bedeckt München 13°

Baugeschichte:Niemals wird er fertig sein!

Nachts im Kölner Dom

Ein filigranes Meisterwerk ist die Fassade des Kölner Doms. Ohne Gerüst ist die Kirche jedoch selten zu sehen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Jahrhundertelang wurde an der Kathedrale am Rhein gebaut. Die späte Vollendung verdankt man romantischer Schwärmerei und einem neuen Nationalbewusstsein.

Von Harald Eggebrecht

Eine lange Geschichte voller Unwägbarkeiten, Stil- und Geschmackswandel und gewiss auch Größenwahn ist das: Wie auf römischen Häuserresten aus dem 1. bis 4. Jahrhundert im Zuge der Epochen und etlicher Vorgängerbauten eine der gewaltigsten Kathedralen der Geschichte errichtet wurde, der gotisch-neugotische Dom zu Köln am Rhein.

Die Archäologen haben unter dem heutigen Domchor Spuren eines 30 bis 40 Meter langen Apsidenbaus entdeckt, vermutlich aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Gut hundert Jahre später wurde ein neues Gebäude ähnlich groß gebaut, in dem schon fränkische Fürsten begraben wurden. In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts wurde eine nach Westen erweiterte Kirche hochgezogen. Eine alte Kanzel in Form eines Schlüssellochs zeugt davon. Dieser Bau hatte schon die Länge des späteren "Alten Doms" und bestand bis etwa 800.

Die Ausgräber haben östlich des heutigen Domchors auch eine extra Taufkapelle gefunden, von der das achteckige Taufbecken noch erhalten ist. Im 9. Jahrhundert musste die Kapelle dem Alten Dom weichen. Der wurde auch Hildebold-Dom genannt nach dem bedeutendsten kirchlichen Würdenträger der Karolingerzeit in Köln. Er war einer der wichtigen Ratgeber Kaiser Karls, der dafür sorgte, dass Papst Hadrian I. Köln zum Erzbistum erhob, dem die Bistümer Bremen, Utrecht, Lüttich, Minden, Münster und Osnabrück unterstellt waren. Der neuen Bedeutung entsprechend soll Hildebold die Erweiterung des Doms angeregt haben. Wie dem auch sei, der Vorgängerbau des heutigen Doms wurde 873 geweiht, Hildebold ist aber schon 818 gestorben.

Dombaumeister Gerhard nahm sich die Kathedrale von Amiens zum Vorbild

Dieser Sankt Peter war imposant: 97 Meter lang, eine dreischiffige Basilika mit Apsiden im Osten wie Westen und zwei Querhäusern am Anfang und Ende. Dazu ein großes Atrium. Blitzeinschläge und die Wikinger, die 881 und 882 Köln überfielen, überlebte der romanische Dom. Doch seine Tage waren gezählt, als Friedrich I. Barbarossa durch Reichskanzler und Erzbischof Rainald von Dassel 1164 die Mailänder Kriegsbeute, die Gebeine der Heiligen Drei Könige, nach Köln bringen ließ. Nun musste dringend ein strahlenderer, mächtigerer, schönerer und modernerer, also gotischer Dom her als Aufbewahrungsort für die Reliquien, die gewaltige Pilgerscharen anlockten. 1248 wurde der Abriss des "Alten Doms" beschlossen und der Grundstein für die neue Kathedrale gelegt.

Dombaumeister Gerhard von Rile nahm sich die Kathedrale von Amiens zum Vorbild, deren Mittelschiff die größte Höhe aller französischen Kathedralen mit 42,3 Metern erreicht, abgesehen vom unvollendeten Dom von Beauvais. Allerdings plante Meister Gerhard seinen Bau fünfschiffig. Schon 1265 hatte man den Kapellenkranz um den Chor fertig, 1300 den Chor selbst noch ohne Innenausstattung. Es ging munter weiter mit dem Einsetzen der 17, 15 Meter hohen Glasfenster (1304 bis 1311), die trotz vieler Ergänzungen und Restaurierungen zu den größten erhaltenen Schätzen mittelalterlicher Glasmalerei zählen. 1322 folgte die Chorweihe, nach Westen schloss eine provisorische Wand den Hochchor ab, die Gebeine der Heiligen Drei Könige wurden hierher überführt.

1333 besuchte Petrarca Köln und bewunderte "den Tempel ... in der Mitte der Stadt, sehr schön, doch unvollendet ...". In der Zeit waren längst die Grundmauerarbeiten für die südlichen Seitenschiffe und den Südturm der Doppelturmfassade im Gange. 1360 wurde mit dem Westbau begonnen, 1410 erreichte der Südturm das zweite Geschoss. Doch mit der Aufhängung der Glocken Pretiosa und Speciosa 1448/49 stockten die Arbeiten am Südturm. Auch sonst ging's mit der Bautätigkeit im Zuge des 15. Jahrhunderts unaufhaltsam bergab. 1500 legte man noch den Grundstein für den Nordturm, dann schwanden Geld wie Interesse am Monumentalbau, auch wenn noch ausgestattet und schon repariert wurde. 1560 war Schluss, der Kirchenkoloss lag als gewaltiger Torso da. Im 18. Jahrhundert wurde er in den genutzten Teilen barockisiert, die Besatzungstruppen Napoleons machten den Dom zu Pferdestall und Lagerhalle.

Rund dreihundert Jahre bröckelte und bröselte der Dom bis zur Ruine dahin, sogar an Abbruch des gotischen Monstrums wurde gedacht. Bis 1804 der Dreikönigsschrein zurückkehrte und 1814 Joseph Görres im Rheinischen Merkur den Weiterbau forderte. Als man auch noch die mittelalterlichen Fassadenpläne der Westfassade wiederentdeckte, kam neuer Schwung in die Sache. Die Romantiker schwärmten fürs Mittelalter, und das neue Nationalbewusstsein brauchte ein Stimulans und Symbol. So wurde die Vollendung des Doms nicht aus kirchlicher Notwendigkeit, sondern vielmehr aus ästhetischen und politischen Motiven heraus betrieben.

Am 4. September 1842 war es so weit: In Anwesenheit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. wurde der neue Grundstein auf den Südturm gehievt und dort eingemauert. Geld sammelte der zuvor gegründete Zentral-Dombau-Verein. Schon 1823 war die Dombauhütte wieder eingerichtet worden. Die Pläne der Fertigstellung entwarf Ernst Friedrich Zwirner. Auch Preußens großer Baumeister Karl Friedrich Schinkel beteiligte sich. 1863 wurden die Arbeiten im Innern beendet, die Wand zwischen Chor und Langhaus fiel. Und an der Westfassade wurde weitergebaut. Am 15. Oktober 1880 wurde die Fertigstellung groß gefeiert, das Werk war vollendet nach den alten Plänen. Die Fassaden des Querhauses sind allerdings Schöpfungen der Neugotik, es gab keine historischen Vorlagen. Dass der Dom trotz großer Schäden 70 Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg überstanden hat, liegt auch an der Dacheisenkonstruktion des 19. Jahrhunderts.

Nur, fertig wird der Dom nie, weil der Zahn der Zeit unentwegt an Trachyt- und Sandsteinen nagt durch sauren Regen, Luftverschmutzung und Vogelkot. Dementsprechend hängen immer irgendwo am gotischen Gebirge Baugerüste. Gut so, denn so lange am Dom gebaut wird, geht die Welt nicht unter. Sagen die Kölner.

© SZ vom 24.06.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema