Bauhausjubiläum Wie ein Anfall von Würfelhusten

(Foto: British Museum)

Vor 90 Jahren wurde das neue Bauhaus in Dessau eröffnet. Seine Künstler wollten eine neue Welt erschaffen. Doch was von ihrer Vision geblieben ist, ist vor allem eine Diktatur des Designs.

Von Gerhard Matzig

Der "neue Mensch" also. Der Mensch, der am, im und durch das Bauhaus erschaffen werden sollte. Wie müsste er gebaut sein, um sich nach Art einer Intarsie passgenau in ein Möbel aus dem Dunstkreis der Bauhaus-Ideologie zu fügen? Beispielsweise in den würfelzuckerartig geformten, ja genormten Armlehnsessel "LC2" von Le Corbusier. Der neue Mensch müsste in diesem Fall, abgesehen davon, dass er im autoritären Corbusier-Maßsystem "Modulor" exakt 1,83 Meter groß ist, idealerweise auch einen wie mit dem Lineal gezogenen, quaderförmig ausgestanzten Hintern besitzen. Im Wortsinn.

Dummerweise passt aber ein Quader nicht in jene Bauhaus-Wiege, die sich der erst 20-jährige Kandinsky-Lehrling Peter Keler im Jahr 1922 ausgedacht hat. Dafür bräuchte man wiederum einen scharfkantig nach Pfeilart zugespitzten Baby-Popo. Denn die "puristische Wiege in den Farben Gelb, Rot und Blau", sie kostet mittlerweile als lizenzierte Bauhaus-Reedition an die zweieinhalbtausend Euro, besteht aus reiner Geometrie: aus dreieckigem Holz-Rohrgeflecht und Stahlrohr-Kreisen.

Ein mathematisch korrektes Auflager, mehr Geometrie als Gesäß, mehr Architektur- als Hinterteil, ist das Ideal. Das gilt für etliche Möbel, die sich im weitesten Sinn der Bauhaus-Ära zuordnen lassen. Analog trifft das auch auf die De-Stijl-Hervorbringungen eines Gerrit Rietveld zu, dessen rot-blau-gelber Stuhl einer Folterbank ähnlicher ist als einem Stuhl - und wieder eine ganz andere Anatomie im Wettbewerb der neuen Menschen mit sich brächte.

Blick auf das Bauhaus-Gebäude in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt).

(Foto: dpa)

Konstruiert statt organisch gewachsen

Kantig und kubisch, orthogonal konstruiert statt organisch gewachsen: Das ist der neue Mensch für neue Möbel in neuen Häusern. Kim Kardashian wäre insofern eher nicht so der Bauhaus-Typ. Man könnte somit auch sagen: Es war nicht alles schlecht am Furor jener Geschmacksdiktatoren, die vor einem knappen Jahrhundert vor allem von Weimar und Dessau aus die Welt erobern wollten, aber letztlich doch nur beim heutigen Billy-Regal von Ikea, bei einem Wein, der angeblich "den Gründungsgedanken des Bauhauses aufgreift" (Aldi Süd), und bei modernistisch entmenschlichten Wohnregalen in aller Welt gelandet sind.

Das Bauhaus ist eine große Idee, die auf groteske Weise gescheitert ist. Noch größer als die Idee sind die Missverständnisse, die sie hervorgebracht hat.

Was man übrigens auch daran erkennt, dass sie noch immer so erfolgreich ist, wenn auch in der Schwundstufe einer Idee (oder ihrer Apotheose, je nach Perspektive): als Image und Distinktionsgarant. Sowie als Design-Terror, der Avantgarde und Zeitgenossenschaft vorgibt, oft genug aber nur rückwärtsgewandt und letztlich sogar reaktionär erscheint.

Wobei meistens nicht mal Bauhaus drin ist, wo Bauhaus draufsteht. Das gilt für so manches Objekt, das von einer "Traumhaus"-Firma aktuell unter der Rubrik "Villen im Bauhausstil" angepriesen wird. Etwa die "moderne Stadtvilla mit Walmdach". Das ist ein "zeitlos schönes Haus", wo ein "rundes Fenster im Ankleidebereich", nein, kein Hinweis darauf ist, dass der Eigentümer lieber im Hamburg am Hafen als im Nirgendwo zwischen Acker und Autobahn leben möchte, sondern das Rundfenster "fungiert als Hingucker". Das Hinguckerhafte, dieses lärmende Hallo-ich-bin-Design-Rumgetröte, ist ein Erbe des Bauhauses, das man lieber ausgeschlagen hätte. Mit der Baukunst von Gropius und anderen Bauhaus-Meistern hat das nichts zu tun. Jeder Anfall von Würfelhusten sowie die übliche Bauträger-Unfähigkeit, Räume sinnvoll anzuordnen, wird heute im Zweifel als "typisch Bauhaus" vermarktet.