Bayreuther Festspiele:Geschrumpfter Mythos

Bayreuther Festspiele: Das Bürgerkind träumt von der großen Freiheit: die gefeierte Asmik Grigorian als Senta im "Fliegenden Holländer".

Das Bürgerkind träumt von der großen Freiheit: die gefeierte Asmik Grigorian als Senta im "Fliegenden Holländer".

(Foto: Enrico Nawrath)

Auftakt in Bayreuth: Der Regisseur Dmitri Tcherniakov macht aus dem "Fliegenden Holländer" einen Kleinstadtkrimi.

Von Reinhard J. Brembeck

Am Ende beginnt das Publikum in Bayreuths coronabedingt halbleerem Festspielhaus zu trampeln, und der Beobachter rätselt, warum. Sicherlich ist es auch der Dank dafür, dass die Festspiele nach dem letztjährigen Ausfall stattfinden. Die kleinlichen Vorschriften und die Polizeikontrollen, die das Festspielhaus in eine Festung verwandeln, mindern die Freude offenbar nicht. Mag ja sein, dass Angelas Merkels letzter Festspielbesuch als Kanzlerin diese Demonstration der Staatsmacht erforderlich macht, doch andere Festivals sind dezenter.

Der Beifall wird besonders laut, als Asmik Grigorian auf der Bühne erscheint. Diese agile Frau ersang sich vor drei Jahren in Salzburg als Vamp Salome (Richard Strauss) ihren Durchbruch. Jetzt ist sie wieder einmal mit einer unbedingten Liebe beschäftigt, als Senta in Richard Wagners vierter vollendeter Rätseloper "Der fliegende Holländer". Mit der hat der oft originelle Regisseur Dmitri Tcherniakov aber anderes im Sinn als Wagner. Der Komponist, der sich seine Libretti selbst schrieb, bringt hier eine seiner pathologischen Liebesgeschichten zwischen Erlösungssehnsucht, Todessehnsucht und biederer Bürgerlichkeit auf die Bühne. Der Titelheld hatte sich mit Gott angelegt, jetzt muss er herumirren, bis eine Frau sich seiner bedingungslos liebend erbarmt. Senta dagegen träumt als behütetes Mädel von der großen Freiheit und von ihrem Helden, der der Holländer ist. Oder doch nicht?

Bayreuther Festspiele: Die Kleinstadtlangeweile ist bei Tcherniakov, der auch das Bühnenbild gemacht hat, mit Händen zu greifen.

Die Kleinstadtlangeweile ist bei Tcherniakov, der auch das Bühnenbild gemacht hat, mit Händen zu greifen.

(Foto: Enrico Nawrath)

Tcherniakov ist das alles wohl zu mythisch-christlich wabernd. Er erzählt einen Krimi. Sentas Papa hatte mit des Holländers Mama mal eine Affäre, die mit deren Selbstmord endete, der kleine Holländer war dabei. Das Kind verließ die Stadt und kommt als Rachemonstermacho zurück, will Senta verführen, ballert wahllos in die Menge. Um am Ende von Sentas Stiefmutter Mary über den Haufen geschossen zu werden. "Tatort" statt Mythos: Tcherniakov erzählt schlüssig, geht aber allen Problemen dieser Partitur aus dem Weg. Er verkleinert das Stück gegen die aus einer bissig heiteren Offenbachiade in romantische Dunkelheiten wegtauchende Musik auf eine Bühnenbanalität, die auch musikalisch keine Erlösung bietet.

Die Dirigentin Oksana Lyniv scheitert am Jenseitigen und Urgewaltigen

Der aus Seuchengründen über Lautsprecher zugespielte und durch Statisten gedoubelte Chor klingt dünnbrüstig. Der Sängermassenwettstreit zwischen den Bürgern und der Terrorgang des Holländers hört sich deshalb an wie eine Talkrunde im Fernsehen. Das Undomestizierbare, das Jenseitige, die Abgründe und die Urgewalt der Natur sind kein Anliegen von Oksana Lyniv, die als erste Frau in Bayreuth dirigierte. Lyniv gelingen trotz einiger Wackler die geschlossenen Nummern der heilen Bürgerwelt überzeugender als die in Chromatik und Haltlosigkeit zersplitternde Psychounterwelt. Eine Dirigentin, ein Dirigent aber muss beides können - und zu einer Synthese führen. Davon war bei Lyniv nichts zu hören. Ihr gelang es auch nie, die Erzählung aus dem Orchestergraben heraus zu steuern. So war Lynivs Debüt erst einmal eine Talentprobe, das Sondieren eines schwierigen Stücks. Bayreuth versteht sich aber als Werkstatt, in der immer nachgebessert werden kann.

Tcherniakov als eigener Bühnenbildner zeigt nur ein paar Prospekte niedrige Häuser einer nordischen Kleinstadt, die hin und her geschoben werden. Die oft nur manierlich tobende Musik macht deutlich, was die Kleinstadtlangeweile für Verwüstungen im Unterbewussten der Einwohner anrichtet. Die Senta der Asmik Grigorian ist noch in der Pubertät, sie turnt sich aufbäumend und verrenkend gegen die väterliche Autorität an, eine rote Strähne im blonden Haar. Der Holländer des John Lundgren ist ein älterer Mann ohne Haare und mit Bauch, der seine innere Brüchigkeit durch brüchige Vokallinien beglaubigt. Auch vom Timbre harmonieren er und Senta nicht.

Wie so viele Wagner-Frauen steht auch Senta zwischen zwei Männern. Der Konkurrent des Holländerrabauken ist der sentimentale Loser Erik, der Senta in einer konventionellen Bürgerehe versklaven will. Es hilft Eric Cutler wenig, dass er tenoral lockt. Die Aussicht, Heimchen am Herd zu werden, ist nicht erst 2021 scheußlich, sie war es schon zur Wagnerzeit. Und der Vater des Georg Zeppenfeld, einst der Stenz der Kleinstadt, ist längst ein Krämer, der bloß ans Durchkommen denkt und an eine reiche Partie für die schwierige Tochter. Allein in der Mary der Marina Prudenskaya lodert noch Leidenschaft. Sie möchte klare Verhältnisse, will das Böse, verkörpert im Holländer, aus ihrer abgelebten Idylle vertreiben und mordet dafür.

Das Publikum trampelt begeistert und kurz, erhebt sich bei Asmik Grigorian und buht den Regisseur aus. Die Kanzlerin in der Loge lächelt milde. Anders als sie muss die Festivalchefin Katharina Wagner weitermachen. Diese verrutschte Premiere macht ihr den Job nicht leichter.

© SZ/jhl
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