100 Jahre Bauhaus "Sie sahen es als Ort des Neuanfangs"

Von 1925 bis 1932 Wirkungsstätte internationaler Künstler und Architekten: das Bauhaus-Gebäude in Dessau.

(Foto: Getty Images)

Bauhaus wollte ergründen, was wirklich notwendig ist, und beeinflusst damit bis heute das Bauen. Architekturprofessorin Ines Weizman über die Zerschlagung durch die Nazis und dringend nötige Aufarbeitung.

Interview von Kathrin Heinrich

Ein Jahrhundert Bauhaus - ein Jahrhundert reduzierte Farben, klare Linien und Funktionalität. 1919 gründete Walter Gropius in Weimar die Schule, um Kunst, Architektur und Handwerk zu vereinen. 1925 zog das Bauhaus nach Dessau um, 1932 wurde es von den Nationalsozialisten geschlossen. Der Versuch, in Berlin neu zu beginnen, wurde 1933 ebenfalls unterbunden, viele Bauhausmitglieder emigrierten. Ihre Exilgeschichte erforscht Ines Weizman, Juniorprofessorin für Architekturtheorie an der Bauhaus-Universität Weimar. Im Interview erklärt sie, warum die Kunstschule im Bauhausjahr erst wiederentdeckt werden muss.

SZ: Frau Weizman, wer heute Bauhaus hört, denkt an Designklassiker wie Marcel Breuers Stahlrohrmöbel oder an die Architektur Ludwig Mies van der Rohes. Wofür steht das Bauhaus für Sie persönlich?

Ines Weizman: Natürlich denke ich auch an diese Klassiker, aber doch auch an die vielen internationalen Künstler und Kreative, die das Bauhaus auch zu einem kollektiven Experiment machten. Mich treibt aber auch das Interesse an den Umständen an. Was mich am Bauhaus fasziniert, ist das soziale Umfeld und der politische Kontext.

1919 war gerade die Weimarer Republik ausgerufen worden. Welchen Einfluss hatten die politischen Umstände auf die kurze Schaffensphase des Bauhauses?

Deutschland war zerrüttet. Viele der Studierenden und Lehrenden hatten gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich, einige waren noch traumatisiert. Sie waren bewegt von ihren Erlebnissen und sahen das Bauhaus als Ort der Ankunft, der Besinnung und des Neuanfangs.

Und das zeigt sich im Stil des Bauhauses?

Natürlich. Durch ein sich Öffnen in die Welt der Kunst und Ästhetik. Das führte zu ganz prinzipiellen Fragen des Entwurfs, zur Lehre der Farben und Materialien. Alles wurde auf das Nötigste reduziert. Ein Stuhl, zum Beispiel, war zuvor eine ziemlich komplizierte Sache. Das verschnörkelte Dekor musste in Handarbeit hergestellt werden, dazu wurden schwer zu verarbeitende Materialien wie Samt und Seide verwendet. Am Bauhaus wurde das auf das Einfachste heruntergebrochen. Marcel Breuer entwarf einen Stuhl aus ineinandergreifenden Holzlatten mit Sitz und Rückenlehne aus Textilgurten, die einfach waren, ihn aber recht bequem machten. Man fragte sich, was wirklich notwendig sei - im Wohnbau, aber auch für den Lebensstil der Zukunft.

Ich sitze hier in einem kahlen Büroturm mit Fenstern bis zum Boden und dem Charme eines Kühlschranks - ist daran das Bauhaus schuld?

Ihr Büroturm ist wohl eine Hommage an Mies van der Rohe, den dritten und letzten Direktor des Bauhauses. Mies träumte bereits 1921 von solch einem Hochhaus mit Glasfassade, erst in Amerika konnte er das später verwirklichen. Glasfassaden, die die Dächer fast schwebend erscheinen ließen, und Glashochhäuser waren sein Markenzeichen, das viele Architekten bis heute ziemlich schick finden. Nur steckt nichts mehr vom sozialen Gedanken des Bauhauses in ihnen.

Ines Weizman lehrt als Professorin an der Bauhaus-Universität Weimar und ist Direktorin des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung. 2019 erscheint ihr Buch "Dust & Data. Traces of the Bauhaus across 100 Years" bei Spectorbooks Leipzig. Vom 10.-12. April 2019 lädt das Institut zum XIV. Internationalen Bauhaus-Kolloquium nach Weimar ein.

(Foto: Danalka)

Warum gab es das Bauhaus nur 14 Jahre lang?

Das Bauhaus hat eine holprige Geschichte: Schon in der Weimarer Zeit wurden die Bauhäusler heftig für ihre künstlerischen Experimente, aber auch ihre politischen Positionen kritisiert. In Dessau hat man sie vertrieben und auch in Berlin gab es keinen Neuanfang. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden sie vertrieben und haben international nach Zufluchtsorten und Neuanfängen gesucht. Viele sind so schnell wie möglich in ihr Ursprungsland zurückgegangen, wie Johannes Itten in die Schweiz. Aber für die jüdischen Künstler war das völlig unmöglich, nach aktuellem Stand der Forschung wurden 17 von ihnen durch die Shoa ermordet. Andere wie etwa Anni und Josef Albers sind direkt von Dessau nach Amerika ausgewandert, eine Gruppe um den zweiten Direktor Hannes Meyer ist nach Moskau und fiel dort teilweise dem stalinistischen Regime zum Opfer. Großbritannien war das Sprungbrett, um nach Amerika und- wenn das nicht gelang - nach Palästina auszuwandern. Shmuel Mestechkin oder Arieh Sharon etwa waren aus der Kibbutzbewegung Palästinas gekommen und wollten am Bauhaus lernen. Sie kehrten noch rechtzeitig zurück. Sharon hatte später einen unglaublichen Einfluss auf die Staatsarchitektur Israels.

Ist es dann nicht geradezu zynisch, vom Bauhaus als dem vielleicht bedeutendsten deutschen Kulturexport des 20. Jahrhunderts zu sprechen?

Dieser Slogan des "Exportartikels" ist kein einfacher. Er verdeckt die Komplexität der Bauhaus-Geschichte, die wir eigentlich gerade erst wiederentdecken. Bis heute versucht die Forschung, die Exilgeschichte der Bauhäusler zu rekonstruieren. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung und der darauf folgenden Öffnung von Archiven und Sammlungen konnte eine gemeinsame Entdeckung des Bauhaus-Erbes begonnen werden - und mit ihr ein umfassendes Verständnis der Geschichte. Das ist auch das Tolle an diesem Jubiläum: Aus der ganzen Welt melden sich Leute und berichten von Bauhäuslern, von denen wir nicht wussten, wo es sie hin verschlagen hatte.

Tragen die Bauhaus-Institutionen - vor dem Hintergrund dieser Geschichte - heute eine gesellschaftspolitische Verantwortung?

Ja, die ist ganz wichtig! Damals wie heute müssen wir uns gemeinschaftlich gegen rechte Tendenzen und Angriffe gegen Kulturinstitutionen stellen und das 2019 gefeierte, internationale Netzwerk von Wissenschaftlern, Lehreinrichtungen, Kulturinstitutionen, Sammlungen und interessiertem Publikum auch als starke, gegen rechts einigende Kraft verstehen.

Stattdessen hat man am Bauhaus Dessau 2018 ein Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet abgesagt - aus Angst vor einer rechten Gegendemonstration.

Ich hatte für die Absage kein Verständnis. Wir diskutieren, ob das Bauhaus politisch war oder ist, aber wenn so ein Fall eintritt, dann verweigern wir uns und lassen uns sogar mit rechten Kräften ein. Das staatliche Fernsehen lädt eine Musikband ein - das ist ja nicht radikal! Es werden völlig unverständliche Ängste geschürt. Ich finde es ganz wichtig, dass wir, die Vertreter der Bauhaus-Institutionen in Weimar, Dessau und Berlin, uns gemeinsam mit Kulturinstitutionen und internationalen Wissenschaftlern, Freunden und Gästen diesen rechten Kräften entgegenstellen.

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