brünnhilde - und in ihr goldenes Glitzerkleid. Wir haben mit ihm gesprochen - einen Tag nach seinem großen Auftritt.

SZ: Herr Rosar, was geht einem durch den Kopf, wenn man plötzlich als Brünnhilde auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses steht?

Andreas Rosar: In diesem Moment war da, wie soll ich das beschreiben, so ein fatalistischer Hauch von Heiterkeit. Wenn Sie mich in einem neutralen und nüchternen Rahmen gefragt hätten, ob ich Spaß dabei habe, auf der Bühne zu stehen, hätte ich Ihnen geantwortet: Um Gottes willen, das ist das Letzte, was ich machen möchte. Ich hasse das bei den Proben immer schon, wenn mal ein Sänger fehlt und ich einspringen muss. Seltsamerweise war ich gestern dann aber überhaupt nicht nervös oder aufgeregt. Was ich vor allem der unaufgeregten und konzentrierten Unterstützung durch sämtliche Kollegen bei Kostüm, Maske und Requisite sowie dann auf der Bühne durch die Solisten und auch den Chor zu verdanken habe. Die haben mich alle echt beflügelt und durch den Abend getragen.

Wie kam es denn dazu, dass ausgerechnet Sie zur Brünnhilde wurden?

Die ultima ratio, dass man eine Vorstellung wegen einer Verletzung abbrechen muss, das möchte man natürlich um jeden Preis vermeiden. In Bayreuth haben wir ja den glücklichen Umstand, dass so eine Pause mit einer Stunde relativ lange dauert. Wir haben noch gehofft, dass Frau Foster zumindest eine reduzierte szenische Variante spielen kann. Aber bald war klar: Das Fallbeil kommt auf einen von uns zu. Es müssen nämlich immer die Regie-Assistenten bzw. Spielleiter einspringen, wenn so etwas kurzfristig passiert. Das Problem: Es gibt in diesem Jahr keine weiblichen Assistenten im Team. Ich habe dann also mit meinen beiden männlichen Kollegen gesprochen, um zu klären, wer jetzt die Rolle übernimmt. Die beiden aber haben mich einfach mit ihren bärtigen Gesichtern angegrinst und gesagt: "Du hast keinen Bart."

Warum muss in so einem Fall eigentlich der Regie-Assistent einspringen?

Auf die Schnelle kann man niemandem die ganze Inszenierung erklären. Vielleicht ginge es noch bei einem kurzen Auftritt wie der Alberich im zweiten Akt der "Götterdämmerung". Aber nicht die Brünnhilde über zwei Akte. Man muss die Bühne kennen, das Stück, die Wege der Kollegen. Auch um sie nicht zu sehr in Bedrängnis zu bringen.

Sie standen da also im goldenen Glitzerkleid und spielten - während Frau Foster vom Bühnenrand aus die Rolle sang. Wie koordiniert man das denn?

Über die jahrelange Erfahrung, die wir mittlerweile mit dem Stück haben, läuft das relativ schnell auf einer Schiene. Weil man die Partien sehr genau kennt. Man weiß genau, was wann kommt. Man kennt die Musik. Sodass diese Situation gar nicht mal so irritiert. Etwas anderes aber ist der hohe Anspruch. Das darf ja natürlich nicht irgendwie irgendwas sein. Ich muss als Mann in Frauenkleidern ernsthaft eine Rolle interpretieren. Das ist Bayreuth und keine Travestie-Show.

Eine halbe Stunde Applaus am Ende - wie fühlt sich das an?

Normalerweise ist es unsere Aufgabe als Regie-Assistenten, den Applaus zu organisieren und zu managen. Wir sind dafür verantwortlich, dass die einzelnen Darsteller in der richtigen Reihenfolge vor den Vorhang gehen. Dass die Vorhänge rechtzeitig aufgehen. Vor den Vorhang zu treten, das war für mich ein absolutes Novum. Das war schon etwas seltsam. Im Bayreuther Festspielhaus, an so einem Abend, nach so einer Vorstellung, gemeinsam mit der Brünnhilde unserer Tage auf die Bühne zu treten, das war ein Gänsehautmoment. Das werde ich nie vergessen.

Ein gelungener Abschied also von Castorfs "Götterdämmerung"-Inszenierung?

In den letzten Tagen wurden wir melancholischer und melancholischer. Das letzte "Rheingold", die letzte "Walküre", der letzte "Siegfried". Wie sollte das erst bei der "Götterdämmerung" sein? Und dann ist tatsächlich die letzte Vorstellung und sie bekommt so ein absurdes Highlight. Da hatte die Melancholie auf einmal ein lachendes Auge. Ein sehr schöner Abschied von einer Produktion, bei der alle gerne dabei waren.

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