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Baukulturbericht:Wie es dem Marktplatz so geht

Coronavirus - Italien

Der öffentliche Raum ist nicht allein Heilmittel der Gesellschaft, sondern als etwas Komplexeres, Vieldeutigeres, immer: Diskussionsnotwendiges. Ein Platz in Rom.

(Foto: dpa)

Der öffentliche Raum ist das einzige Mittel gegen das allmähliche Verschwinden der Erde hinter dem Schild "Privat - Zutritt verboten". Aber gibt es ihn zwischen Demo, Randale und Home Office überhaupt noch?

Schon der erste Satz in dem soeben per Livestream vorgestellten Baukulturbericht 2020/21 zeigt an, dass er vor Ausbruch der Pandemie formuliert wurde. In dem Bericht, der sich in diesem Jahr dem öffentlichen Raum widmet - also einem inmitten der epochalen Verstädterung gesellschaftlich wirksamen, unter den Bedingungen der Immobilienspekulation bedrohten Terrain -, heißt es: "Attraktive Städte und Orte sind lebendig, sicher, nachhaltig und gesund. Sie zeichnen sich durch eine Vielzahl gut gestalteter öffentlicher Freiräume aus, die Begegnungen ermöglichen und den Austausch fördern."

Nach Ausbruch der Pandemie ist zu ergänzen: Der Austausch von Viren und die Begegnung mit Erkrankten sind nicht gemeint - und nicht alle öffentlichen Räume sind, wie man inzwischen weiß, zu allen Zeiten sicher und gesund. Jedenfalls dann nicht, wenn in München am Königsplatz 25 000 Menschen gegen Rassismus ein Zeichen setzen, dabei aber die Zeichen der Corona-Zeit so missachten wie die Abstandspflicht. Diese Pflicht ist weder Kür - noch eine von der Regierung oder anderen Verschwörern ersonnene Hysterie, sondern unter Umständen existenziell. Nicht der politische Wille, sondern jener zur Party war übrigens das Motiv, das viele am Pfingstwochenende auf dem Berliner Landwehrkanal eine Art Techno-Party auf dem Wasser feiern ließ. Und ob in Stuttgart, wo jüngst Teile der Innenstadt vom Mob zerlegt wurden, überhaupt ein Wille jenseits vom Willen zum Suff zu erkennen ist, das ist abzuwarten. Der öffentliche Raum ist so oder so ins Gerede gekommen. Nicht allein als Heilmittel der Gesellschaft, sondern als etwas Komplexeres, Vieldeutigeres, immer: Diskussionsnotwendiges.

Vor allem ist ja auch zu fragen, ob es den tradierten öffentlichen Raum, wo Demonstration, Party oder Randale stattfinden, noch gibt. Üblicherweise versteht man darunter eine Verkehrsfläche, einen Park, Platz oder auch öffentlich zugängliche Gebäude. Noch in der Antike wurde der öffentliche Raum gleichgesetzt mit dem politischen Raum - Aristoteles bemaß den idealen Stadtplatz nach der Reichweite der menschlichen Stimme. In der Aufklärung wurden die Forste (privat, königlich) oft umgewidmet zu Parkanlagen (öffentlich, staatlich) bis hin zum Schrebergarten (halböffentlich, der Grund ist öffentlich, die Nutzung privat). Und auf Promenaden und in den Alleen sollte sich die Macht des Bürgersinns entfalten. Der öffentliche Raum ist ein Kind der Demokratie und das einzige Mittel gegen das allmähliche Verschwinden der Erde hinter dem Schild "Privat - Zutritt verboten".

Privatheit und Öffentlichkeit tauschen gerade so manche Plätze

Zuletzt aber, auch das zeigt die Corona-Krise, kam es zu Umcodierungen und Interferenzen. Die sich gemeinhin antagonistisch gegenüberstehenden Sphären von Privatheit und Öffentlichkeit tauschten im Zuge des Home-Office und der zunehmend virtuellen Möglichkeiten von Austausch und Begegnung (virensicher) so manche Plätze. Was man auf Slack, Zoom oder Teams aus den Privatzonen mancher Menschen zu sehen bekam und was zuvor schon Teil der Selfiehabitate war, legt den Gedanken nahe, dass es neue Chiffren der Privatheit und Öffentlichkeit gibt. Medientheoretiker sprechen bereits von der "Pröffentlichkeit".

Weil die osmotische Entgrenzung im Gang ist, ist eine kritische Bestandsaufnahme des öffentlichen Raumes umso wichtiger. Der Baukulturbericht, der alle zwei Jahre erscheint und durch eine geschickte Themensetzung (zuletzt: Stadt und Land) für einen öffentlichen Diskurs sorgt, hat sich etabliert wie das Gutachten der Wirtschaftsweisen. Das heißt: Die Zusammenschau aller möglicher Studien und Expertisen ist naturgemäß strittig. Die Best-practice-Beispiele, die im Bericht auftauchen, könnte man also auch anders gewichten. Mancher Zusammenhang erscheint schlüssig, andere Ableitungen dagegen nicht.

Die Bundesstiftung Baukultur, die es seit 2007 gibt, hat sich unter dem Vorsitz von Reiner Nagel zu einer Instanz entwickelt. Die aktuelle Schrift, die von der Dichte bis zum Klimawandel und zum Diffundieren der Stadtgesellschaft Perspektiven für den öffentlichen Raum aufzeigt, mag vorpandemisch erdacht sein - kommt aber genau rechtzeitig und frei verfügbar in die Öffentlichkeit. (Hier zum Download)

© SZ vom 26.06.2020/tmh

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