Bauhaus-Schriften "Sie wollten Buchstaben aus Quadrat, Dreieck  und Kreis"

Der Typograf Erik Spiekermann hat aus einzelnen Plakatentwürfen von Bauhaus-Meistern fünf vollständige digitale Schriften entwickelt. Er erklärt, warum das trotz Teamarbeit und Computerprogrammen keine leichte Aufgabe war.

Interview von Bernd Graff

Der Einfluss des 1919 gegründeten Bauhauses in Weimar, es zog 1925 nach Dessau um, wurde so bedeutend, dass der Name "Bauhaus" sehr schnell zum Begriff und dieser zum Synonym für die internationale Moderne in Architektur und Design wurde. Aus Anlass des bevorstehenden 100. Jubiläums hat die amerikanische Softwarefirma Adobe, die Programme in den Bereichen digitaler Bildbearbeitung und Design vertreibt, den Typografen Erik Spiekermann gebeten, aus historischen Fragmenten und Schriftentwürfen der Bauhausmeister Xanti Schawinsky, Joost Schmidt, Carl Marx, Alfred Arndt und Reinhold Rossig mit den elektronischen Werkzeugen von heute vollständige Schriften im Bauhausstil zu entwickeln. Diese fünf Schriften gibt es nun. Adobe-Kunden können sie benutzen. Warum es trotz der Vorlagen und der digitalen Werkzeuge aber noch immer kein einfaches Unterfangen ist, vollständige Schriften zu entwickeln, wollten wir von Spiekermann wissen.

SZ: Herr Spiekermann, was hat es mit den fünf Bauhaus-Schriften auf sich, die es nie vollständig gab, jetzt aber wohl?

Erik Spiekermann: Die Geschichte fing damit an, dass Adobe sich vor einiger Zeit auf die Suche nach analogen Klassikern gemacht hat, nach Ikonen der Moderne, die man digitalisieren möchte. Auf dieser Suche ist man in Dessau, bei den Schriftsatzskizzen des Bauhaus gelandet.

Und was hat man dort gefunden?

Jede Menge Skizzen von Schriften, nicht umgesetzte Typografien der Bauhaus-Meister, Entwürfe, Sketche, Buchstabenfragmente, die als Schriften nie vervollständigt wurden. Um vollständige Schriften zu fertigen, hätte man damals Matrizen fräsen müssen. Das war sehr aufwendig und auch unglaublich teuer. Die Bauhaus-Leute haben damals also oft nur Schriften als Reinzeichnungen angelegt, Buchstaben auf Papier zusammengeklebt und von Hand reproduziert oder nachgebaut. Aber es waren nie komplette, gebrauchs- und druckfertige Schriften, die man hätte nutzen können. Nur Skizzen.

Waren denn diese Skizzen vollständig? Also ausgearbeitete Alphabete?

Es gab einige Groß- und Kleinbuchstaben und ein paar Ziffern. Vollständig im Digitalen heute heißt, dass man mindestens zweihundert durchgestaltete Zeichen haben muss mit allen Akzenten und Satzzeichen. Wenn man alle Sonderzeichen für alle EU-Sprachen entwirft, dann braucht man an die 400 Zeichen in einer Schrift.

Und die haben Sie bei der Rekonstruktion der Bauhaus-Schriften umgesetzt?

Meine Aufgabe war, aus etwa 100 Entwürfen die Schriftideen herauszusuchen, die das Potenzial zu einer benutzbaren Schrift in sich trugen. Wir haben dazu extrem gute Reproduktionen der Originale bekommen, und haben dann mit Studenten je eine Schrift zu einem Projekt gemacht.

Woher kamen die Studenten?

Die besten Schulen für Schriftentwurf sind in Den Haag und Reading in England. Dann gibt es Kurse in Lausanne, inzwischen eine Klasse in New York und natürlich in Leipzig. Die meisten Lehrer dort haben mal bei mir gearbeitet, so gab es Verbindungen nach Deutschland, USA, England, Holland und in die Schweiz.

Und wie bringt man dann historische Schriftskizzen und die Zeichenanforderungen der EU zusammen?

Mit Rechnern und Software. Wir gingen von den historischen Originalen aus, nahmen Programme von Adobe und die davon unabhängigen Schriftsatzprogramme: "Glyphs" und "Fontlab" und bauten die Bauhaus-Schriften in parametrisch modellierten Freiformen, den Bezier-Kurven.

Es wurden damit nacheinander Buchstaben auf dem Monitor entworfen?

Nicht nur. Zeichnen konnten die Baumeister ja auch. Das Produzieren des Trägers, um aus Buchstaben eine Schrift zu machen, die Gesamtanlage der Schrift also, war und ist so schwierig. Das konnte man damals nicht ohne erheblichen Aufwand machen, um alle Buchstaben mit ihren Dikten und Unterschneidungen zu gießen.

Also sind Typenentwicklung und Schriftproduktion nicht dasselbe?

Eben nicht. Schriftentwurf und Fontproduktion sind eigentlich zwei verschiedene Arbeitsgänge. Einzelne Buchstaben kann man mit der Hand zeichnen, das mache ich etwa so. Aus den Buchstaben eine in sich stimmige, in allen Größen wie Breiten komponierte Gesamtschrift zu entwerfen, ist eine völlig neue Aufgabe. Aber das war jetzt die Herausforderung: Wenn die Bauhausmeister die Werkzeuge von heute gehabt hätten, was hätten sie damit produziert?

Was zeichnet die Bauhaus-Schriften aus?

1919 gab es einen Wust viktorianisch überfrachteter Fonts. In Deutschland nennt man sie "wilhelminisch". Von diesem ornamentalen Zeugs wollte man schon aus ideologischen Gründen weg. Das Bauhaus wollte Klarheit, einfache Linien. Sie wollten Buchstaben aus Quadrat, Dreieck und Kreis konstruieren.

Das scheint doch gelungen zu sein? Als wir die Originalplakate von Alfred Arndt sahen - mit Geodreieck, Lineal, Tusche und Bleistift auf dem Reißbrett gestaltet - habe ich mich erst einmal hinsetzen müssen. So eindrucksvoll und auch so schön sind die. Aber die einzelnen Buchstaben darauf bilden ja eben keine Schrift. Die Einzelbuchstaben darauf waren für die Plakate, aber nicht für Fließtexte, etwa auf einer Buchseite. Doch solche Plakate, etwa für eine Tanzveranstaltung, bildeten die Basis unserer Arbeit.

Die Aufgabe erinnert an die Rekonstruktion eines vollständigen Körpers aus den Bausteinen antiker DNA.

So etwa. Das finde ich daran historisch so herausfordernd wie pädagogisch wichtig für die Studenten: Einen Buchstaben zeichnen, heißt nicht, eine Schrift machen. Und eine Schrift konzipieren, heißt nicht, sie auch mechanisch herzustellen. Das waren und sind drei verschiedene Arbeitsgänge: drei völlig verschiedene Gewerke, die heute in einer Hand liegen.