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"Bauern, Land":Ihr habt ja keine Ahnung

"Ich frage nach Urlaub. Sie gucken etwas gequält." - Sonnenaufgang über dem Land.

(Foto: mauritius images / Johannes Pist)

Uta Ruge schreibt ein Buch darüber, wie das kleine Dorf, in dem sie aufwuchs, mit der ganzen Welt zusammenhängt. Sie schildert den harten Alltag in der Landwirtschaft.

Von Burkhard Müller

Gibt es so etwas wie Heimkehr? Uta Ruge (man darf Autorin und Erzählerin hier getrost in eins setzen) hat ihre Kindheit und Jugend auf einem Moor-Bauernhof im Land Hadeln zwischen Hamburg und Bremen verbracht, ist dann zum Studium fortgegangen, hat für FAZ und taz geschrieben, 13 Jahre in London gewohnt und lebt jetzt in Berlin. Aber auch dieser Bauernhof, den nunmehr ihr Bruder Waldemar mit seiner Familie betreibt, ist keine Urheimat. Als Vertriebene kam die Familie aus dem Osten, der Vater schlug sich mit einfachen Tätigkeiten in der Stadt durch, aber schaffte es in den 50ern, wie schon vor dem Krieg, einen eigenen Hof zu kriegen und hochzuziehen.

Als er anfing und glaubte, endlich wieder am Ursprung angelangt zu sein, begann es schon zu Ende zu gehen mit dem, was Marx und Engels abschätzig den "Parzellenbauern" nannten: dem kleinen Familienbetrieb mit Selbstversorgung, zehn Kühen, zwanzig Schweinen und diversem Federvieh, ein paar Hektar Acker und ein paar Hektar Grünland. Vom Ende der Landwirtschaft in Deutschland, oder genauer, da das Land ja noch immer bestellt wird, und effizienter denn je, der deutschen Landwirte, jedenfalls der Mehrheit von ihnen, handelt dieses Buch.

Daheim ist, wo sie einen aufnehmen müssen, auch wenn man ein Fremder geworden ist. Insofern gibt es doch eine Heimkehr für dieses schollenferne weibliche und nicht junge Ich mit so vielen Erinnerungen an das Land von früher. Ihr Bruder ist, man kann es kaum anders nennen, langmütig mit der unbedarften Schwester, auch wenn er, da er wenig Zeit hat, manchmal recht kurz angebunden klingt. Denn wenn sich sonst auch alles geändert hat und gleich im ersten Kapitel die Melkroboter auftreten: Darin ist sich das bäuerliche Leben doch gleich geblieben, dass es aus Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit besteht. "Ich frage nach Urlaub. Sie gucken etwas gequält."

Zu den traditionellen Unsicherheitsfaktoren wie Wetter, Marktschwankungen und Krankheiten von Mensch, Tier und Halm sind neue getreten: eine abgehobene Bürokratie in Brüssel, die zunehmende Feindseligkeit der allgemeinen Bevölkerung. Diese weiß nicht mehr, was heute ein Pflug oder ein Kuhstall ist; ihre Vorstellungen übers Landleben bezieht sie aus der Reklame und macht die ums Überleben kämpfenden Bauern für alles haftbar, was das Grundwasser vergiftet, die Zahl der Insekten gegen null treibt und noch das letzte Rebhuhn aus der Flur verjagt.

Womit sie ja recht haben. Doch dass es für die Bauern unter den Bedingungen eines restlos globalisierten Kapitalismus und des Weltmarkts keine Wahl gibt, als bei Strafe ihres Untergangs mit härtesten Mitteln aus Boden und Tieren herauszuholen, was immer geht, daran lässt die Autorin keinen Zweifel. Keinen Zweifel auch daran, dass die Landwirtschaft jene Widersprüche der Gesellschaft ausbaden muss, über die sich die gemütlich maulenden Städter keine Gedanken machen. Sie verlangen billige Milch, aber kritisieren die Stallhaltung, ohne die es kein rationelles Melken gibt; sie setzen auf nachwachsende Energien und ereifern sich über die Wüsteneien aus Raps und Mais, von denen diese Energien geliefert werden. "So ist das nämlich", erklärt Waldemar: "Ihr wollt ja alle Biostrom. Aber ihr habt keine Ahnung." Oder, in weniger versöhnlichen Augenblicken: "Jeder Frosch ist euch wichtiger als unsere Knochen."

Wenn die Frösche denn wenigstens kämen! Ruge steht vor einer düsteren, nach Fäulnis riechenden Wasserfläche ohne Getier, die aus der bäuerlichen Nutzung herausgenommen und "renaturiert" wurde, und fragt nach dem faktischen Nutzen derartiger Vorgänge, die als Alibi dienen sollen, wenn in der Nähe eine Autobahn gebaut wird: Man hat ja Ausgleich für den Verlust besorgt! Ein neu geschaffener Sumpf produziert mehr klimaschädliches Methan als die Rinder, die vorher hier geweidet haben.

Dass die 2,5 Millionen Hektar Mais in Deutschland, der 14. Teil der nationalen Gesamtfläche, ein Problem bedeuten könnten, stellt Ruge nicht in Abrede. Stattdessen erzählt sie die Geschichte der Maisernte, wie sie heute auf dem alten elterlichen Hof abläuft, mit welcher Hektik sich hier alle ins Zeug legen, weil der zehn Pflanzenreihen breite Häcksler mit seinen 600 PS in den anderthalb Tagen, wo er zur Verfügung steht, 4000 Euro kostet; wie genau hier jeder Handgriff in diesem Ballett aus sieben Treckern sitzen muss; aber auch wie bereitwillig die Nachbarn, die längst bequemere Jobs gefunden haben, dennoch dabei sind, wenn es drauf ankommt.

"Es gab da ein deutliches Beschädigtsein, ein Hinken und Stottern ..."

Gern hätte man noch mehr über das bestimmt nicht einfache und trotzdem freundliche Verhältnis der beiden Geschwister erfahren, der entlaufenen Schwester und des gebliebenen Bruders. Die Kapitel wechseln ab zwischen "Heute", das ist der brüderliche Hof in der Gegenwart, und "Damals", ihrer eigene Kindheit und Jugend in einem Umfeld, das sie keineswegs romantisiert.

Dazu kommt ein dritter, geschichtlicher Teil, in dem es speziell um die Kolonisierung der niedersächsischen Moore und allgemein um die Stellung des Bauern im Gang der Jahrtausende geht. Wie die Amateur-Bäuerin bei der Maisernte hilft, so studiert die Amateur-Historikerin die Kirchenbücher, spricht mit den alten Leuten des Orts, liest Vergils "Georgica" und Sigfried Giedions "Herrschaft der Mechanisierung". Die kleinen Fehler, die ihr unterlaufen - etwa wenn sie den amerikanischen Präsidenten Hoover ins Jahr 1947 verlegt oder Karl dem Großen Schreib- und Lesefähigkeit attestiert, womit er sich bekanntlich schwertat - stören dabei nicht; sie beleuchten vielmehr die Schwierigkeiten, wenn jemand es unternimmt, von der eigenen Erfahrung aus den Bogen zum großen Ganzen zu schlagen.

Den Reiz dieses Buchs macht es aus, dass die Verfasserin weder ganz In- noch ganz Outsider ist und damit jenseits der festgefahrenen Frontstellungen steht. Mit einem Freund zusammen betrachtet sie im Museum das Bild "Der einsame Baum" von Caspar David Friedrich. Dieser Baum in seiner idyllischen Einsamkeit zeugt natürlich auch davon, dass der Boden, in dem er wurzelt, total erschöpft ist. ",Melancholie statt Mineraldünger', sagt er. Wir wissen, dass das blödsinnig ist - zumal die Mineraldüngung erst eine Generation später kam. Aber wenigstens dieses eine Mal wollen wir so vor diesen Bildern stehen, mit diesem ungerechten, unpassenden Bauernblick."

Der unpassende Bauernblick dieser Nicht-Bäuerin ist von Widersprüchen gesättigt und darum aufschlussreich und erfrischend. Statt eines Resümees, das man vielleicht erwartet hätte, betitelt sie den letzten Teil "Lob des Aufhörens und Weitermachens". Das bleibt so als Paradox stehen. Wenn sie im IC zu ihrem Bruder fährt, vergleicht sie die Gesichter der Mitreisenden mit den bäuerlichen Physiognomien, die sie von früher kennt. "Was für ein Unterschied zu den harten, verschlossenen Gesichtern und Körpern der Erwachsenen in meiner Dorfkindheit. (...) Ich sehe Frauen vor mir, früh resigniert und verstummt, dann als Alte gebückt und keifend über den Hof humpelnd. Es gab da ein deutliches Beschädigtsein, ein Hinken und Stottern, verdickte Gelenke, rheumatisch verbogene Finger, chronischer Husten."

Ja, es ist stetig alles besser geworden seither; und es war "damals", vor sechzig Jahren, auch schon vieles besser geworden gegenüber der noch älteren Zeit, als es keinen Kunstdünger und keine Traktoren gab und das Hochwasser zweimal pro Jahr Felder und Häuser überschwemmte. Anstelle des Plumpsklos trat das moderne WC. Das Plumpsklo war übrigens, als es kam, eine große hygienische und zivilisatorische Errungenschaft gewesen. Es ist besser geworden; aber es kommt den Bauern, die schuften müssen wie eh und je, die ihre Höfe nicht halten können, irgendwie nicht zugute. Der letzte Satz des Buchs lautet: "Alles geschieht zu seiner Zeit." Man kommt sehr ins Grübeln dabei. Ist das Resignation? Sollte es so sein? Oder eher anders? Arbeitet die Zeit für uns, oder stecken wir fest im Bann einer Geschichte, die immer Vorgeschichte bleibt? Wer das wüsste! Uta Ruge hat ein Buch geschrieben, das überaus klar ist, gerade weil es Eindeutigkeit vermeidet.

Uta Ruge: Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang. Antje Kunstmann Verlag, München 2020. 480 Seiten, 28 Euro.

© SZ vom 28.09.2020

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