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200 Jahre Charles Baudelaire:Der Mann in Schwarz

Charles Baudelaire, 1869. Edouard Manet (French, 1832-1883). Etching PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: LisztxC

Der französische Dichter Charles Baudelaire, auf einem Stich von Édouard Manet aus dem Jahr 1865.

(Foto: Artokoloro/imago images)

Zum 200. Geburtstag von Charles Baudelaire: In seiner Zeit, in der die Bilder, seine Stadt Paris und die Welt umgebaut wurden, blieb dem Dichter noch die Melancholie.

Von Lothar Müller

In der fotografischen Industrie witterte er die Zuflucht der verkrachten Maler, in der "künstlerischen Fotografie" das ideale Instrument der Inszenierung scheinbar authentischer "lebender Bilder", womöglich in antiken Kostümen. Aber einen Ausweg ließ Baudelaire der Fotografie. Er gestand ihr eine prominente Rolle beim Aufbau der "Archive unseres Gedächtnisses" zu. Sie solle die vom Einsturz bedrohten Ruinen festhalten, die Bücher der Naturforscher mit den Abbildern der mikroskopisch kleinen Tiere versehen, die Forschungsreisenden begleiten, vom Zerfall bedrohte Manuskripte und Zeichnungen überliefern.

Aus dem fotografischen Archiv des 19. Jahrhunderts blickt uns nun Charles Baudelaire selber an, als schwarze Gestalt mit weißem Hemdkragen, Zeitgenosse so vieler Helden in den Romanen der Epoche, die aus der Provinz in die Metropole kamen. Diesen Weg musste er nicht gehen, er war in Paris geboren, am 9. April 1821. Als er in seinem Bericht über den "Salon 1859" der Fotografie empfahl, sich Gegenständen zuzuwenden, die vom Verschwinden bedroht sind, traf dies für den alten Stadtkern von Paris zu.

Die vom Präfekten des Departements Seine, Baron Georges-Eugène Haussmann, vorangetriebene Stadtmodernisierung war in vollem Gange. Der Schaffung neuer Plätze und Boulevards gingen die démolitions voran. Arbeiter posierten für die Fotografen auf den Trümmern vor hoch aufragenden Abrisshäusern, in langen Reihen standen Pferdefuhrwerke zum Abtransport des Schutts bereit. In das Gedicht "Le Cygne" (Der Schwan), eines der Hauptstücke der Abteilung "Tableaux Parisiens" in der Sammlung "Les Fleurs du Mal" ist dieser Stadtumbau eingegangen. Dem Blick auf die neue Place du Carrousel folgen die Verse: "Le vieux Paris n'est plus (la forme d'une ville / change plus vite, hélas!, que le cœur d'un mortel)". In der neuen Übersetzung von Simon Werle (Rowohlt, 2017): "Paris, das alte, ist dahin (noch schneller umgestalten / Als Menschenherzen kann sich, ach, die Form der Stadt)."

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Frühe Fotografien geben einen letzten Ausblick auf das alte, im Umbau begriffene Paris zwischen 1855 und 1860.

(Foto: Artokoloro/imago)

Die Place du Carrousel, die Gerüste, den Schlamm, die Steinquader teilt Baudelaires Gedicht mit den stadthistorischen Fotoarchiven. Nicht aber die Erinnerung an Andromache, die Witwe Hektors, die Überblendung von Troja und Paris und den Auftritt des Schwans, der seinem Gehege entflohen ist und den Stadtraum durchquert wie eine mythische Gestalt aus den Gedichten Ovids. Der Schwan ist wie der Albatros, der in einem anderen Gedicht der "Fleurs du Mal" auftaucht, ein Statthalter der Poesie in einer ihr fremden Welt, sein weißes Federkleid steht im Kontrast zur schwarzen Bilderwelt der Melancholie, von der Andromache umgeben ist, die ihre Stadt verlassen musste und der Gewalt der Sieger unterworfen wurde.

Baudelaire war kunstkritischer Kommentator der Explosion der Farbe in den Gemälden der romantischen Malerei, als deren Heros er Delacroix feierte, und Zeuge des Aufschwungs der Salonmalerei, die von Cinemascope-Formaten träumte, ohne es zu wissen. Seine eigene Kunst aber ist bei allen Ekstasen der Einbildungskraft, die sie enthält, um den Schwarz-Weiß-Kontrast zentriert. Er ist der Mann in Schwarz, der in Poesie und Prosa alle Nuancen der Farbe wie des Wortes "noir" erschließt, ob er gerade für die Franzosen die unheimlichen Geschichten von Edgar Allan Poe, den Autor von "The Raven" und "The Black Cat", übersetzt oder in der dunklen Uniformität der zeitgenössischen Männermode mit ihren Fracks und Zylindern den "Heroismus des modernen Lebens" entdeckt, im schwarzen Gehrock als Ausdruck der politischen Gleichheit die Tristesse der allgemeinen Gemütsverfassung: "ein unabsehbarer Heereszug von Leichenbittern, politischen Leichenbittern, verliebten Leichenbittern. Wir tragen jeder etwas zu Grabe." Illusionen zum Beispiel, wie der französische Roman von Balzac bis Flaubert.

Im Schwarz Baudelaires nisten der Tod und die Melancholie. Ihre Abgesandten im Alltag der Großstadt sind die Hinterbliebenen. Ein ganzer Schwarm von Witwen in schwarzer Trauerkleidung durchzieht das Werk Baudelaires, Andromache, die entthronte Königin, zählt dazu. In einem der dichtesten Stücke der Prosagedichte des "Spleen de Paris" lauschen sie aus der Ferne auf die Konzerte im Park, die sie sich nicht leisten können.

Die Passantin schreitet als Paradoxon durch die lärmerfüllte Straße: Statue in Bewegung

Edouard Manet hat Baudelaire in ein solches Konzert hineingemalt, schwarz gekleidet und mit Zylinder ist er im Profil erkennbar, ein Mann in der Menge. Als Dichter der Großstadt ist Baudelaire berühmt geworden, und als Dichter der Liebe in der Großstadt. Er hat sich dabei einen prägenden Kontrast des 19. Jahrhunderts nicht entgehen lassen, die Spannung zwischen der auf der Straße aufleuchtenden Schönheit des modernen Lebens und dem klassischen Schönen in den Museen. Eines der berühmtesten Gedichte der "Tableaux parisiens", "À une Passante" ("An eine Passantin") lebt vom Kontrast zwischen dem Weiß der marmornen Statuen der Antike und der schwarzen Trauerkleidung der Passantin, auch sie eine der Witwen in Baudelaires Werk. Die Passantin, eine Verkörperung der flüchtigen Schönheit, schreitet als Paradoxon durch die lärmerfüllte Straße, "einer Statue glich ihr Bein". Einer Statue in Bewegung, die dem Museum entkommen ist.

In Baudelaires Paris gibt es nicht nur den Kontrast von Vergangenheit und Gegenwart, Antike und Moderne. Als junger Mann hatte er eine große Seereise gemacht, bis nach Mauritius und La Réunion. Er schrieb über die Weltausstellung 1855 in Paris und starb während der Weltausstellung 1867. Frankreich expandierte nach Afrika und im Second Empire nach Indochina. Im Gedicht "Der Schwan" hat die exilierte Andromache ein Gegenüber in einer von Not und Schwindsucht gezeichneten Schwarzen, die sich ins "stolze Afrika" zurücksehnt. Im "Spleen von Paris" taucht als Reminiszenz der Jugendreise "Die schöne Dorothee" auf. Der Seewind lässt unter ihrem wehenden Kleid "ihr wunderschönes glänzendes Bein zum Vorschein kommen; und ihr Fuß, ähnlich denen der Marmorgöttinnen, die Europa in seinen Museen birgt, hinterlässt seinen getreuen Abdruck im feinen Sand." Wer den Verbindungslinien zwischen dem Kontrast von weißer und schwarzer Venus bei Baudelaire und der französischen Kultur im Second Empire nachspürt, landet in der Kolonialabteilung der Weltausstellungen.

© SZ/masc
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