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Bauhaus-Jahr:Alles und nichts

Luca Freis "Model for a Pedagogical Vehicle", 2017.

(Foto: Luca Frei)

Die Schau "Bauhaus Imaginista" in Berlin verfolgt Spuren nach Indien, Brasilien und Nigeria. Ein Ende des Bejubelungsmarathons ist nicht in Sicht.

Hortensia Völckers ist eine Frau, der man ohnehin gerne zustimmt, ganz besonders aber dann, wenn sie in sympathischer Offenheit auch einmal ein Hadern an den Dingen anklingen lässt, für die sich ihre Institution, die Bundeskulturstiftung, bester Absichten so engagiert.

"Das Bauhaus-Jahr hat gerade erst begonnen", seufzte sie am Donnerstag bei der Pressekonferenz zur Eröffnung einer Ausstellung mit dem Titel "Bauhaus Imaginista" im Berliner Haus der Kulturen der Welt: "Und man ist fast schon wieder erschöpft von so viel Bauhaus."

"Fast" ist gut. Es ist gerade mal März, und noch nie war in diesem trüben Monat die Sehnsucht so stark, dass es vorfristig Dezember wäre oder gleich 2020, damit man mit dem Namen Bauhaus endlich wieder lediglich einen Baumarkt verbinden darf oder eine Band aus England oder die schönen, teuren Wagenfeld-Lampen, die sie einem in Designläden verkaufen wollen, oder am Ende auch jene berühmte, teilweise interessante, auf jeden Fall sehr widersprüchliche Lehranstalt, die von 1919 bis 1933 unter diesem Namen zuerst in Weimar, dann in Dessau, schließlich in Berlin existiert hat - aber bitte, bitte nicht länger ein angeblich leuchtendes Vorbild für alles und jedes, was heute als gesellschaftspolitisch fortschrittlich und wünschenswert zu gelten hat.

"Das Bauhaus ist plötzlich alles - und nichts", resümierte Völckers in ihrem erstaunlich freimütigen Statement die Sachlage nach den ersten drei Monaten dieses Bejubelungsmarathons, der leider bis zum Ende des Jahres nun noch durchgestanden werden muss. Auch das stimmt. Jede weiße Wand der Welt, jedes Flachdach, jedes halbwegs waagerechte Fensterformat ist inzwischen großzügig dem Bauhaus zugeschlagen worden, egal, ob irgendein dort Lehrender oder Ausgebildeter irgendetwas damit zu tun hatte oder nicht. Der offiziösen Feierwut gilt selbst Tel Avivs Weiße Stadt so selbstverständlich als "Bauhaus", als erwarte die Bundesrepublik endlich ein Dankesschreiben aus Israel für so viel Schönes von den Deutschen. Es fällt bei dieser Ausstellungseröffnung dazu seitens der Kuratoren der unfassbar schulterzuckende Satz: "Es gibt nun einmal eine Gleichstellung von Bauhaus mit der internationalen Moderne." Als wäre es nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern und Ausstellungen, den Volksmund wo nötig zu korrigieren, statt ihm auch noch nachzuplappern.

War Walter Gropius eine Art Felix Krull der Weltkulturgeschichte?

Sogar der Bau des Hauses der Kulturen der Welt selbst wurde bei dieser Gelegenheit kurzerhand zu einem Abkömmling des Bauhauses erklärt, weil der Architekt Hugh Stubbins in Harvard noch bei Walter Gropius studiert hatte. Im Lichte dermaßen unbekümmerter Eingemeindungen kann schon der Verdacht aufkommen, dass auch die kürzliche Umbenennung des Berliner Martin-Gropius-Baus in einen prätentiösen "Gropius Bau" nicht einfach nur ein bisschen doof war, sondern womöglich sogar das Werk von Beratern der Art, die sonst das Verteidigungsministerium schröpfen: "Ist grad Bauhaus-Jahr, streicht den Martin und die Bindestriche, vielleicht klappt es, und ein paar Touristen halten euch für was von Walter . . ." Der wiederum hätte vermutlich nicht einmal etwas dagegen gehabt, auch noch das Werk seines Großonkels untergejubelt zu kriegen, der im Gegensatz zu ihm eine abgeschlossene Ausbildung hatte in dem, was er tat.

Das legt jedenfalls Bernd Polsters vergnügliches Buch über "Walter Gropius - der Architekt seines Ruhms" nahe, soeben bei Hanser erschienen, das den Begründer des Bauhauses als eine Art Felix Krull der Weltarchitekturgeschichte vorführt, als Karrieristen, Opportunisten und Propagandisten. Auch wenn der Ton darin vielleicht ein bisschen hämisch ist, tröstlich ist er insofern, als ansonsten die Weihrauchschwaden nicht auszuhalten wären, die gerade über das Land wabern.

Gibt es denn wirklich gar kein historisch-analytisches Interesse an und keine kritische Distanz zu diesen Dingen mehr, sondern nur noch verzweifelte Affirmation, weil Deutschland so irre händeringend irgendetwas braucht, um sich daran aufzurichten und es im Ausland herumzuzeigen, seit dafür nicht mehr die Dieselmotoren von VW zur Verfügung stehen?

Die Ausstellung beruht auf der verdienstvollen Aufgabe des Goethe-Instituts

Vielleicht liegt das aber einfach in der Natur der Sache. Vielleicht ist das nicht anders möglich, wenn die Antragsprosa für Projektmittel immer alles gleich dermaßen zur Antwort auf politische Problemlagen von heute hindengeln muss, dass man den historischen Teil eigentlich auch weglassen könnte. Denn um die Begriffe "internationalistisch", "Offenheit für andere Perspektiven und Lebensformen", "transkulturelle Begegnungen", "kosmopolitisch" und "Weltoffenheit leben" unterzubringen, und sie alle fielen in beeindruckend kurzer Folge bei dieser Eröffnung, braucht man im Grunde keine Exponate aus dem Bauhaus-Umfeld; die müssen nur zur Beglaubigung herhalten.

Um der Ausstellung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Sie beruht auf der verdienstvollen Arbeit von Goethe-Instituten, die in Gegenden wie Indien, China, Nigeria, Brasilien Anknüpfungen an das Schulmodell des Bauhauses dargestellt haben - also das, wofür Goethe-Institute da sind, die Bekräftigung des kulturellen Austauschs. Wo diese Ausstellungen in Berlin zusammengekommen sind, hat man sie um eine schöne Re-Installation eines "Reflektorischen Farblichtspiels" von Kurt Schwerdtfeger ergänzt, der hier zum Impulsgeber "für emanzipatorische Pop- und Subkulturen" erklärt wird, deren Versenkung in psychedelisch über die Wände geisternde Farbprojektionen man allerdings auch eher eskapistisch nennen könnte. Ob "Bauhaus Imaginista" aber deshalb nun als die befreiende Ausnahme in einer komplett in Grund und Boden verbauhausten Ausstellungslandschaft gelten kann, ist bei der rhetorischen Aufmachung, mit der sie in Berlin daher kommt, fraglich. Schon der Name, der nirgends näher begründet wird, wirkt ja so, als wolle er am liebsten auf Demonstrationen "gegen Rechts" gerufen werden, als Reimwort zum folkloristischen "Alerta, Antifascista". In der Tat soll hier das Bauhaus explizit "für politische Ziele wie Antifaschismus, Antirassismus und Queer Politics" genutzt werden.

Zu diesem ehrenwerten Vorhaben kann man allen Beteiligten nur viel Erfolg wünschen - und dass niemand mit zu vielen historischen Erwägungen über das tatsächliche Bauhaus dabei stört. Mit Johannes Ittens Mazdaznan-Kult zum Beispiel, der sich neben rituellen Darmspülungen durch ein recht rassistisches Menschenbild auszeichnete. Oder mit Oskar Schlemmers Versuchen, sich mit Hitlergrüßen im Bauhausdesign dem neuen Regime anzudienen. Oder mit Gropius' und Mies' Bemühungen, die Sache unter den Nazis bis spät in die Dreißiger hinein weiterzuführen, die ja im Industriebau gegen die Moderne gar nichts hatten. Und muss man erst an einen Bauhäusler wie Fritz Ertl erinnern, der sich mit dem in Dessau gelernten Zweckmäßigkeitsgeist dann für die SS an den Bau der Baracken von Auschwitz machte?

Ausgerechnet mit dem vielgesichtigen Bauhaus im Superwahljahr 2019 gegen die AfD und Konsorten ins Feld ziehen zu wollen, wirkt gelinde gesagt kühn, wenn man bedenkt, das auch die deutsche Rechte ihre Ansprüche darauf anmelden könnte - auf den Einfluss, den Fichtes Reden an die deutsche Nation oder Oswald Spengler anfangs darauf hatten, oder das deutlich Ernstjüngerhafte an Gropius' militaristisch-grimmiger Stahlrohr-Askese. Man kann, wenn man unbedingt will, natürlich schon eine Vorform des Gendersternchens im ersten Bauhaus-Logo sehen. Ein Hakenkreuz allerdings auch. Beides hatte andere Bedeutungen als heute. Welche, das kühl herauszuarbeiten wäre einmal eine Ausstellung wert, die dann auch das Hingehen lohnen würde. Denn für die Beweihräucherung reichen die Designgeschäfte, für ästhetischen Genuss die Platten der gleichnamigen Band und für alles andere der Baumarkt; dort steht man wenigstens ideologisch auf weniger schwammigen Grund.

Bauhaus Imaginista. Haus der Kulturen der Welt, Berlin, bis 10. Juni.

© SZ vom 16.03.2019

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