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Ballettfestwoche:Orkanstärke null

Außer giftgrünem Tüll tanzt bei dieser Produktion nichts aus der Reihe.

(Foto: Katja-Lotter)

Zum Start der Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts versinkt die Uraufführung "Der Schneesturm" in Mittelmäßigkeit.

Von Dorion Weickmann

Das Bayerische Staatsballett hat in der Corona-Saison eine Menge richtig gemacht: viel gestreamt, wenig pausiert, das Publikum per Instagram, Twitter & Co. bei der Stange gehalten. Als Fehlentscheidung entpuppt sich allerdings, dass Hauschoreograf Andrey Kaydanovskiy mit "Der Schneesturm" bei der Spielzeitplanung durchgewunken und an den Anfang der Ballettfestwoche gesetzt wurde. Das Eröffnungsereignis des heuer digitalen Kurzfestivals demonstrierte vor allem, wie man einen Knüller-Stoff - Alexander Puschkins gleichnamige Erzählung von 1831 - in der Mittelmäßigkeit versenkt.

Ein überraschender Ausfall, immerhin hat Kaydanovskiy dem Staatsballett bereits ein paar starke Stücke beschert, zuletzt 2019 die Kriminalgroteske "Cecil Hotel". Der Mittdreißiger ist ein geschickter Erzähler und geschliffener Dramaturg: Beides beweist auch dieser "Schneesturm". Dennoch scheitert die Produktion an ihrer ästhetischen Indifferenz. Geboten wird ein Handlungsballett, das dem klassischen Tanz entkommen will und sich dabei von einer pseudoexpressiven Pose zur nächsten hangelt. Passenderweise fallen auch Arthur Arbessers Kostüme wie gehobene Katalogware aus - außer giftgrünem Tüll und sattgelben Volants tanzt da nichts aus der Reihe.

Die Adaption bleibt emotional stumm und stumpf

Puschkins Vorlage ist ein echtes Melodram: Marja, Tochter aus begütertem Haus, verliebt sich unter Stand in den Fähnrich Vladimir. Ein Schneesturm verhindert die heimliche Hochzeit des Paars. Der Bräutigam verspätet sich, zieht frustriert in den Krieg gegen Napoleon und damit in den Tod. Marja kehrt zurück zu den Eltern. Jahre später erobert der Husar Burmin das Herz der jungen Frau - mit der er längst verheiratet ist: Es stellt sich heraus, dass sie einander im Tohuwabohu des Schneegestöbers fälschlicherweise angetraut wurden.

Kaydanovskiys Adaption zeichnet diesen Plot überzeugend nach, bleibt aber emotional stumm und stumpf. Was nicht am Original oder dessen Autor liegt. Denn Puschkin war dem Bühnentanz innig zugetan, umgekehrt gehören seine Dichtungen zu den Favoriten der Librettisten. Von Boris Assafjews "Die Fontäne von Bachtschissarai" über Roland Petits "La Dame de Pique" bis hin zu John Crankos unverwüstlichem "Onegin" reicht die Liste der Evergreens. Gerade Crankos moderner, am Nationaltheater häufig gespielter Klassiker liefert eine bis heute gültige Matrix: eine Choreografie, die vielschichtige Charaktere profiliert, bis sie an den Zumutungen ihres Schicksals reifen oder zerbrechen.

Nur die Albtraum-Szenen zeigen, was die Inszenierung hätte werden können

Kaydanovskiys Figuren gleichen stattdessen Abziehbildern, die ausgiebig auf der Stelle treten. Einzig Ksenia Ryzhkova alias Marja fällt aus dem Betulichkeitsrahmen, weil die Ballerina mit einem Augenrollen mehr zu sagen weiß als andere unter Aufbietung all ihrer Künste. Doch selbst davon macht der Choreograf kaum Gebrauch. Er zeigt seine Heldin mal als vertrotztes Wohlstandsgör, mal als verängstigtes Häschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sämtliche Gemütsregungen muss Lorenz Dangels wackere Auftragsmusik quasi im Alleingang transportieren: Romantische Liebesliteraturflausen werden per Bandoneon illustriert, der Schneesturm tobt sich als Wolke von Papierschnipseln unter dem Geheul der Windmaschine aus.

Derweil balgen sich sechs schneeweiße Kerle mit dem verzweifelten Vladimir und ringen ihn - Triumph der Naturgewalt - schlussendlich zu Boden. Was eine recht einfallslose Retro-Reminiszenz an die Winde und Wasserläufe in Menschengestalt ergibt, mit denen das Ballett der Barock-Ära für optischen Wirbel sorgte. Die Pas de deux gedeihen kaum über Unverbindliches hinaus, Ballszene und Nachkriegsfeier bleiben artig absolvierte Festivitäten.

Was dieser "Schneesturm" hätte werden können, verraten die Albträume, die Marja vor der Hochzeit heimsuchen. Kaydanovskiy schickt Zofe und Knecht, Mutter und Vater als Trostspender ins Schlafgemach. Doch sobald das Mädchen die Augen schließt, verschwindet das Quartett hinter den Fenstervorhängen und bläht sich zu bedrohlicher Riesenhaftigkeit: Horrorherrschaften, wie von Hitchcock in Szene gesetzt. Mehr solcher Bilder, und Kaydanovskiys Kreation hätte sich als fabelhafte Intro der Highlights-Serie präsentiert, die das Bayerische Staatsballett dank Festwoche bis kommenden Sonntag streamt - von "Portrait Wayne McGregor" über "Schwanensee" bis hin zu Ivan Liškas rekonstruiertem "Le Corsaire".

"Der Schneesturm" ist vom 23. April 2021 an einen Monat lang als Video on Demand abrufbar.

© SZ/clu
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