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Kulturpolitik:Fatale Schwäche

Bauakademie Deutschland Berlin 19 08 2017 Kulisse Denkmal Karl Fiedrich Schinkel Â

Die Bauakademie in Berlin mit dem Schinkel-Denkmal. Dass man jetzt einen neuen Direktor sucht, ist übrigens nicht unbedingt ein Zeichen von Einsicht.

(Foto: Rolf Zöllner/imago)

Es geht weiter im Streit um die Direktion der Bauakademie: Die Stelle, für die ursprünglich ein SPD-Abgeordneter vorgesehen war, wird neu ausgeschrieben.

Von Jörg Häntzschel

Nach einem Jahr wütender Proteste und mehrerer Gerichtsverfahren fügt sich die Bundesstiftung Bauakademie ins Unvermeidliche: Die Direktorenstelle, für die ursprünglich der SPD-Abgeordnete Florian Pronold vorgesehen war, wird neu ausgeschrieben. Das gab am Mittwoch der Stiftungsrat der Bauakademie bekannt. Die Querelen um Pronolds Ernennung und die dadurch verlorene Zeit haben das Projekt in eine existenzielle Krise gebracht. Sparhaushalte, die kommenden Wahlen und der stark abgeflaute politische Rückenwind drohen, ihm das letzte noch verbliebene Leben zu nehmen, wenn sich nicht sehr bald eine inhaltliche und personelle Perspektive findet.

Die Bauakademie, der damals aufsehenerregend moderne Ur-Bau der Berliner Technischen Universität, wurde zwischen 1832 und 1836 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel gegenüber dem Schloss errichtet. Nachdem das Gebäude 1945 im Krieg ausgebrannt war, entstand dort das DDR-Außenministerium. Seit dieses 1996 ebenfalls abgerissen wurde, forderten viele den Wiederaufbau - ob als historische Replik wie das Schloss oder neu interpretiert. Dafür bewilligte der Bundestag 2016 62 Millionen Euro. Eine Stiftung wurde gegründet und ein "Programmwettbewerb" veranstaltet, und schließlich in einem internationalen Bewerbungsverfahren ein Direktor gesucht.

Die Empörung war groß, als für den Posten dann aber der SPD-Abgeordnete Florian Pronold ernannt wurde. Nicht nur, weil er als Baustaatssekretär bereits den Wettbewerb geleitet hatte, sondern auch, weil er praktisch keine der in der Ausschreibung verlangten Qualifikationen besaß. "Postengeschacher", "Kungelei" lauteten die Vorwürfe, und zwar nicht nur bei den über 500 namhaften Personen aus der Kultur-, Museums- und Architekturwelt, die in einem offenen Brief gegen Pronolds Ernennung protestierten.

Fünf Stellen, auf die etwa Architekten oder Museumsleute hätten berufen werden können, blieben vakant

Ihre Kritik richtete sich auch gegen die Intransparenz des Verfahrens und die Tatsache, dass die Stiftung wie die Abteilung einer Behörde operierte, des Innenministeriums nämlich, wo das Bauressort seit dieser Legislaturperiode angesiedelt ist. Stiftungsratsvorsitzende ist die Baustaatssekretärin Anne Katrin Bohle. Der Stiftungsrat ist fast ausschließlich mit Politikern und Funktionären besetzt. Fünf Stellen, auf die etwa Architekten oder Museumsleute hätten berufen werden können, blieben vakant. Dass die Stiftung nach bürgerlichem, nicht öffentlichem Recht aufgesetzt wurde, erlaubte ihr, ohne nennenswerte öffentliche Kontrolle zu agieren.

Dass man jetzt einen neuen Direktor sucht, ist übrigens nicht unbedingt ein Zeichen von Einsicht. Die juristische Lage ließ der Bauakademie kaum eine andere Wahl. Auf eine Klage des bekannten Architekturtheoretikers Philipp Oswalt hin, der sich vergeblich für die Direktorenstelle beworben hatte, hatte ein Gericht das Besetzungsverfahren mit einer Einstweiligen Verfügung gestoppt. Auch im Berufungsverfahren war die Stiftung unterlegen. Schließlich sah man ein, dass es der Bauakademie nicht helfen würde, unter Umständen mehrere Jahre damit zu verlieren, den öffentlich diskreditierten Pronold durchzusetzen.

Im Zuge der Debatte und der Verfahren wurde aber nicht nur die problematische Intransparenz der Stiftungsstruktur deutlich, sondern auch die Schwäche des ganzen Projekts. Es gibt unterschiedlichste Vorstellungen davon, was die Bauakademie sein soll: Den einen ist vor allem der Wiederaufbau des Schinkelschen Gebäudes wichtig, anderen scheint es um eine Art Showroom für die Bauindustrie zu gehen, verbrämt mit dem, was man so "Forum" nennt, während die Unterzeichner des Offenen Briefs sich eine ambitionierte neue Kulturinstitution vorstellen. Die Jury des Programmwettbewerbs vergab unter Pronolds Leitung lauter erste Preise und delegierte die Frage dann an den zukünftigen Direktor. Doch weil der ebenfalls Pronold hieß, gibt es bis heute kein Konzept.

Es fällt jetzt der vor allem fürs Betriebswirtschaftliche zuständigen stellvertretenden Direktorin Julia Rust zu, die Bauakademie trotz dieses inhaltlichen Vakuums und des durch das Pronold-Debakel entstandenen Schadens am Leben zu erhalten. Dass das Innenministerium wenig Interesse an dem Projekt zeigt, und dass dessen größter Fürsprecher Johannes Kahrs (SPD), der auch die 62 Millionen lockergemacht hatte, sich inzwischen aus der Politik verabschiedet hat, hilft ebenfalls nicht weiter. Offen ist nun, ob mit dem neuen Auswahlverfahren auch weitergehende Reformen umgesetzt werden, vor allem eine größere Unabhängigkeit von der Politik.

© SZ/tmh
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