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Bayreuth:Eine akustische Beratung für Neulinge

Ist man erst mal drin im Haus, hört man denn auch ganz anderes. Nelsons sei hochsensibel, das sei schon richtig, sagt ein Insider, der nicht genannt werden möchte. Deshalb habe er sich gegen die Übergriffigkeiten des selbstbewusst auftretenden Christian Thielemann nicht wehren können. Er habe sich die Vorschläge des 57-jährigen Kollegen angehört - und sei wahrscheinlich innerlich zunehmend vor Wut geplatzt. Am Ende wollte er aus einem bereits vorab vereinbarten Aufenthalt in Riga nicht mehr nach Bayreuth zurückkehren.

2015 hat Festspielchefin Katharina Wagner Christian Thielemann zum "Musikdirektor" ernannt. Es ist ein Titel, den es in der Geschichte Bayreuths nie gab. Thielemann dirigiert selbst wie schon im vergangenen Jahr "Tristan und Isolde", ansonsten hat er viel freie Zeit. Tatsächlich zählt Bayreuth nicht zu den leichtesten Aufgaben für Dirigenten. Er kann im verdeckten Orchestergraben nur schwer einschätzen, wie es im Zuschauerraum klingt.

Eine akustische Beratung für Neulinge mag da sinnvoll erscheinen, und niemand hat in Bayreuth mehr Erfahrung als Thielemann. Aber Nelsons ist kein Neuling. Thielemann mische sich fortwährend in alle Details der musikalischen Gestaltung ein, sagt der Insider. Robustere Charaktere wie Marek Janowski, der "Ring"-Dirigent, legten auch mal das Telefon auf, wenn Thielemann im Graben anrufe. Nelsons hat dafür anscheinend nun die Schnur durchgeschnitten.

Auch Laufenberg ist eigentlich ein Einspringer

"Ich bedauere das sehr, ich habe mich mit ihm gut verstanden", sagt "Parsifal"-Regisseur Uwe Eric Laufenberg. Der Vorgang reiht sich ein in die Bayreuther Skandalserie der letzten Jahre. Inzwischen rechnet man fast schon damit, dass das Vorspiel spannender ist als die eigentlichen Festspiele. So wurde der Regisseur des laufenden "Rings", Frank Castorf, erst in letzter Minute zu seinem Debüt auf den Hügel berufen.

Auch Laufenberg ist eigentlich ein Einspringer, nachdem vor eineinhalb Jahren der Vertrag mit dem Künstler Jonathan Meese ausgesetzt worden war. Beim "Tristan" im vergangenen Jahr musste kurz vor knapp eine andere Isolde gesucht werden. Auch, dass Kirill Petrenko den "Ring" nach drei Jahren abgab, soll dem Vernehmen nach bereits mit Thielemann zu tun gehabt haben. Katharina Wagner scheint kaum in der Lage zu sein, den normalen Betrieb zu gewährleisten.

Dass Nelsons nun als Erster den Weg in die Öffentlichkeit wählte und die Vertragsauflösung nicht wie in den anderen Fällen von beiden Seiten gemeinsam bekannt gegeben wurde, ist von maximaler Signalwirkung. Es setzt die Festspiele unter Druck, einen Nachfolger quasi vor den Augen des wartenden Publikums zu suchen. Fragt sich, wer unter diesen Umständen noch bereit sein wird. Thielemann, heißt es jedenfalls bislang, habe kein Interesse.

© SZ vom 01.07.2016/dit

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