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Bau in NRW geplant:Vor Eröffnung beschädigt

Wohin nur will man mit dem neuen Institut für Fotografie? Nach Essen oder nach Düsseldorf?

Das geplante Deutsche Institut für Fotografie hätte eines der Kulturprojekte werden können, das nicht schon von Beginn an in einem Strudel aus Machtkämpfen und politischer Übergriffigkeit kreist. Am Dienstag legten in Berlin vier Experten um den Kurator Thomas Weski ein überzeugendes Konzept dafür vor. Die Museen und Archive in Deutschland, die Fotosammlungen und Nachlässe bedeutender Fotografen besitzen, seien überfordert. Es fehle dort an Knowhow, Lagerbedingungen, Verfahren, um den Verfall von Abzügen und Negativen zu stoppen und digitale Bilder dauerhaft zu bewahren. Man warnt vor einem "dramatischen Defizit", das möglicherweise zum "Verlust unseres visuellen Gedächtnisses" führen könnte. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte im Juli erstmals laut über eine solche Einrichtung nachgedacht. Weski und mit ihm Ute Eskildsen, Thomas Gaehtgens und Katrin Pietsch, alle Spezialisten auf dem Gebiet, sollten ein Konzept dafür entwickeln.

Doch dann grätschte im November der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, der im Haushaltsausschuss für Kultur zuständig ist, dazwischen. Er hatte gemeinsam mit Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen einen eigenen Plan für ein "Fotoinstitut Düsseldorf" entwickelt. Der Bundestag bewilligte auch 41,5 Millionen Euro dafür; NRW und Düsseldorf stimmten zu, gemeinsam ebenso viel bereitzustellen; in Düsseldorf erschien das Institut sogar schon in der Planung eines neuen Kulturviertels am Rheinufer. Das wird nun zum Problem.

Denn Weskis Konzept spricht sich dafür aus, das Fotoinstitut nicht in Düsseldorf, sondern in Essen anzusiedeln. Mit der Folkwang-Universität, dem Museum Folkwang, der Zeche Zollverein und dem Engagement der Krupp-Stiftung sei dieser Standort ideal. Auch zum Düsseldorfer Konzept, das eine Gruppe um Andreas Gursky, dem bekanntesten Vertreter der "Düsseldorfer Schule", entwickelte, nehmen Weski und die anderen Autoren Stellung. Es binde "die Arbeit der Einrichtung an den Erhalt von Kunstwerken einiger ausgewählter Fotografinnen und Fotografen". Außerdem sei das Budget von 83 Millionen, auf das sich Bundestag und NRW geeinigt haben, aus der Luft gegriffen.

Im Januar hieß es aus dem Haushaltsausschuss, die bewilligten 41,5 Millionen seien an den Standort Düsseldorf gebunden. Grütters war anderer Meinung, aber sicher ist man sich beim Kulturstaatsministerium nicht. Immerhin, so heißt es dort, lägen Essen und Düsseldorf im selben Bundesland, das erleichtere die Verhandlungen. Eventuell könne man das Fotoinstitut auf beide Städte aufteilen: Nach Essen kämen dann Forschung und Archive, in Düsseldorf würden die Ausstellungen gezeigt. Zu hoffen ist, dass man dies nicht tut. Und dass man eine Institution schon vor ihrer Geburt wegen einer politischen Fehlentscheidung beschädigt, ist nicht zu erklären.

© SZ vom 11.03.2020
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