Bayernpartie Zurück auf Anfang

In Ernst Ludwig Kirchners Geburtshaus in Aschaffenburg werden zum ersten Mal Bilder des Malers gezeigt

Von Florian Welle

Vor dem Besucher spannt sich ein Leben auf: In unmittelbarer Nähe hängen Ernst Ludwig Kirchners "Porträt eines jungen Mannes" und sein "Selbstbildnis mit Katze Schacky". Die Tuschpinselzeichnung von 1904/5 zeigt wohl den Künstler selbst, ganz sicher ist man sich nicht. Auf alle Fälle verrät das kraftvolle Blatt den Einfluss Van Goghs, den der junge Kirchner damals zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hat. Ein Künstler im Aufbruch.

Ganz anders die Kohlezeichnung mit einer geliebten Katze von 1938, dem Jahr seines Suizids auf dem Wildboden. Zu sehen ist ein in sich verdrehter Mensch mit verschatteten Augen. Alles atmet hier die Verzweiflung, unter der der Wahlschweizer Kirchner litt, je menschenverachtender sich das Leben in der Heimat gerierte. Die Nazis hatten gerade Österreich besetzt, und natürlich hatten sie Kirchners Werke aus den Museen entfernt. "Hier hat sich seit Monaten eine Tragödie im Stillen abgespielt", schreibt Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling nach dem Selbstmord an die deutschen Freunde und fährt fort: "Die Diffamierung hat ihn zerbrochen. . ."

Zwei Bilder, ein Leben. "Originale aus Privatbesitz in Kirchners Geburtshaus" heißt die erste Ausstellung im mit Unterstützung privater Sponsoren eben erst museumstechnisch aufgerüsteten Erdgeschoss des Kirchnerhauses. Kirchner hat in dem Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Stadthaus in unmittelbarer Nähe des Aschaffenburger Bahnhofs die ersten sechs Jahre seines Lebens verbracht. Was der Verein "Kirchnerhaus Aschaffenburg" mit seiner Vorsitzenden, der Kunsthistorikerin Brigitte Schad, seit der Gründung 2011 geleistet hat, ist nicht hoch genug zu schätzen. So wurde 2013 im Kinderzimmer Kirchners in der Beletage eine Dauerausstellung eingerichtet, in der man sich eingehend mit der prägenden Kindheit auseinandersetzen kann.

Mit der Eröffnung der Räumlichkeiten im Erdgeschoss hat der Verein die nächste Hürde genommen: Zwei Mal im Jahr sollen Wechselausstellungen zu Leben und Werk Kirchners gezeigt werden. Zudem sicherte die Stadt dem Verein in diesen Tagen endlich zu, ihren bislang auf fünf Jahre befristeten Mietzuschuss auf zehn Jahre zu verlängern. Die Zusage ist Voraussetzung für die Auszahlung der bereitstehenden Fördermittel - unter anderem der "Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern". Damit kann man sich nun auch im Erdgeschoss an die Umsetzung einer mediengestützten Dauerpräsentation machen, in deren Mittelpunkt die Biografie Kirchners vor dem Hintergrund seiner Zeit stehen soll. Zunächst heißt es aber, die rund 40 zum Teil noch nie gezeigten Originalarbeiten aus Privatbesitz zu studieren. Von den vier Leihgebern, die die vorzügliche Kabinett-Ausstellung möglich gemacht haben, möchten nur zwei genannt werden: Hermann Gerlinger, dessen "Brücke"-Sammlung im Kunstmuseum Moritzburg in Halle beheimatet ist. Und der Schweizer Kunstsammler Eberhard W. Kornfeld - von ihm stammen unter anderem die eingangs erwähnten Selbstbildnisse.

Kuratorin Brigitte Schad ordnete die großzügig gehängten Leihgaben biografisch wie thematisch an. Den ersten Werkkomplex bilden die Aktzeichnungen der "Brücke"-Jahre in Dresden und Berlin. Während jedoch in der Dresdner Zeit der Strich noch fließend ist, wird er nach der Übersiedelung nach Berlin 1911 scharfkantiger. Sehr gut lässt sich diese Entwicklung auf einem doppelseitig benutzten Blatt studieren. Kirchner verwendete häufig die Vorder- und auch die Rückseite eines Malgrunds, dazwischen können Jahre liegen. So sieht man auf der einen Seite die weichfließende Tuschpinselzeichnung "Zwei Mädchen", auf der anderen die spätere in Tusche "Frau auf dem Sofa". Hier besitzt der Kopf bereits die für Kirchner charakteristische Dreiecksform.

Es folgen einige lichte Fehmarn-Blätter, dann Skizzen zum Tanz, zum Teil so schnell hingeworfen, dass sie bereits die Abstraktion streifen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stürzte Kirchner in eine tiefe Krise. Durch Medikamentenmissbrauch entging er der Front. Halbseitig gelähmt kam er in verschiedene Sanatorien, entdeckte Davos für sich, wo er von 1918 bis zu seinem Tod leben sollte. Bei seinem ersten Aufenthalt in den Bergen entstand das Aquarell über Kreide "Bauer auf der Alp", eine der fulminantesten Arbeiten der Ausstellung. Im Zentrum: der wuchtige Kopf des Bauern Martin Schmid. Ein Werk, das eine gelöstere, phantasiebefeuerte Schaffensphase einläutete. Bis sich wieder die Schatten über den Künstler zu legen begannen und ihn letztendlich besiegten.

Originale aus Privatbesitz in Kirchners Geburtshaus, Kirchnerhaus Aschaffenburg, Ludwigstraße 19, Di. bis Sa., 14-17 Uhr, So. 11-17 Uhr, bis 20. Dezember